Krähenmädchen_Rezi

In einem Park in Stockholm sorgt ein schockierender Leichenfund für Entsetzen: Bei dem Toten handelt es sich um einen kleinen Jungen, dessen kalter Körper in einem grausigen Zustand ist. Das Kind ist mit Narben übersät und ihm fehlen sowohl die Augäpfel als auch die Genitalien – wie die Untersuchung der Rechtsmedizin ergibt, wurden sie dem Jungen bei lebendigem Leibe entfernt. Kommissarin Jeanette Kihlberg wird mit dem Fall betraut, doch während sie noch verzeifelt für einen Ansatzpunkt ihrer Ermittlungen sucht, wird schon eine weitere Leiche gefunden. Wieder ist das Opfer ein kleiner Junge und die Spuren an dem Körper lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei dem Mörder in beiden Fällen um die gleiche Person handelt…

Der nächste Stieg Larsson?

Wer sich ein wenig für skandinavische Krimis und Thriller interessiert, der wird vermutlich in den letzten Wochen schon einmal über „Krähenmädchen“ gestolpert sein – schließlich ist der erste Band der Victoria-Bergmann-Trilogie aus der Feder der beiden Schweden Jerker Eriksson und Håkan Alexander Sundquist (veröffentlicht unter dem gemeinsamen Pseudonym Erik Axl Sund) derzeit einer der am meisten gefeierten Kriminalromane. Der Hype geht sogar so weit, dass die Autoren teilweise schon als legitime Nachfolger von Stieg Larsson angesehen werden – gewaltige Vorschusslorbeeren, die natürlich auch zu einer entsprechenden Erwartungshaltung führen.

Ein Psychothriller, der eigentlich keiner ist

Die Voraussetzungen sind nach dem Lesen der ersten Kapitel auf jeden Fall schon mal nicht schlecht: Der üble Leichenfund und die zuvor erlittene unvorstellbare Qual des jungen Opfers ist direkt wie ein Schlag in die Magengrube und macht der Leserschaft umgehend klar, dass die beiden Autoren hier mit Sicherheit nicht vorhaben, irgendetwas zu beschönigen. Da auch die zweite Leiche nicht allzu lange auf sich warten lässt, deutet in der Anfangsphase vieles zunächst auf einen typischen Serienmörder-Thriller mit gewohnter nordischer Kälte hin – ein Ersteindruck, der jedoch gewaltig täuscht. Man wird beim Lesen nämlich sehr schnell feststellen, dass der Krimiplot eigentlich gar keine so große Rolle spielt, denn der Fokus der Geschichte liegt bei diesem Roman eindeutig auf den Charakteren, wobei hier vor allem Frauen im Mittelpunkt stehen. So springt die Handlung vornehmlich zwischen zwei Figuren hin und her: der Stockholmer Kriminalkommissarin Jeanette Kihlberg, welche die Ermittlungen in der erschütternden Mordserie leitet, und der Psychologin Sofia Zetterlund, deren Bedeutung für die Geschichte sich im ersten Drittel noch nicht ganz erschließt.

Eigenwilliger Stil des schwedischen Autorenduos

Wer bis hierhin aufmerksam gelesen hat, wird sich nun vielleicht ein wenig wundern, denn ein Name fehlt noch: Victoria Bergman, die der Trilogie immerhin ihren Namen gibt. Ich bin während der Lektüre auch mehrmals stutzig geworden, denn besagte Person taucht zum einen nur am Rande und dann sogar nie in Form einer eigenen Erzählperspektive auf – sie ist lediglich eine der Patientinnen, die Sofia Zetterlund in den regelmäßigen Therapiestunden ihr Herz ausschütten. Eine Krimihandlung, die völlig an den Rand gedrängt wird und eine Titelfigur, die kaum auftaucht – irgendwie ist in „Krähenmädchen“ alles ein wenig seltsam und so ganz anders, als man es von den meisten Vertretern des Genres gewohnt ist. Das ist einerseits die große Stärke dieses Serienauftakts, denn der Stil von Eriksson und Sundquist ist auf jeden Fall originell und hat mit Sicherheit Wiedererkennungswert. Die große Frage ist jedoch, ob man sich mit diesem sehr eigenwilligen Stil anfreunden kann, der wer sich von diesem Buch in erster Linie einen spannenden Psychothriller erhofft, der wird am Ende höchstwahrscheinlich eine gewisse Enttäuschung kaum verhehlen können.

Sehr komplexe Charakterisierungen mit schwer verdaulichen Schicksalen

Voll auf seine Kosten kommt hingegen, wer auf tiefgehende Charakterisierungen Wert legt und gerne möglichst viel über die Motivation hinter den Handlungen der Figuren erfährt, denn in dieser Hinsicht ist „Krähenmädchen“ kaum zu schlagen: Jeder wichtige Charakter erhält eine ausführliche Hintergrundgeschichte und wird dadurch sehr lebendig und in seinem Verhalten nachvollziehbar. Allerdings hatte ich das Problem, dass mir die einzelnen Charaktere teilweise viel zu ähnlich waren, da in irgendeiner Hinsicht jeder eine recht traumatische Vergangenheit hat. Vor allem das Thema Missbrauch spielt bei Erik Axl Sund eine große Rolle und wird meist auch sehr schonungslos und eindringlich dargestellt. Es wirkt aber oft etwas dick aufgetragen, wenn wirklich jede Figur so einen schweren psychischen Rucksack mit sich herumträgt, so viel Elend auf nur wenige Personen konzentriert erscheint dann doch ein wenig unglaubwürdig.

Als Thriller eine Enttäuschung, als Psychostudie hingegen stark

Es hängt also auch ein wenig vom Leser ab, ob „Krähenmädchen“ den Hype gerechtfertigen und die Erwartungshaltung erfüllen kann. Ich als Thrillerfan habe mich jedenfalls über die Missachtung des Krimiplots geärgert, da für mich hier viel Potenzial ungenutzt bleibt – zumindest bisher, denn die Geschichte ist am Ende dieses Buches noch lange nicht abgeschlossen. Allerdings gibt es im Schlussdrittel einen ziemlich guten Wendepunkt, der dann doch die Neugier auf die Fortsetzungen weckt. Zumindest die Lesung der Hörbuchfassung von Thomas M. Meinhardt hinterlässt einen durchgängig guten Gesamteindruck, dieser liest die oft schwer verdauliche Geschichte nämlich mit viel Einfühlungsvermögen.

Krähenmädchen
  • Autor:
  • Sprecher: Thomas M. Meinhardt
  • Original Titel: Kråkflickan
  • Reihe: Victoria Bergman #1
  • Länge: 13 Std. 19 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Hörverlag
  • Erscheinungsdatum: 21. Juli 2014
  • Preis 10,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Als reiner Psychothriller eine Enttäuschung, als bittere Charakterstudie hingegen hochinteressant – ob "Krähenmädchen" überzeugen kann, hängt vor allem von der Erwartungshaltung des Lesers ab.

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