Jack_Rezi

Der Franzose Matthieu Savary ist eine Koryphäe im Bereich Physik und der unangefochtene Star an der Genfer Forschungseinrichtung CERN. Während seine Kollegen noch fieberhaft nach dem Gottesteilchen forschen und das Universum zu erklären versuchen, ist Savary ihnen schon längst einen Schritt voraus und hat mit seinen Erkenntnissen heimlich an einem eigenen Projekt gearbeitet: dem Bau einer Zeitmaschine. Als der Forscher seine Konstruktion aber mit einem Selbstversuch testet, schlägt das Experiment auf katastrophale Weise fehl und sorgt für eine Explosion, bei der Savary beinahe ums Leben kommt – wäre er nicht im letzten Moment von einer Unbekannten gerettet worden. Diese macht ihm in Krankenhaus ein verlockendes Angebot: Er soll eine streng geheime Mission leiten und ein Team von Spezialisten zusammenstellen, das dann eine Zeitreise in das Jahr 1888 antritt. Das Ziel der Unternehmung: Savary und Co. sollen in London eine ganz besondere Mordermittlung führen und das Geheimnis um die Identität des meist berüchtigten Serienkillers der Kriminalgeschichte lüften…

Mit der Zeitmaschine zur Jagd auf Jack the Ripper

Seit nun fast 130 Jahren rätseln Kriminologen, Wissenschaftler und Hobby-Ermittler um die Auflösung des vielleicht größten Mysteriums der Kriminalgeschichte: Wer war Jack the Ripper, der Serienmörder, der im Jahr 1888 in London mindestens fünf Frauen auf brutale Art und Weise ermordete und von der Polizei nie geschnappt werden konnte? Wäre es da nicht praktisch, wenn man auf mühsame Spurensuche und das Durchforsten uralter Akten verzichten und einfach in der Zeit zurückreisen könnte, um den Mörder sozusagen auf frischer Tat zu ertappen? Dieser Gedanke liegt auch dem Thriller „Jack“, einer Gemeinschaftsproduktion der Schottin Tess Riley und des Deutschen Christian Brandt zugrunde, ebenso wie die unter Ripperologen recht populäre Theorie, dass der Serienkiller damals ein Mitglied des englischen Königshauses war. So sieht sich die Monarchie auch diesmal von einem Skandal bedroht, als ein Enthüllungsjournalist den Nachweis für die Täterschaft eines Prinzen erbringen will, und greift zu unorthodoxen Maßnahmen: Kurzerhand wird ein bedeutender Physiker „entführt“ und mit einer Reihe weiterer Spezialisten auf Zeitreise geschickt, um die Ripper-Morde aufzuklären und das Königshaus ein für allemal zu entlasten.

Ein Haufen Profilneurotiker auf historischer Mission

Der Einstieg in „Jack“ liest sich dabei ein wenig so, als wäre man in einer Light-Version von Dan Browns Verschwörungsthriller „Illuminati“ gelandet, denn auch Rileys Geschichte beginnt in der Genfer Forschungseinrichtung CERN, wo der Franzose Matthieu Savary mithilfe des riesigen Teilchenbeschleunigers eine Zeitmaschine baut, wenn auch mit zunächst überschaubarem Erfolg, denn Savary reist zwar durch die Zeit, sprengt aber dabei auch beinahe das halbe Institut und sich selbst in die Luft – schwere Strahlenschäden inklusive. Eine ominöse Fremde gibt ihm aber eine zweite Chance und lässt den von sich selbst überaus überzeugten Wissenschaftler bei der „Wer war Jack the Ripper“-Zeitreisemission nahezu freie Hand. So geht die erste Hälfte des Buches dann überwiegend für die Zusammenstellung des Teams – das aus einem Haufen ähnlich unsympathischen Profilneurotikern wie Savary selbst besteht – drauf, und das leider auch ein wenig holprig. Die Geschichte springt wild einmal um die ganze Welt und zurück und lässt dabei kaum Erzählfluss aufkommen.

Zeitreisen für Einsteiger

Interessant wird es eigentlich erst ab der Mitte des Romans, wenn die „Time Unit“ dann endlich ihre Mission antritt und auch tatsächlich durch die Zeit reist. Das Problem dabei ist allerdings: Man bekommt von dem eigentlichen Sprung ins Jahr 1888 nicht viel mit, denn vom einen Kapitel zum anderen ist man plötzlich nicht mehr in der Gegenwart, sondern im viktorianischen London. Wie das aber genau funktioniert hat, darüber lassen Riley und Brandt ihre Leser nahezu komplett im Unklaren und machen es sich damit sehr einfach, indem sie auf komplizierte physikalische Erklärungen fast komplett verzichten – wer hier von den genialen Zeitreise-Theorien eines Andreas Eschbach in „Das Jesus-Video“ oder „Der Jesus-Deal“ verwöhnt wurde, für den ist „Jack“ in dieser Hinsicht eine einzige Enttäuschung. Auch faszinierend-komplexe Gedankenspiele über Zeitparadoxa und ähnliche zu überwindende Herausforderungen sucht man leider vergeblich.

Kurzweiliger, aber oft enttäuschend oberflächlicher Zeitreise-Thriller

Die Ripper-Mission selbst ist hingegen jedoch recht unterhaltsam geschrieben, wenngleich man auch hier keine allzu detaillierten historischen Fakten erwarten sollte. Die Atmosphäre des düsteren und vor allem auch dreckigen Londons des Jahres 1888 wird aber gut eingefangen und sorgt zusammen mit einigen blutigen Szenen für die nötigen Schauer-Effekte. Allerdings kann auch die durchaus gelungene Auflösung nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl Story als auch Charaktere in „Jack“ sehr oberflächlich geraten sind und ganz eindeutig auf den reinen Unterhaltungsaspekt ausgelegt wurden. So ist dieser Zeitreise-Thriller zwar durchgängig kurzweilig, richtig mitreißen will die originelle Ripper-Story aber nicht, weil man sich immer wieder über fehlende Erklärungen bestimmter physikalischer Vorgänge ärgert oder kaum eine Beziehung zu den flachen Charakteren aufbauen kann. Als launiger Thriller für zwischendurch erfüllt „Jack“ somit durchaus seinen Zweck, mit ein wenig mehr Liebe zum Detail wäre hier aber deutlich mehr drin gewesen. Allerdings scheinen weitere Abenteuer der „Time Unit“ nicht ganz ausgeschlossen, somit bleibt ja dann vielleicht noch Gelegenheit zur Besserung.

Jack
  • Autor: ,
  • Umfang: 320 Seiten
  • Verlag: rororo
  • Erscheinungsdatum: 30. Mai 2015
  • Preis Taschenbuch 9,99 €/eBook 9,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
6/10
Fazit:
"Jack" von Tess Riley und Christian Brandt ist eine zwar durchaus kurzweilige Zeitreisegeschichte mit einer interessanten Herangehensweise an den "Jack the Ripper"-Mythos, verärgert aber mit den sehr oberflächlichen Erklärungen und unsympathischen Charakteren

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