Wenn man Brünhilde Blum zu Beginn von „Totenrausch“, dem dritten und abschließenden Roman um Bernhard Aichners unkonventionelle Heldin, erlebt, dann könnte man fast den Eindruck bekommen, die Bestatterin und Mutter hätte all die Torturen der ersten beiden Bände („Totenfrau“ und „Totenhaus“) endlich hinter sich gelassen und könnte mit ihren beiden Kindern in ein neues Leben starten. Wir erinnern uns: Blum rächte auf eigene Faust den Mord an ihrem geliebten Ehemann und ließ die Leichen der Täter in den Särgen ihrer „Klienten“ verschwinden, bis diese schließlich eher zufällig entdeckt wurden und die Polizei dadurch der Rächerin auf die Spur kam. Ihre Flucht hat Blum nun bis auf die norwegischen Lofoten verschlagen, wo sie fernab ihrer Sorgen, der Strafverfolgung und all der Toten, die inzwischen ihren Weg pflastern, endlich einmal durchschnaufen kann. Um sich jedoch tatsächlich eine dauerhafte neue Existenz aufzubauen, braucht Blum ein richtiges Zuhause, einen Job und vor allem eine neue Identität und damit zuallererst einmal neue Pässe für sich und ihre Töchter. Also führt ihr Weg nach Deutschland, wo sie im Hamburger Rotlichtviertel den Zuhälter Egon Schiele um entsprechende Dokumente bittet, der dafür allerdings – welch Überraschung – eine entsprechende Gegenleistung fordert. Und weil Blum weder das nötige Kleingeld hat, noch bereit ist, mit dem schmierigen Schiele ins Bett zu steigen oder sogar für ihn anschaffen zu gehen, bietet sie eben das an, was sie neben dem Einbalsamieren von Leichen mittlerweile am besten kann: einen Mord für ihn zu begehen.

Ein Mord für die Freiheit?

Natürlich sind das nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen Neustart ganz ohne die Dämonen der Vergangenheit, doch Blum sieht offenbar keine andere Möglichkeit, den so lebenswichtigen nächsten Schritt in die Freiheit zu gehen und das ewige Weglaufen endlich und vor allem endgültig zu beenden. Und „Totenrausch“ wäre natürlich auch kein würdiges Finale der Blum-Trilogie, wenn diesmal alles glatt laufen und Bernhard Aichner in aller Seelenruhe vom gemütlichen und friedvollen Leben der nach dem Tod des Vaters – dem Ausgangspunkt von Blums schier unaufhaltsamen Abwärtsspirale – nur noch dreiköpfigen Familie berichten würde. Ruhig kann Aichner vermutlich ohnehin nicht, denn auch diesmal peitscht der Autor seine Leser wieder mit seinem stakkatohaften Schreibstil durch die Seiten, sodass zwischendurch kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Diese Erzählweise ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, hat sich aber im Verlauf der Trilogie als sehr gutes Stilmittel bewährt, um zum einen das Tempo hochzuhalten und zum anderen auch die psychische Ausnahmesituation Blums zu transportieren: alles prasselt so schnell auf die Hauptfigur ein, das man absolut nachvollziehen kann, wenn diese scheinbar nicht mehr klar denken kann und in ihrer Überforderung die ein oder andere unüberlegte Entscheidung trifft.

Gewohnt rasant, aber auch mit den üblichen Unglaubwürdigkeiten

Die atemberaubende Geschwindigkeit kann aber – so mitreißend sie auch sein mag – erneut nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der Autor mit der Logik nicht immer ganz genau nimmt. So stellt man sich zwischendurch wiederholt die Frage, wie Blum sich nach all den Morden überhaupt noch frei bewegen kann, wo sie doch international gesucht wird und jede Polizeistelle Europas einen entsprechenden Fahndungsaufruf vorliegen haben müsste. Zudem werden brenzlige Situationen immer wieder zu schnell und zu einfach entschärft, wobei wie schon in den ersten beiden Bänden gerne auch mal der Zufall kräftig mithilft. Nun kann man darüber diskutieren, ob eine realistischere Betrachtung dieses Aspekts möglicherweise negative Auswirkungen auf das Erzähltempo gehabt und damit einen Teil der Wucht aus der Geschichte herausgenommen hätte – hin und wieder etwas mehr Glaubwürdigkeit hätte diesem Band im Speziellen als auch der Reihe im Allgemeinen sicher nicht geschadet.

Ein konsequentes und würdiges Finale der Blum-Trilogie

Nun sind diese Schwächen aber schon von den beiden Vorgängern bekannt und dürften Brünhilde-Blum-Fans kaum ernsthaft stören, denn sie bekommen bei „Totenrausch“ genau das geboten, was man nach „Totenfrau“ und „Totenhaus“ erwarten durfte: eine rasante, weiterhin kompromisslose und dramatische Fortsetzung, welche die Geschichte um die Bestatterin, Mutter und Mörderin in Personalunion konsequent und schlüssig abschließt. Die im Verlauf der Geschichte entstehenden moralischen Konflikte sind spannend (auch wenn nicht viel Zeit für Tiefgang bleibt) und das Hamburg-Setting mit seinem Kontrast von abgründigem Rotlichtmilieu auf der Reeperbahn und scheinbar friedlicher Idylle im Nobel-Vorort ist interessant und spiegelt die Zwickmühle in Blums Leben zwischen dunkler Vergangenheit und sorgloser Zukunft gut wider. Dazu werden alle wichtigen offenen Fragen beantwortet und losen Fäden zusammengeführt. Da „Totenrausch“ zwar im Vergleich zum etwas schwächelnden Vorgänger wieder zulegt, in Bezug auf die emotionaler Wucht der Geschichte nicht ganz an den ersten Band heranreicht, ist dieses Finale zwar qualitativ nicht unbedingt der Höhepunkt der Trilogie, dürfte Blum-Fans aber insgesamt auf jeden Fall zufriedenstellen.

Totenrausch (Brünhilde Blum #3)
  • Autor:
  • Reihe: Brünhilde Blum #3
  • Umfang: 380 Seiten
  • Verlag: btb Verlag
  • Erscheinungsdatum: 9. Januar 2017
  • Preis Geb. Ausgabe 19,99 €/eBook 15,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
8/10
Fazit:
„Totenrausch“ erreicht zwar nicht ganz die emotionale Wucht des ersten Bandes und hat wie die Vorgänger mit der ein oder anderen Unglaubwürdigkeit zu kämpfen, Bernhard Aichner peitscht seine Leser aber gewohnt temporeich über Logikschwächen hinweg und liefert einen dramatischen und insgesamt absolut überzeugenden Abschluss seiner kompromisslosen Rachestory.

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