Zwienacht_Rezi

Als Richard Gerling die Augen aufschlägt, kommt es ihm so vor, als sei er mitten in einem schrecklichen Albtraum erwacht: Er liegt fast völlig nackt und nur mit einem winzigen Lederslip bedeckt auf dem Hof einer Grundschule, während um ihn herum gerade die Einschulungsfeier in vollem Gange ist. Richard hat keine Ahnung, wie er in diese peinliche Situation gekommen ist und sieht nach dieser Demütigung auch keine andere Möglichkeit als die Stadt fluchtartig zu verlassen und im beschaulichen Döbeln im Osten Deutschlands unterzutauchen – schließlich ist er in seiner Heimat im Ruhrgebiet als erfolgreicher Schriftsteller viel zu bekannt und würde dort fortan überall mit dem verstörenden Erlebnis konfrontiert werden. Doch auch am anderen Ende der Republik findet Richard nicht zur Ruhe: Er kämpft weiterhin mit den psychischen Folgen des traumatischen Ereignisses und fühlt sich auch in seiner eigenen Wohnung nicht sicher. Allerdings weiß Richard nicht, ob er sich die unheimlichen Geräusche und seltsamen Vorfälle nur einbildet, oder ob es tatsächlich jemand auf den Bestsellerautor abgesehen hat…

Ein gedemütigter Schriftsteller im unfreiwilligen Exil

Für Fans der populären Mystery-Thriller-Reihen „Darkside Park“ und „Porterville“ dürfte der deutsche Autor Raimon Weber ein alter Bekannter sein, schließlich steuerte dieser mit mehreren Episoden einen nicht unbedeutenden Teil zum Erfolg der Serien bei. Allerdings hat Weber darüber hinaus auch immer wieder eigene Projekte verfolgt, darunter auch eine um seine Heimatstadt Unna herum spielende Thriller-Reihe, der eben auch der als eBook verlegte Titel „Zwienacht“ angehört. Tragischer Held dieses Romans ist der durchaus prominente Schriftsteller Richard Gerling, der nach einem überaus peinlichen und für ihn völlig unerklärlichen Vorfall in einer ostdeutschen Kleinstadt untertaucht, um dort erst einmal Abstand zu gewinnen und das Erlebte zu verarbeiten. Der Einstieg in die Geschichte wirkt zwar etwas konstruiert und befremdlich, zumal Gerling nicht nur fast nackt auf einem Schulhof erwacht, sondern nur Sekunden später auch noch vom Blitz getroffen wird – als wäre ersteres noch nicht merkwürdig genug.

Gemächlich erzähltes Verwirrspiel zwischen Realität und Wahnsinn

Zudem braucht „Zwienacht“ eine ganze Zeit, um in die Gänge zu kommen, denn passend zum beschaulichen Schauplatz geht es auch in der Geschichte eher gemächlich zu. Hier ein paar merkwürdige Geräusche in Gerlings Wohnung, dort ein paar immer wiederkehrende Erinnerungslücken und hin und wieder ein verdächtiges Verhalten im Wohnhaus – nichts, was einem beim Lesen den Puls in ungesunde Höhen schießen lassen würde. Für den Protagonisten sieht es da schon ganz anders, dieser macht sich mit jeder Kleinigkeit noch mehr verrückt, was teilweise fast schon absurde Ausmaße annimmt, etwa wenn er mit seinem Nachbarn ausführlich darüber diskutiert, ob nicht ein paar Ratten einer putzmunteren Katze den Kopf abgerissen haben könnten – wer kennt sie schließlich nicht, die gefürchteten Döbelner Monsterratten? Ein Gutes hat der bemitleidenswerte Zustand der Hauptfigur aber auf jeden Fall: Durch die geistige Unzuverlässigkeit des Erzählers wird durchaus Spannung aufgebaut, da man eben nie genau weiß welche Ereignisse der Realität entsprechen und was vielleicht doch eher auf die Folgen des Blitzschlags zurückzuführen ist.

Solider Psychothriller ohne den ganz großen Nervenkitzel

Stilistisch ist Raimon Webers Psychothriller zwar ebenfalls keineswegs überragend und so mancher Dialog wirkt nicht ganz ausgefeilt, alles in allem lässt sich „Zwienacht“ aber recht angenehm lesen und wird mit fortschreitender Handlung auch immer kurzweiliger. Der Autor legt geschickt die ein oder andere falsche Fährte und bietet auch eine passable Auflösung, allerdings ist es etwas schade dass diese letztlich etwas aus heiterem Himmel kommt und man als miträtselnder Leser eigentlich keine echte Chance zur Aufklärung des Falls hatte – zumindest was die Motivation des Täters betrifft. Insgesamt ist „Zwienacht“ aber dennoch ein grundsolider Thriller, den man sich für kleines Geld durchaus mal anschauen kann und mit dem man für zwei bis drei Stunden auch kurzweilig unterhalten wird. Wie man aber auf die Idee kommen konnte, Raimon Weber aufgrund seiner Unna-Krimis als „Stephen King des Ruhrgebiets“ zu bezeichnen, wird mir allerdings ein Rätsel bleiben – dieser Vergleich hinkt wirklich an allen nur erdenklichen Ecken und Enden, denn Gänsehaut mag bei dieser trotz des leicht eskalierenden Endes insgesamt doch eher zahmen Geschichte kaum aufkommen.

Zwienacht
  • Autor:
  • Umfang: 222 Seiten
  • Verlag: Psychothriller GmbH
  • Erscheinungsdatum: 28. September 2012
  • Preis eBook 8,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Raimon Webers Psychothriller „Zwienacht“ lebt zwar in erster Linie von seinem unzuverlässigen Erzähler, ist aber trotz der über weite Strecken eher gemächlichen Story und sprachlicher Schlichtheit ein solider Spannungsroman für Zwischendurch.

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