Mr Mercedes_Rezi

Acht Menschen kommen ums Leben, als ein wahnsinniger Attentäter mit einem gestohlenen Mercedes in die ahnungs- und wehrlose Menschenmenge rast, die sich schon in den frühen Morgenstunden vor der Jobbörse einer amerikanischen Kleinstadt versammelt hat, um eine der begehrten Stellen abzubekommen. Der Täter entkommt unerkannt und die von Schuldgefühlen geplagte rechtmäßige Besitzerin des Todeswagens reiht sich nur wenig später mit ihrem Selbstmord in die Zahl der Opfer des grausamen Blutbades ein. Für Detective Bill Hodges war dieser Massenmord sein letzter großer Fall, dessen verpasste Aufklärung ihn auch dann noch plagt, als er schon seit Monaten ein eintöniges und stumpfsinniges Rentnerdasein fristet. Aus heiterem Himmel erreicht ihn dann jedoch ein Brief, in dem sich der Täter mit seinem Verbrechen brüstet und den Ex-Cop mit Hohn und Spott überschüttet. Doch statt der Forderung des Mörders nachzukommen, sich aufgrund seines damaligen Versagens in den Suizid zu stürzen, setzt Hodges von neuem Ehrgeiz getrieben alles daran, „Mr. Mercedes“ endlich seiner gerechten Strafe zuzuführen…

Der Meister des Horrors versucht sich an einem Kriminalroman

Wer sich die inhaltsangabe zu Stephen Kings neuem Roman „Mr. Mercedes“ durchliest, wird sich vermutlich erst einmal kurz die Augen reiben: Von Horror ist hier keine Spur, stattdessen deutet alles auf einen waschechten Kriminalroman hin – auch mal etwas Neues vom Meister des Grauens. Und wer zu Beginn gleich einmal eine reißerische Darstellung des schier unfassbaren Attentats erwartet, erlebt die nächste Überraschung. King beschäftigt sich nämlich viel mehr mit den Opfern des Anschlags, die in einem Moment noch hoffnungsvoll vor der Jobbörse stehen und sich mit der Aussicht auf den langersehnten neuen Arbeitsplatz und somit eine Perspektive in der von der Wirtschaftskrise gebeutelten Kleinstadt die stundenlange Wartezeit vertreiben, und deren Existenz wenige Minuten später von einem skupellosen Wahnsinnigen völlig ausgelöscht wird – die Sekunden der Bluttat selbst fertigt King hingegen erstaunlich nüchtern und in wenigen Sätzen ab.

Ein antriebsloser Ex-Cop erlebt seinen zweiten Frühling

Spätestens mit dem Auftritt der Hauptfigur, dem pensionierten Detective Bill Hodges, wird dann endgültig klar, dass in „Mr. Mercedes“ weniger die Story als vielmehr ihre Charaktere im Mittelpunkt stehen – angefangen beim erwähnten Ex-Cop, der im Ruhestand zunehmend beim peinlichen Nachmittagsprogramm seines Fernsehers verdummt, mit seinem deutlichen Übergewicht auch körperlich weit von seinen besten Jahren entfernt ist und schon fast aus reiner Langeweile einem Selbstmord gar nicht mehr so abgeneigt ist. Als ihn aber ausgerechnet der Täter in seinem letzten ungelösten Fall dazu auffordert und sich auf widerwärtige Weise für sein Massaker selbst feiert, erreicht „Mr. Mercedes“ – dessen Identität für den Leser von Anfang an kein Geheimnis ist – das genaue Gegenteil: Plötzlich hat Hodges wieder ein Ziel vor Augen und nimmt die Herausforderung des Killers an. Dabei bekommt die in die Jahre gekommene Spürnase hochmotivierte Unterstützung, und zwar von dem aufgeweckten farbigen Nachbarsjungen, der regelmäßig bei ihm den Rasen mäht…

Ein gemütlicher, aber mitnichten langweiliger Roman

Aus dieser Ausgangssituation könnte sich nun ein rasanter Thriller voller Spannung und Dramatik entwickeln – tut es aber nicht. Es wirkt zwischenzeitlich fast ein wenig so, als würde Stephen King mit der Erwartungshaltung seiner Leser spielen und ihnen amüsiert eine gemütliche Geschichte servieren, die man eigentlich nicht einmal wirklich als Kriminalroman bezeichnen kann. Denn wenn man ehrlich ist, passiert in Kings aktuellem Werk über die meiste Zeit kaum etwas, was den Herzschlag der Leser auch nur annähernd in die Höhe schießen lassen könnte. Ist „Mr. Mercedes“ deshalb langweilig? Nein, denn im Gegensatz zu vielen früheren Romanen des Bestsellerautors kommt es trotz gemächlich voranschreitender Handlung zu keinerlei Längen und man begleitet den zugleich rauhen und höchst sympathischen Ex-Polizisten nur allzu gerne in seinem zweiten Frühling, der ihn nicht nur mit so manchem Wunderwerk der Technik (sprich dem Einsatz von Computern bei der Ermittlungsarbeit), sondern auch mit in seinem Alter nicht mehr für möglich gehaltenen Gefühlen konfrontiert. Wenn man dann im Vorbeigehen noch einen zwar wenig komplizierten, aber gut ausgearbeiteten Kriminallfall präsentiert bekommt – umso besser.

Eine weitere Sternstunde David Nathans

Vielleicht wäre „Mr. Mercedes“ aber auch bei weitem nicht so gelungen, wenn da nicht ein gewisser Hörbuchsprecher namens David Nathan wäre. Der längst zum King-Spezialisten aufgestiegene Erzähler läuft hier ein weiteres Mal zur Höchstform auf und wenn Nathan zur Interpretation des manchmal etwas knurrigen Hodges, des cleveren Sidekicks Jerome, des frustrierten Versagers Brady Hartsfield und allen voran der durchgeknallten, aber äußerst liebenswürdigen Holly ansetzt, dann wirkt es nicht selten so, als würde Stephen King seine Charaktere extra für dessen Art des Vorlesens erschaffen. Dann macht es auch nichts, wenn mal ein oder zwei Stunden lang nichts Erwähnenswertes passiert – man sitzt ganz einfach gerne da und lässt sich von dem Dreamteam King & Nathan eine schöne Geschichte mit einem Haufen skurriler Figuren erzählen.

Kein Horror-Thriller, aber eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden

Wer von „Mr. Mercedes“ die üblichen King-Zutaten Horror, Ekel und Sex erwartet, wird zumindest in den ersten beiden Punkten komplett enttäuscht, denn mit seinem neuen Werk geht der Amerikaner eindeutig den Weg weiter, den er schon mit „Der Anschlag“ und „Joyland“ eingeschlagen hat. Und wer so viele Bestseller und Meilensteine der Horror-Literatur abgeliefert hat, kann es sich ganz einfach auch mal erlauben, eine in den Grundzügen zwar simple, aber durch die spannenden Charaktere dann doch tiefgehende Geschichte zu erzählen, die nett in einem klassischen und fast schon altmodischen Krimi verpackt wird – inklusive kleiner Anspielungen auf die eigenen Klassiker. Wer daran genau so große Freude hat wie ich, der darf sich schon einmal auf mehr davon freuen, denn „Mr. Mercedes“ wird noch zwei Fortsetzungen erhalten – wie auch immer diese nach der eigentlich abgeschlossenen Geschichte aussehen mögen.

Mr. Mercedes
  • Autor:
  • Sprecher: David Nathan
  • Original Titel: Mr. Mercedes
  • Länge: 16 Std. 38 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Random House Audio, Deutschland
  • Erscheinungsdatum: 5. September 2014
  • Preis 13,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
8/10
Fazit:
"Mr. Mercedes" ist weder Horrorroman noch Thriller, stattdessen präsentiert sich Stephen King ein weiteres Mal als großer Geschichtenerzähler und lässt einen Haufen skurriler aber liebenswürdiger Charaktere in einem gemütlichen geschriebenen Old-School-Krimi ermitteln.

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