Es gibt Romane, bei denen bräuchte man praktisch schon beim Buchtitel eine Spoilerwarnung – „Lazarus“ von Lars Kepler ist eines davon. Der insgesamt bereits siebte Fall für den finnischstämmigen, jedoch in Schweden ermittelnden Kriminalkommissar Joona Linna ist zwar thematisch weit entfernt vom bekannten gleichnamigen Kirchenheiligen, wer aber über ein normales Maß an Allgemeinbildung verfügt weiß, dass dieser in der Bibel von Jesus von den Toten auferweckt wurde – und kann damit schnell ahnen, womit Alexandra und Alexander Ahndoril (das schwedische Autorenpaar hinter dem Pseudonym „Lars Kepler“) ihren leidgeprüften Helden in diesem Band konfrontieren. Zwar ist dieser im Verlauf der Reihe bereits zwar in gewisser Weise selbst von den Toten wieder auferstanden, im Mittelpunkt von „Lazarus“ steht aber Linnas ärgster Widersacher, der skrupellose Serienmörder Jurek Walter. Der Mann, der für viele Jahre die Familie des Kommissars zu einem dramatischen Versteckspiel gezwungen hat, wurde zwar bei einem Polizeieinsatz von mehreren Kugeln getroffen und stürzte vermeintlich tödlich getroffen in einen reißenden Fluss, doch aktuelle Ereignisse wecken in Joona Linna die Angst, dass das für unmöglich gehaltene tatsächlich Realität ist: Jurek Walter lebt.

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten – und alten Feinden?

Wer mit „Lazarus“ zum ersten Mal mit der Thrillerreihe von Lars Kepler in Verbindung tritt und die bisherigen Bände nicht gelesen hat, der mag nun vielleicht die Befürchtung haben, sich in diesem Fall ohne Vorwissen möglicherweise etwas verloren zu fühlen. Zwar liefern die Ahndorils keine detaillierte Aufarbeitung der bisherigen Geschehnisse um Joona Linna, Jurek Walter und weiteren Beteiligten wie der ebenfalls wieder auftretenden Staatsschutz-Mitarbeiterin Saga Bauer (das würde wohl auch zu viel Raum einnehmen), fassen die wichtigen Eckpunkte der recht komplexen Vorgeschichte aber an den nötigen Stellen kurz zusammen, sodass man „Lazarus“ theoretisch auch als eigenständiges Werk lesen könnte – der ein oder andere Zusammenhang könnte sich für Neueinsteiger aber dennoch nur recht schwer erschließen.

Joona Linna vs. Jurek Walter – das große Finale

Trotz der umfangreichen „Altlasten“ der Story und der vielen Figuren verläuft die eigentliche Handlung in diesem siebten Band der Reihe jedoch recht geradlinig und legt den Fokus auf ein hohes Erzähltempo, reichlich Action und vor allem ein durchaus ausgeprägtes Maß an Brutalität. Anders als bei den vorherigen Büchern gibt es keinen typischen Fall im klassischen Sinne, der mit einem Verbrechen beginnt und über mühsame Spurensuche nach und nach zum Täter führt, stattdessen wird man nahezu unmittelbar in den Konflikt „Joona Linna gegen Jurek Walter“ hineingeworfen. Denn als in Oslo im Kühlschrank eines Ermordeten der ausgegrabene Schädel der toten Ehefrau von Joona Linna gefunden wird und wenig später ein Ermittler aus Deutschland bei einem Mordfall nahe Rostock um Hilfe bittet, bei dem das Opfer zuletzt die Telefonnummer von Linna gewählt hat, ist Keplers Protagonisten direkt klar, wer hinter diesen Fällen steckt – auch wenn seine Kollegen darauf beharren, dass Jurek Walter seit Jahren tot ist. Folglich wird „Lazarus“ für Joona Linna zu einem Katz-und-Maus-Spiel – entweder gegen den wiederauferstandenen Feind oder gegen die eigene Paranoia, die den Polizisten gegen alle Vernunft an das Unmögliche glauben lässt.

Hohes Tempo, hohe Opferzahlen

Folglich liest sich dieser Thriller fast wie eine durchgehende Verfolgungsjagd, bei dem die Rollen von Jäger und Gejagtem jedoch nicht klar verteilt sind. Die Spannung ist von Beginn an hoch und hält dieses Niveau auch bis zum Ende, da Alexandra und Alexander Ahndoril ihre Geschichte clever inszenieren und unter anderem durch einige schnelle Szenenwechsel und gelungene Cliffhanger den Puls ihrer Leserschaft in die Höhe schießen lassen. Dazu trägt auch die bereits erwähnte Brutalität des Buches bei – und dabei ist nicht unbedingt die explizite Schilderung von Gräueltaten gemeint, denn „Lazarus“ ist zwar durchaus gewalthaltig, erspart den Lesern aber auch oft das Schlimmste und lässt dies im Verborgenen geschehen. Häufig sind es vielmehr die seelischen Grausamkeiten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen – etwa wenn Opfer über Monate hinweg lebendig begraben und nur gerade so am Leben erhalten werden, um ihr Leiden ins schier Endlose zu verlängern.

Manchmal etwas zu viel des Guten (bzw. Bösen)

Allerdings birgt dieser Aspekt zugleich auch eine Schwäche des Romans, denn bei all der Spannung und Dramatik wirkt „Lazarus“ insgesamt auch ein wenig plump und setzt etwas zu sehr auf diese Schockeffekte. Gerade in Bezug auf die Figur Jurek Walter bekommt man fast ein wenig das Gefühl, als würde das Autorenpaar ihren Bösewicht gerne auf eine Stufe mit gefürchteten Schurken der Literatur wie z.B. Thomas Harris‘ legendärem Hannibal Lecter oder Sir Arthur Conan Doyles Professor Moriarty stellen – wie eine dunkle Macht, die überall und nirgends ist, scheinbar allwissend mit dem Helden ein perfides Spiel treibt und diesem immer mindestens eine Nasenlänge voraus ist. Doch um eine derartig furchteinflößende Aura zu erzeugen reicht es eben nicht, auf streng genommen doch arg unrealistisch wirkende Weise immer zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und möglichst grausam und gewissenlos zu töten. Um wirklich auch beim Leser für Angst und Schrecken zu sorgen braucht es auch eine bedrohliche und gewisser Weise verstörende Ausstrahlung, doch leider geht diese dem Charakter Jurek Walter völlig ab und dieser bleibt zumindest in diesem siebten Band die meiste Zeit über arg farblos – Gewalt alleine ist eben nicht alles.

Spannender, aber etwas überinszenierter Thriller

Das Autorenduo „Lars Kepler“ hat mit „Lazarus“ also insgesamt einen sehr unterhaltsamen und auch durchweg spannenden Thriller hingelegt, der von Anfang bis Ende zu fesseln weiß – wenngleich Neueinsteiger in die Joona-Linna-Reihe vielleicht ein paar Anlaufschwierigkeiten haben könnten. Um aber wirklich nachhaltig in Erinnerung zu bleiben fehlt es dem Buch jedoch an Überraschungen, da die Geschichte über weite Strecken doch ein wenig vorhersehbar ist – auch weil Alexandra und Alexander Ahndoril Linnas Widersacher etwas zu allmächtig dargestellt haben, sodass die Glaubwürdigkeit dabei des Öfteren auf der Strecke bleibt. Wer die Reihe mag kommt aber sicherlich auf seine Kosten und erhält mit „Lazarus“ einen zufriedenstellenden Abschluss der Jurek-Walter-Story. Wie gut das Buch als Einzelband funktioniert sei an dieser Stelle einmal dahingestellt.

Lazarus (Joona Linna #)
  • Autor:
  • Original Titel: Lazarus
  • Reihe: Joona Linna #7
  • Umfang: 640 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erscheinungsdatum: 28. Februar 2019
  • Preis Geb. Ausgabe 22,00 €/eBook 14,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Mit "Lazarus" liefern die unter dem Pseudonym "Lars Kepler" schreibenden Alexandra und Alexander Ahndoril einen spannenden siebten Fall der Joona-Linna-Reihe mit Showdown-Charakter, dem es aufgrund der arg übertrieben wirkenden Übermächtigkeit des Bösen aber an Glaubwürdigkeit mangelt und der auch dadurch ein wenig überraschungsarm und vorhersehbar daherkommt.

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