Die Flut_Rezi

Michael und Julia können ihr Glück kaum fassen, als sie von Michaels Arbeitskollegen Andreas zu einem gemeinsamen Urlaub auf der Nordseeinsel Amrum eingeladen werden – dieser hat dort ein Haus geerbt und bietet dem Pärchen gegen ein wenig Unterstützung bei den Renovierungsarbeiten ein paar kostenlose Tage im idyllischen Urlaubsparadies. Doch schon kurz nach der Ankunft wird den beiden klar, dass der Aufenthalt wohl weniger erholsam wird als erwartet. Andreas Ehefrau Martina entpuppt sich schnell als ständig mies gelauntes Biest, die Ehe ihrer Gastgeber scheint in Trümmern, Michaels Arbeitskollege hat offenbar ein Auge auf Julia geworfen und zu allem Überfluss schockiert auch noch ein grausamer Mord die sonst so friedliche und beschauliche Insel: ein Wahnsinniger hat ein Urlauberpaar entführt, die Frau bis zum Hals am Strand eingegraben und den Mann gefesselt dazu gezwungen zuzusehen, wie seine Freundin langsam und äußerst qualvoll von der nahenden Flut ertränkt wurde. Während sich die Bevölkerung Amrums aufgrund der unfassbaren Tat im Schockzustand befindet, kommt es für Michael und Julia knüppeldick – denn Michael ist plötzlich der Hauptverdächtige der Ermittler…

Wenn das Wasser steigt kommt der Tod

Ich gebe es ganz ehrlich zu: Ich mag es, wenn Krimis oder Thriller auf Inseln spielen, da das räumlich begrenzte Setting und die Isolation vom Festland fast schon automatisch ein Gefühl der Beklemmung und Angst erzeugt, sobald auf der Insel etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Es gibt kein Entkommen, man ist dem Bösen weitestgehend hilflos ausgesetzt, kann im Ernstfall kaum auf Hilfe von außen hoffen und der wohl beunruhigendste Aspekt: Der Täter ist häufig eine vertraute Person, da auch die Anzahl der Charaktere in der Regel recht überschaubar ist. Nun ist das beliebte deutsche Touristenziel Amrum in der Nordsee zwar nicht gerade das das typische „einsame Insel“-Setting, trotzdem bringt auch der Schauplatz von Arno Strobels neuem Psychothriller „Die Flut“ viel Potenzial mit – vor allem, wenn der Autor sich die Gegebenheiten vor Ort auf solch perfide Weise zu eigen macht wie Strobel, denn in diesem Roman wird die Natur selbst zum Mordwerkzeug. Der Mörder setzt seine Opfer nämlich hilflos der Flut aus, indem er Urlaubspaare verschleppt, die Frau nachts bis auf den Kopf im Sand vergräbt und sie einem nicht zu gewinnenden Todeskampf gegen das steigende Wasser aussetzt – und das alles, während der Mann gefesselt dabei zusehen muss, wie die Liebe seines Lebens einen qualvollen Tod findet.

Originelle Mordmethode, aber ziemlich eintöniger Plot

Bei der Mordmethode kann man sich also schon mal nicht über fehlende Originalität beschweren, allerdings scheint sich damit die Kreativität des Autors bereits erschöpft zu haben, denn die Geschichte selbst kommt doch recht eintönig daher. Denn statt seine Protagonisten in ein raffiniert konstruiertes Inseldrama zu verstricken, beschränkt sich Strobel fast ausschließlich auf künstlich erzeugte und bis zum Erbrechen hochgepushte Konflikte. So besteht die Handlung gefühlt zu gefühlt 90% daraus, dass sich alle gegenseitig scheiße finden und wirkliche Ermittlungsarbeit findet so gut wie gar nicht statt, weil sich auch die Polizisten lieber gegenseitig scheiße finden statt ihrer verdammten Pflicht nachzukommen und sich auf die Suche nach dem Killer zu machen. Das extra vom Festland eingeflogene Ermitterduo wirkt zu 50% unsympathisch und zu 50% hilflos, insgesamt aber zu 100% unfähig: der vermeintliche Star-Ermittler legt sich nämlich ohne jegliche Hinweise auf einen willkürlichen Verdächtigen fest und ist im Anschluss nur noch damit beschäftigt, diesen bei jeder Gelegenheit zu beleidigen und die zumindest theoretisch vielleicht nicht ganz so unfähige andere Hälfte des Duos ist hat alle Hände voll damit zu tun, den verbalen Amoklauf seines Arschloch-Kollegen unter Kontrolle zu bringen. Es gibt hier nicht einmal ansatzweise Gelegenheit zum Miträtseln, weil Strobel überhaupt keine Spuren auslegt und eigentlich jeder der fast durchgängig ätzenden Charaktere alleine schon wegen seiner Arschigkeit verdächtig ist, man aufgrund fehlender Hinweise aber auch niemanden ausschließen kann.

Wer wird Amrums größtes Arschloch?

Natürlich sind unsympathische Figuren kein Kriterium für eine schlechte Wertung, schließlich bieten auch Thriller wie „Gone Girl“ oder „The Girl on the Train“ alles andere als Charaktere, mit denen man gerne mitfiebert oder mit denen man sich identifizieren kann – allerdings schaffen es diese Bücher, durch perfide Intrigen dennoch ein hohes Spannungsniveau zu erzeugen, was Arno Strobel aber gänzlich misslingt. Die Geschichte ist durch die immer gleichen persönlichen Anfeindungen unglaublich repetitiv und wirkt mehr wie ein Wettkampf um den Titel „Amrums größtes Arschloch“ statt ein intelligenter Whodunit-Krimi, der spätestens ab der Hälfte ungemein anstrengend wird. Am Ende war der Autor dann von seinen nervenden Arschloch-Charakteren offenbar selbst so sehr genervt, dass er auch keine Lust mehr auf die Story hatte und diese dann aus heiterem Himmel mit einer völlig umplausiblen und überhasteten Auflösung abbricht, bei der weder eine glaubwürdige Erklärung für die Überführung des Täters noch ein nachvollziehbares Tatmotiv geliefert werden – wie auch, wenn in den Stunden zuvor fast gar keine Ermittlungsarbeit stattgefunden hat, weil die Charaktere allesamt zu sehr mit ihrer Arschigkeit beschäftigt waren. Ich habe wirklich selten eine derart dumme und haarsträubende Auflösung wie bei diesem Buch erlebt, aber irgendwie musste man die Geschichte ja schließlich zu Ende bringen

Ein spannungsarmer, aber ungemein nerviger Inselkrimi mit billiger Auflösung

Wäre das völlig bescheuerte Ende nicht gewesen hätte man „Die Flut“ mit sehr viel Wohlwollen vielleicht noch unter der Kategorie „uninspirierter, aber wenigstens noch halbwegs unterhaltsamer Thriller“ abheften können, mit dem völlig missratenen und sehr billig wirkenden „Plottwist“ (der eigentlich auch nur deshalb einer ist, weil die Handlung so mies konstruiert ist, dass die Schlusspointe logisch nicht vorhersehbar ist) hat Strobel dann aber auch den letzten Kredit bei mir verspielt. Wer bei „Die Flut“ einen Lichtblick finden will, der muss schon zur Hörbuchfassung greifen, denn dort liefert Sascha Rotermund eine wirklich hervorragende Vorstellung ab und verleiht der Geschichte wenigstens ein bisschen Leben. Insbesondere in den Todesszenen läuft der Sprecher zur Höchstform auf und macht diese mit seiner eindringlichen Lesung zu den wenigen Highlights dieses Psychothrillers.

Die Flut
  • Autor:
  • Sprecher: Sascha Rotermund
  • Länge: 8 Std. 31 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Argon Verlag
  • Erscheinungsdatum: 21. Januar 2016
  • Preis 13,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
4/10
Fazit:
Arno Strobel zeigt sich bei seinem Insel-Psychothriller „Die Flut“ lediglich bei der unkonventionellen Mordmethode seines Täters kreativ, die extrem repetitive Handlung mit künstlich hochgepushten und ungemein nervtötenden Konfliktsituationen lässt allerdings nur selten wirklich Spannung aufkommen. Die total missratene und völlig unplausible Auflösung verpasst der Geschichte dann endgültig den Todesstoß, sodass nur Hörbuch-Sprecher Sascha Rotermund als einziger Lichtblick herausragt.

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