Autoren: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt
Umfang: 592 Seiten
Verlag: Rowohlt Polaris
Erscheinungstermin: 01. November 2011
Originaltitel: Det fördolda
Preis: Broschierte Ausgabe 14,95 €/eBook 12,99 €

Klappentext:
In einem Waldstück bei Västerås entdecken Kinder die Leiche eines Jungen – brutal ermordet, mit herausgerissenem Herzen. Der Tote ist schnell identifiziert: Roger war Schüler eines Elitegymnasiums und seit Tagen vermisst.
Die Polizei vor Ort ist überfordert, und so reist der Stockholmer Kommissar Höglund mit seinem Team in die Provinz. Dort trifft er überraschend einen alten Bekannten: Sebastian Bergman, ein brillanter Kriminalpsychologe und berüchtigter Kotzbrocken. Seit Bergman Frau und Tochter bei einem Unglück verlor, hat man kaum noch von ihm gehört. Nun bietet er Höglund seine Hilfe an. Das Team zeigt sich wenig begeistert. Doch schon bald ist der hochintelligente Bergman unverzichtbar. Denn in dem kleinen Städtchen Västerås gibt es mehr als eine zerstörte Seele …

Meine Buchbesprechung:
In der schwedischen Kleinstadt Västerås in der Umgebung von Stockholm wird der 16-jährige Schüler Roger Eriksson von seiner Mutter als vermisst gemeldet. Die örtliche Polizei nimmt dies zwar zur Kenntnis, darüber hinaus passiert aber erst einmal nichts – schließlich könne es durchaus mal vorkommen, dass ein Jugendlicher etwas länger von Zuhause fern bleibe. Da auch noch das Wochenende vor der Tür steht, vergehen über zwei Tage, bis Polizeikommissar Thomas Haraldsson den Fall auf den Tisch bekommt. Dieser vermutet hinter Rogers Verschwinden aber ebenfalls nur eine typische Ausreißer-Story und ermittelt lediglich halbherzig im Umfeld des Vermissten, bis bei einer Suchaktion in einem Waldgebiet schließlich die Leiche des Jungen aufgefunden wird – verstümmelt durch 22 Messerstiche und mit herausgeschnittenem Herzen.

Brutal ermordeter Jugendlicher in der schwedischen Provinz – die Reichspolizei nimmt die Ermittlungen auf

Da die Polizei in Västerås sich bisher in dem Fall nicht mit Ruhm bekleckert hat, hegt Polizeichefin Kerstin Hanser die Befürchtung, dass ihre Ermittler mit dem Mord nun erst recht überfordert sind und bittet daher die Reichspolizei unter der Leitung von Torkel Höglund um Mithilfe. Da sich Höglund und Hanser bereits von früheren Fällen kennen, zögert der Polizist nicht lange und macht sich mit seinem Team auf den Weg in die schwedische Provinz. Ihre ersten Schritte führen zur elitären Palmlövska-Schule für Kinder reicher Eltern, wo Roger nach Mobbing-Attacken an seiner früheren Schule verzweifelt um Anerkennung kämpfte – mit allerdings eher mäßigem Erfolg, wie ein Blick in das Privatleben des Schülers zeigt. So gut wie keine Freunde, eine vorgetäuschte Freundin und ein gestörtes Verhältnis zu seiner ignoranten Mutter – das ist die traurige Bilanz des Roger Eriksson. Doch wer hatte einen derart großen Hass auf den Jungen, dass dieser schließlich zu dem grausigen Verbrechen geführt hat oder ist der 16-Jährige womöglich sogar einem brutalen Ritualmörder zum Opfer gefallen?

Auftakt der fünfteiligen Sebastian-Bergman-Reihe von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt

Das Buch mit dem interessanten Titel „Der Mann, der kein Mörder war“ stammt aus der Feder der beiden Schweden Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, die bisher vor allem als Radio- und Fernsehmoderator (Rosenfeldt) oder Regisseur und Produzent (Hjorth) auf sich aufmerksam gemacht haben. Beide sind in Schweden aber auch populäre Drehbuchautoren und zeichnen sich u.a. für die Verfilmungen der Henning-Mankell-Romane verantwortlich. Da ist der Schritt zum Romanautor nicht weit und so setzten sich Hjorth und Rosenfeldt zusammen und schufen die Figur des Kriminalpsychologen Sebastian Bergman, der in dem Debütroman des Autorenduos seinen ersten von fünf geplanten Fällen lösen darf.

Sebastian Bergman – genialer Kriminalpsychologe, aber menschlich ein Totalausfall

Beim Lesen meiner kurzen Inhaltsangabe ist euch vielleicht aufgefallen, dass eben dieser Bergman dort noch gar nicht erwähnt wurde – und das aus gutem Grund, denn er spielt zu Beginn des Buches auch in dem Kriminalfall Roger Eriksson noch überhaupt keine Rolle. Stattdessen lernt der Leser Sebastian Bergman als gebrochenen und einsamen Mann kennen. Seinen Beruf als Polizeipsychologe hat er mehr oder weniger an den Nagel gehängt, seit seine Frau und seine kleine Tochter bei der Tsunami-Katastrophe in Südostasien ums Leben gekommen sind. Über diesen Verlust ist Bergman immer noch nicht hinweg und er wird weiterhin nachts regelmäßig von schlimmen Albträumen heimgesucht. Da Alkohol, Medikamente und Therapien ihm auch nicht helfen konnten, betäubt Sebastian seinen Schmerz nun mit unzähligen bedeutungslosen Affären. Die Frauen selbst sind ihm dabei völlig egal, doch der Kick der Eroberung ist für ihn zu einer Sucht geworden, der er sich nur schwer entziehen kann. Folglich ist die erste Szene mit seiner Beteiligung auch das Aufstehen nach einer weiteren dieser besagten Nächte und die Art und Weise, wie Bergman sein neuerliches „Opfer“ abspeist, sorgt nicht gerade für riesige Sympathien beim Leser. Ein Publikumsliebling soll er aber auch gar nicht sein, denn der Psychologe ist von den Autoren bewusst als „Arschloch“-Typ angelegt worden, wie es zum Beispiel bei der US-TV-Serie „Dr. House“ auch der Fall ist. In sozialer Hinsicht ist Sebastian Bergman ein absoluter Totalausfall: Andere Menschen sind ihm völlig egal und für ihn zählt nur die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse. Auf seinem beruflichen Fachgebiet ist er aber ein genialer Kopf, der sich beängstigend gut in die Psyche von Verbrechern hineinversetzen kann und mit seinen unkonventionellen Methoden immer wieder Erfolg hat.

Spannende und realitätsnahe Story mit überraschenden Wendungen

Interessanterweise rutscht Sebastian Bergman eher zufällig in die Ermittlungen hinein. Eigentlich ist er nur in Västerås, um den Haushalt seiner kürzlich verstorbenen Mutter (zu der er „überraschenderweise“ ebenfalls ein gestörtes bzw. gar kein Verhältnis hatte) aufzulösen und die Immobilie schnellstmöglich zu veräußern. In dem Nachlass findet er dann aber Briefe, aus denen hervorgeht, dass er möglicherweise seit Jahren eine Tochter hat, die aus einer seiner zahlreichen Affären entstanden ist. Als ihm dann noch zufällig sein alter Bekannter Torkel Höglund über den Weg läuft, sieht er seine Chance gekommen, um mithilfe der Polizeidatenbanken mehr über sein Kind zu erfahren und bietet zu diesem Zweck scheinheilig seine Hilfe beim Fall Eriksson an. Ab diesem Zeitpunkt nehmen dann auch die bisher eher stockenden Ermittlungen endlich Fahrt auf, da Bergman mit seinen Eingebungen immer wieder für geniale Impulse sorgt, die das Team der Reichspolizei nach und nach voranbringen. Hjorth und Rosenfeldt entwickeln in der Folgezeit eine packende und abwechslungsreiche Story, die mit authentischer Polizeiarbeit überzeugt und den Leser durch viele gelungene Wendungen bei Laune hält. Besonders im letzten Viertel des Buches überschlagen sich förmlich die Ereignisse und man kann den Roman praktisch nicht mehr aus der Hand legen.

Tolles Ermittlerteam mit einer reizvolle Figurenkonstellation

Die Autoren überzeugen aber nicht nur durch den clever konstruierten Krimiplot, sondern auch mit ihren interessanten Charakteren und der daraus resultierenden Figurenkonstellation. Dabei verkommen die weiteren Teammitglieder der Reichspolizei aber im Schatten von Sebastian Bergman nicht zu reinen Statisten, sondern tragen selbst viel zur Aufklärung des Falls bei. Durch das rücksichtslose Auftreten des Kriminalpsychologen ist zudem massig Konfliktpotenzial vorhanden, das sich regelmäßig in heftigen Diskussionen entlädt. Doch auch abgesehen von Bergman setzen die Autoren zahlreiche Reizpunkte, zum Beispiel in Form von beruflicher Rivalität oder einer Affäre innerhalb des Teams. Die Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander ist dabei mindestens so spannend wie der Kriminalfall selbst, sodass man Bergman, Höglund & Co. überaus gerne bei der Arbeit begleitet. Wenn überhaupt etwas bei „Der Mann, der kein Mörder war“ stört, dann die aus meiner Sicht übertriebene Thematisierung von Sebastian Bergmans „Fleischeslust“. Der Psychologe sieht in absolut jeder Frau eine potenzielle Eroberung und kommt dabei dermaßen häufig und einfach zum Erfolg, dass es auf Dauer schon ein wenig lächerlich wirkt. Dafür punktet der Roman auf der anderen Seite aber durch die interessante Erzählweise, denn Hjorth und Rosenfeldt wechseln sehr häufig die Perspektive und widmen sich dabei auch immer wieder Randfiguren. Selbst innerhalb einer Szene wechseln die beiden dabei immer wieder von Figur zu Figur, sodass man die Gedanken und das Handeln der Charaktere stets gut nachvollziehen kann.

Schlussfazit:
Ich hatte vor einer Weile mal die Leseprobe zu „Der Mann, der kein Mörder war“ gelesen und war von dem Auszug eher wenig begeistert. Der Fall selbst klang zwar recht reizvoll, allerdings fand ich die Hauptfigur Sebastian Bergman bei ihrer Vorstellung dermaßen unsympathisch, dass die Aussicht auf 600 Seiten mit dieser Figur nicht besonders verlockend erschien. Das war jedoch eine krasse Fehleinschätzung meinerseits, denn selten zuvor fand ich einen Protagonisten gleichermaßen abstoßend und ungemein faszinierend. Bergmans unkonventionelle Methoden und sein zuweilen respekt- und rücksichtsloses Vorgehen bringt immer wieder erstaunliche Ergebnisse zutage und sorgt zudem für packende Reibereien.

Doch auch der Rest des recht umfangreichen Ermittlerteams ist überaus gelungen, besteht aus glaubwürdigen Charakteren und bietet eine sehr spannende Figurenkonstellation, von der man am Ende des Buches immer noch nicht genug hat. Da auch der Kriminalfall clever konstruiert ist und durch realitätsnahe und akribische Polizeiarbeit überzeugt, wird der Debütroman von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt zu einem absoluten Top-Titel für Freunde des gepflegten Schwedenkrimis, der sich mühelos in die Reihe der Henning-Mankell- und Stieg-Larsson-Romane einreiht. Somit eine uneingeschränkte Leseempfehlung meinerseits!

Meine Wertung: 9/10

Informationen:
„Der Mann, der kein Mörder war” von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt ist im Rowohlt Polaris Verlag erschienen und hat einen Umfang von 592 Seiten. Das Buch ist für 14,95 € als broschierte Ausgabe und für 12,99 € als eBook erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage.


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