Buchcover
Autor: Wilkie Collins
Umfang: 896 Seiten
Verlag: Fischer Verlage
Erscheinungsjahr: 1860
Originaltitel: The woman in white
Preis: 9,95 € (Taschenbuch)

Klappentext:
Mörderische Intrigen und dunkle Familiengeheimnisse, eine mysteriöse Erbschaft und eine große Liebe – dieser Klassiker des englischen Kriminalromans, kongenial übersetzt von Arno Schmidt, ist spannend von der ersten bis zur letzten Zeile. Die beiden Hauptfiguren sind ein echt viktorianisches Liebespaar, und für die Aufklärung des Verbrechens bedient sich Collins einer sehr modernen Methode: Nicht ein allwissender Erzähler, sondern die Personen der Handlung selbst enthüllen nach und nach in raffinierten Briefen und Berichten das Geheimnis um die Frau in Weiß.

Meine Buchbesprechung:
Als der Londoner Zeichenlehrer Walter Hartwright einem Freund das Leben rettet, vermittelt ihm dieser zum Dank eine lukrative Anstellung in Cumberland, wo er am Landsitz des wohlhabenden Herrn Fairlie die beiden Halbschwestern Marian Halcombe und Laura Fairlie unterrichten soll. Kurz bevor er sich auf den Weg nach Limmeridge House, seinem neuen Arbeitsplatz, macht, trifft er mitten in der Nacht vor den Toren Londons eine verängstigte Frau, die ihn um seine Hilfe bittet. Die ganz in Weiß gekleidete junge Frau gibt an, sie sei auf dem Weg zu einer Freundin in London, wisse aber nicht, ob sie auf der richtigen Straße sei. Walter möchte gerne näheres über die Gründe für ihre heimliche Nachtwanderung erfahren, doch die geheimnisvolle Frau lässt nur durchblicken, dass sie Angst vor einem bestimmten und hochangesehenen Baron habe. Kurz nachdem der Zeichenlehrer sie in die Stadt begleitet hat, belauscht er ein Gespräch zwischen zwei Männern, die offenbar auf der Suche nach eben dieser Frau sind. Diese sei aus einem Sanatorium für Geisteskranke geflohen und müsse unbedingt wieder zurück in die Anstalt gebracht werden. Hartwright misstraut den Fremden jedoch und beschließt, seine Begegnung mit der Flüchtigen vorerst für sich zu behalten.

Eine schicksalhafte nächtliche Begegnung mit weitreichenden Folgen

Der nächtliche Zwischenfall lässt den Zeichenlehrer aber nicht los und beschäftigt ihn auch noch nach seiner Ankunft in Limmeridge House. Da die Frau in Weiß ihm gegenüber erwähnte, dass sie selbst in ihrer Kindheit auf diesem Anwesen gelebt habe, erzählt er seiner neuen Schülerin Miss Halcombe von seinem Erlebnis. Dadurch ist auch Marians Neugier geweckt und so stellen die beiden während Walters Aufenthalt weitere Nachforschungen an, woraufhin die Frau als Anne Catherick identifiziert werden kann, eine ehemalige Schülerin der Mutter der beiden Schwestern. Wenig später verliebt sich Walter in Laura Fairlie – da diese jedoch bereits einem Baron versprochen ist, muss der Zeichenlehrer Limmeridge House verlassen. Als daraufhin ein anonymer Brief auf dem Landsitz eintrifft, der Laura ausdrücklich vor der Hochzeit warnt, wird Hartwright misstrauisch – und wie es aussieht kann nur die geheimnisvolle Anne Catherick für Aufklärung sorgen…

Krimi-Klassiker aus dem 19. Jh. und Begründer des Schauerroman-Genres

Zur Abwechslung gibt es diesmal keine Rezension einer Thriller-Neuerscheinung, sondern die Besprechung eines waschechten Klassikers. „Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins wurde nämlich bereits 1860 veröffentlicht und gilt als erster Vertreter aus dem Genre des englischen „Mystery Novel“ oder, wie es so schön im Deutschen heißt, des „Schauerromans“. Auf das Buch bin ich eher zufällig beim Stöbern auf Amazon.de gestoßen und habe mich durch die überschwänglichen Bewertungen direkt zu einem Kauf verleiten lassen. Als das Paket dann aber bei mir ankam, war ich von den knapp 900 Seiten auf hauchdünnem Papier doch ein wenig abgeschreckt und habe das Buch erst einmal auf meinem SUB abgelegt, bis der bei der Auswahl des nächsten Lesestoffs behilfliche Zufallsgenerator mich quasi zum Lesen des Romans genötigt hat.

Da „Die Frau in Weiß“ mittlerweile rund anderthalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat, brauchte ich zunächst einmal eine kleine Einfühlungsphase, um mich mit dem Schreibstil und der Sprache vertraut zu machen. Bei der deutschen Übersetzung von Arno Schmidt hat man sich nämlich bemüht, den Charakter des englischen Originals bestmöglich beizubehalten, daher wirken Ausdrucksweise und Satzbau zu Beginn ein wenig altmodisch und umständlich, weshalb ich nicht gleich in den gewohnten Leserhythmus gekommen bin. Die kurze Einarbeitungszeit macht sich jedoch bezahlt, denn Wilkie Collins Schmöker hat insgesamt doch einiges zu bieten.

Zwischen Gesellschaftsdrama und Kriminalroman

Mit „Mystery“ hat das Erzählte vorerst aber eher wenig zu tun, denn nach dem nächtlichen Intermezzo mit dem Zeichenlehrer Hartwright und der Frau in Weiß, die sich wenig später als Anne Catherick herausstellt, werden zunächst einmal die Anhänger von historischen Gesellschaftsdramen bedient. Wie man es sich schon denken kann, wenn ein Zeichenlehrer mittleren Alters auf zwei junge Frauen trifft, verliebt sich Walter in eine der beiden Halbschwestern – und zwar in die bezaubernde Laura Fairlie, die nicht nur deutlich hübscher, sondern aufgrund ihres reichen Vaters auch deutlich wohlhabender als Marian Halcombe ist. Zwar erwidert Laura die Gefühle ihres Lehrers, allerdings ist sie bereits dem deutlich älteren Baron Sir Percival Glyde versprochen. Da Walter ein ehrenhafter Mann ist, beschließt er gemeinsam mit Marian, dass es besser ist, wenn er Limmeridge House umgehend verlässt, um das zu erwartende Gefühlschaos zu vermeiden. Das klingt jetzt vielleicht nach kitschigem Groschenroman, ist aber eigentlich halb so wild und sollte auch für Anti-Romantiker problemlos zu ertragen sein, denn mehr als ein paar liebevolle Blicke wird an Zärtlichkeiten eh nicht ausgetauscht. Außerdem ist diese angedeutete Romanze für die Geschichte unbedingt notwendig, denn sie liefert die Motivation für Walter Hartwrights späteres Handeln. Als nämlich der bereits angesprochene Brief in Cumberland eintrifft und der anonyme Absender Laura dringend von der Hochzeit abrät, kommt Bewegung in die Handlung und die Krimifreunde dürfen nun aktiv miträtseln. Die Aufrichtigkeit des bisher so zuvorkommend auftretenden Sir Percival Glyde wird nämlich nun in Frage gestellt und es gilt zu ermitteln, ob an diesem Verdacht tatsächlich etwas dran ist und Miss Fairlie Gefahr läuft, sich ins Unglück zu stürzen.

Sehr komplexe Geschichte mit kaum zu vermeidenden Durchhängern

Der Roman hat nicht ohne Grund fast 900 Seiten, denn wie man bereits erahnen kann, ist Wilkie Collins‘ Erzählung äußerst komplex und erstreckt sich zudem über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Der Autor breitet dabei auf meisterhafte Weise seine Puzzlestücke aus, die er dann nach und nach langsam zusammensetzt. Hierbei lässt sich allerdings kaum verhindern, dass mancher Abschnitt etwas langatmig erscheint, da der Sinn der einzelnen Passagen oft nicht auf den ersten Blick erkennbar ist. Folgt man aber Collins‘ Ausführungen bis zum Schluss, so wird deutlich, wie auch scheinbare Nichtigkeiten plötzlich eine große Bedeutung bekommen, sodass man feststellen kann, dass der Autor trotz des enormen Umfangs kaum ein Wort zu viel verliert. Besonders gelungen ist auch die Erzählweise des Romans, denn „Die Frau in Weiß“ ist eine Sammlung von Briefen und Berichten, in denen die handelnden Figuren selbst die Ereignisse schildern. Initiator dieser Erzählung ist zwar der Zeichenlehrer Walter Hartwright, doch immer wenn dieser der Meinung ist, dass eine andere Person die Geschehnisse besser und genauer wiedergeben kann, wird die Perspektive gewechselt, sodass im Verlauf des Romans fast alle Haupt- und Nebencharaktere einmal zu Wort kommen. Man muss hier auch nicht zu viel Stückwerk befürchten, denn bis auf ein oder zwei Ausnahmen sind die Berichte sehr umfassend und haben in der Regel eine Länge von 100 Seiten und mehr.

Vielschichtige und oft schwer durchschaubare Charaktere

Loben muss man den Autor auch für seine vielschichtigen Charaktere, die immer wieder mit neuen Facetten überraschen und den Leser oft bis zum Schluss im Unklaren über ihre wahren Absichten lassen. Besonders hervorzuheben sind hier Marian Halcombe, die gute Seele der Geschichte, und der italienische Graf Fosco, dem die Rolle des zwielichtigen Schurken zukommt. Marian ist die Aufrichtigkeit in Person und stellt ihre eigenen Bedürfnisse immer selbstlos hinten an, meist zugunsten ihrer ohnehin schon deutlich begünstigteren Halbschwester. Obwohl Marian sehr viel unattraktiver ist und über kaum finanzielle Möglichkeiten verfügt, ist sie nur darauf aus, Laura ein angenehmes und sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Sobald sie dieses Ziel bedroht sieht, wird sie zur tapferen Kämpferin, die sich furchtlos mit ihren Widersachern anlegt. Die Figur des Fosco hingegen überzeugt vor allem durch ihre Undurchsichtigkeit, denn der Conte schwankt permanent zwischen zuvorkommendem Edelmann und hinterlistigem Betrüger, sodass man selbst kleinste Nuancen in seinem Verhalten beachten muss, um die jeweilige Motivation des Mannes zu erkennen und zu verstehen. Aber auch abgesehen von den Hauptfiguren sind die Charaktere sehr sorgfältig gezeichnet und bis in die kleinste Nebenrolle gut ausgearbeitet.

Schlussfazit:
Man braucht sicherlich eine gewisse Eingewöhnungszeit, um sich mit dem altmodischen Charme des Buches anzufreunden und sich wirklich auf die Geschichte einlassen zu können. Zudem ist „Die Frau in Weiß“ wahrlich kein Page-Turner, der sich wie von selbst liest. Oft ist Geduld und Hartnäckigkeit erforderlich, da sich die Bedeutung mancher Passagen oft erst einige hundert Seiten später erschließt und diese dadurch schon einmal unwichtig und überflüssig erscheinen können, sodass sich die Lektüre manchmal etwas in die Länge zieht.

Kein Page-Turner, aber ein lesenswertes Kriminaldrama

Trotzdem findet Wilkie Collins in solchen Momente immer wieder Mittel, um den Leser neu an das Buch zu fesseln, sei es durch überraschende Charakterentwicklungen, unvorhergesehene Storywendungen oder die Andeutung drohenden Unheils. Wenn der Autor dann auf den letzten 200 Seiten die Karten auf den Tisch legt und die Handlungsfäden zu einem beeindruckenden Gesamtbild zusammenfügt, fällt es dann auch tatsächlich sehr schwer, den dicken Wälzer aus der Hand zu legen. Somit ist „Die Frau in Weiß“ sicher keine leichte Lektüre, aber wer Lust auf eine Mischung aus Kriminalroman und Gesellschaftsdrama mit Tiefgang hat, der sollte sich auch von dem fortgeschrittenen Alter des Buches nicht abschrecken lassen und Collins‘ Roman eine Chance geben – die Mühe lohnt sich.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
„Die Frau in Weiß” von Wilkie Collins ist in der „Fischer Klassik“-Reihe der Fischer Verlage erschienen und hat einen Umfang von 896 Seiten. Das Buch ist für 9,95 € als Taschenbuch erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Website.


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