Ein Mann entführt seinen Sohn aus den Händen der Mutter und verschleppt ihn mit einer grauenvollen Absicht: um ihn zu töten. Auf den ersten Blick scheint in Bram Dehoucks Thriller klar zu sein, wer in dieser Geschichte der titelgebende „Psychopath“ ist. Doch glaubt man dem Vater Chris, so sind die Rollenverhältnisse vertauscht und sein erst 11-jähriger Sprössling Sam das wahre Übel, vor dem die Menschheit geschützt werden muss – und so hat der verzweifelte Mann den Plan gefasst, seinem eigenen Fleisch und Blut das Leben zu nehmen, bevor Sam die seiner Meinung nach absehbare Entwicklung zum grausamen Mörder nimmt.

Kindsmord als letzter Ausweg?

Es ist ein brisantes und in gewisser Weise auch provokantes Szenario, welches der Niederländer Bram Dehouck seinen Lesern präsentiert und welches viel Potenzial für eine packende Geschichte mitbringt: ist es moralisch vertretbar, sein eigenes Kind zu töten, um durch diese schreckliche Tat womöglich noch viel grausamere Verbrechen zu verhindern? Diese Frage dürfte viele Leser und wohl vor allem Eltern vor eine große Herausforderung stellen, denn streng genommen hat man es hier mit einem Buch zu tun, bei dem die Hauptfigur ein potenzieller Kindesmörder ist.

Vater oder Sohn – wer ist hier der Psychopath?

Was in der Theorie zunächst unvorstellbar und schockierend klingt, ist in der Praxis im Roman selbst zunächst einmal nicht so empörend, wie man bei dieser Ausgangssituation vermuten könnte. Protagonist Chris ist nicht etwa ein kaltblütiger Killer, sondern wird in erster Linie einmal als verzweifelter Vater dargestellt, der einfach keinen Ausweg mehr sieht, als zu dem dramatischen letzten Mittel zu greifen, sein eigenes Kind zu töten. Auf der anderen Seite erleben wir seine Frau Charlotte, die nach dem Verschwinden ihres Sohnes genau zu wissen glaubt, wo sich Sam befindet und welches Schicksal ihm droht, und dementsprechend nicht weniger verzweifelt bei der Polizei um Hilfe bittet. Denn auch wenn beide Elternteile sich einig sind, dass die Entwicklung des Jungen in den letzten Jahren eine äußerst bedenkliche Richtung genommen hat, so verklärt die optimistische Mutterliebe bei Charlotte vielleicht noch ein wenig die Wahrnehmung über die Schwere von Sams Persönlichkeitsstörung, während ihr Mann dem Wahnsinn unverblümt ins Auge blickt und die Hoffnung auf eine Verbesserung durch Medikamente oder Therapien aufgegeben hat.

Dunkle Schatten aus der Vergangenheit?

Erzählt wird die Geschichte von Bram Dehouck auf zwei Zeitebenen: eine Handlung setzt direkt nach der Entführung des Jungen ein und schildert parallel, wie Vater Chris mit Sam dessen vermeintlich letzten Stunden erlebt und zugleich Mutter Charlotte das drohende Unheil noch abzuwenden und ihren Sohn zu retten versucht. Rückblickend schildert der Autor darüber hinaus aber auch noch Szenen aus Chris eigener Kindheit und Jugend, die einen besseren Eindruck darüber vermitteln, warum der Vater zu einem derart drastischen Schritt greifen und seinen Sohn zum Wohle der Allgemeinheit töten will.

Kurzweilig, aber zu oberflächlich

„Der Psychopath“ ist mit nur 224 Seiten und relativ großzügig formatierter Schrift recht kurz geraten, was zum einen zwar keine Längen aufkommen lässt und für eine recht kurzweilige Lektüre sorgt, zugleich aber auch der große Knackpunkt des Romans ist: das Buch ist schlicht zu kurz, um das Potenzial des vielversprechenden Ausgangsszenarios auszuschöpfen. Die Charaktere haben kaum Raum zur Entfaltung und so bleiben fast alle Figuren ziemlich blass, einzig der Vater wird näher ausgearbeitet und bekommt durch die Rückblicke ein detaillierteres Profil. Auch der 11-jährige Sam, die eigentlich spannendste und interessanteste Figur, bleibt ebenfalls weitestgehend eindimensional und wird recht oberflächlich beschrieben, sodass man kaum eine emotionale Bindung zum Jungen aufbauen kann – und so brutal es auch klingen mag: mit fortlaufender Handlung wird einem das Schicksal des Kindes relativ egal, was dem dramatischen Vater-Sohn-Konflikt einen Großteil der Spannung nimmt. Zudem wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Stationen der gestörten Entwicklung des Kindes nachvollziehbarer und differenzierter dargestellt worden wären und man sich nicht nur anhand weniger recht plakativ geschilderter Ereignisse über dessen geistigen Zustand ein Urteil hätte bilden müssen.

Brisante Ausgangsidee, aber lahme Umsetzung

So punktet Bram Dehoucks Thriller zwar mit der guten und provokanten Grundidee, lässt aber mehrere Möglichkeiten ungenutzt liegen: „Der Psychopath“ hätte zum Beispiel ein packendes Familiendrama mit vielschichtigen Charakteren und spannenden moralischen Konflikten oder aber ein „richtiger“ Thriller mit zunehmender Spannungskurve und überraschenden Wendungen werden können – gerade wenn der Autor vielleicht auch auf einen unzuverlässigen Erzähler gesetzt hätte, dessen Einschätzung man nicht recht trauen kann. So aber plätschert das Buch trotz der zwei Handlungsebenen sehr geradlinig und ist nicht nur ziemlich vorhersehbar, sondern auch überraschend emotionslos vor sich hin – was man bei einer Geschichte, in der ein Vater seinen Sohn töten will, so sicherlich nicht erwartet hätte.

Der Psychopath
  • Autor:
  • Original Titel: Hellekind
  • Umfang: 224
  • Verlag: btb
  • Erscheinungsdatum: 8. März 2016
  • Preis Taschenbuch 8,99 €/eBook 7,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
5/10
Fazit:
Bram Dehoucks Thriller "Der Psychopath" provoziert mit einer schockierenden Grundidee, nimmt sich aber zu wenig Zeit für die Ausarbeitung der Charaktere und kann so aufgrund fehlender Emotionen nicht mitreißen.

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