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Ist man auf der Suche nach dem besten Buch des US-Bestsellerautors Stephen King, dann werden zumeist Titel wie „ES“, „Shining“, „Carrie“ oder „Friedhof der Kuscheltiere“ genannt – Romane, die wohl auch aufgrund der erfolgreichen Verfilmungen fast jedem bekannt sind, ob man sie nun selbst gelesen hat oder nicht. Fragt man jedoch eingefleischte King-Fans nach ihrem Lieblingsbuch des Meisters des Grauens, dann bekommt man immer wieder ein Werk genannt, das alleine schon aufgrund des gewaltigen Umfangs wohl viele Otto-Normal-Leser abschrecken dürfte: „The Stand – Das letzte Gefecht“, Stephen Kings fast 1700 Seiten umfassende postapokalyptische Dystopie, die sich auch in der ungekürzten Hörbuchfassung auf sage und schreibe 54 Stunden erstreckt und damit noch vor „ES“ das umfangreichste Buch des Autors ist. Wie das ausführliche Vorwort des Autors verrät, wurde „The Stand“ zunächst 1978 vom Verlag in einer stark gekürzten Fassung veröffentlicht, die „nur“ rund 1200 Seiten umfasste, bevor 12 Jahre später – wohl auch aufgrund der inzwischen gestiegenen Bekanntheit Kings – in der vollständigen Version auf den Buchmarkt kam.

Am Anfang war die Apokalypse…

Ausgangspunkt dieses Epos ist die versehentliche Freisetzung eines tödlichen Virus aus einer geheimen Forschungseinrichtung der US-Regierung, die in einem Wachmann – der nach dem Unfall mit seiner Familie aus dem Stützpunkt flüchtet – seinen „Patient Null“ hat. Dieser wird vom Militär nicht rechtzeitig aufgehalten und kann von Kalifornien bis nach Texas flüchten, wo seine Frau, seine Tochter und er selbst nicht nur dem Virus erliegen, sondern diesen auch auf die Bewohner der Kleinstadt Arnette übertragen – die Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes nimmt ihren Lauf. Als Leser ist man dabei von der ersten Sekunde an dabei und muss hilflos mitverfolgen, wie die Pandemie auf immer mehr Opfer übergreift und sich mit unfassbarer Geschwindigkeit über ganz Amerika ausbreitet – nach wenigen Wochen sind 99,4 Prozent der Bevölkerung tot und nur einige tausend gegen das Virus immune Menschen haben überlebt. Was bei anderen Autoren bereits ein ganzes Buch wäre, ist bei Stephen King jedoch nur der Anfang und spielt sich innerhalb der ersten Kapitel des Romans ab – wer die oft sehr langwierigen und gemächlichen Einleitungen des Erzählers kennt, mag hier vielleicht fast sogar von einem regelrecht rasanten Auftakt sprechen. Es ist jedenfalls ein Beginn, der seine Wirkung nicht verfehlt: es ist bereits erschreckend zu sehen, wie das Virus seine ersten Opfer fordert, doch wenn das Militär plötzlich Zivilisten und Journalisten alleine deshalb tötet, um keine Informationen über den Ausbruch an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, dann zeigt Stephen King wieder einmal seine beeindruckende erzählerische Wucht, die einem nicht nur einen Tiefschlag in die Magengrube verpasst.

Zu viele Charaktere, zu wenig Handlung

Leider ist diese schockierende Anfangsphase aber bereits der mit Abstand stärkste Teil des Romans, denn mit der Vernichtung der US-Bevölkerung erreicht „The Stand – das letzte Gefecht“ schon nach nur wenigen der 54 Hörbuch-Stunden seinen Höhepunkt. Nach dem radikalen Kahlschlag widmet sich King nämlich den über ganz Amerika verstreuten Überlebenden, die sich nach und nach zusammenraffen um nach der Katastrophe wieder eine funktionierende Zivilisation auf die Beine zu stellen – und hier beginnen die Probleme der Erzählung. Ein kritischer Punkt ist dabei die meiner Meinung nach viel zu hohe Anzahl an Charakteren: Stephen King braucht Ewigkeiten, um jede der zahlreichen Hauptfiguren in die Geschichte überhaupt einzuführen und anschließend mindestens ebenso lange, um im Anschluss langsam deren Wege kreuzen zu lassen – Amerika ist schließlich groß, und bis die wenigen Glücklichen, die gegen das Virus immun waren, ohne die aus der Zeit vor der Apokalypse gewohnten Transportmöglichkeiten aufeinander treffen, können schon einmal hunderte von Seiten vergehen.

Gut gegen Böse oder: Blass gegen leblos

Auch wenn die Liste an Charakteren schier endlos erscheint, so bliebe aufgrund des immensen Umfangs des Buches dennoch genügend Zeit, um jeder Figur die nötige Aufmerksamkeit zuteil werden und sie reifen zu lassen – das Problem dabei ist nur: Stephen King nutzt sie nicht. Während es ihm in fast allen seiner Werke gelungen ist, komplexe und faszinierende Persönlichkeiten zu erschaffen, die den Lesern entweder ans Herz wachsen oder eine Höllenangst einjagen, bleibt in „The Stand“ fast jede Figur blass und leblos – Sympathieträger, mit denen man sich identifizieren kann und die man auf ihrem schweren Weg mitfiebernd begleiten möchte, sucht man weitestgehend vergeblich. So gab es unter all den Charakteren mit dem geistig behinderten Tom Cullen gerade mal einen einzigen, dessen Schicksal mich in all den Stunden wirklich interessiert hat und mir nicht weitestgehend egal war – und so bitter es auch klingen mag: wenn ich ehrlich bin, lag das oft eher an einem gewissen Mitleidsbonus sowie der sehr sympathischen Interpretation der Figur durch Hörbuchsprecher David Nathan („Meine Fresse, ja!“) und nicht an einer besonders gelungenen Charakterisierung durch den Autor.

In der Welt der Zukunft regiert die Langeweile

Zu den flachen und farblosen Figuren gesellt sich zudem eine Story, die man nach dem dramatischen (und wirklich gelungenen) Auftakt eigentlich kaum noch so nennen kann, denn auf über 1000 Seiten passiert kaum etwas anderes, als dass Menschen aus allen Ecken des Landes nach und nach aufeinandertreffen, sich mal in die Haare kriegen, mal miteinander in die Kiste steigen und mal bedrohliche Visionen austauschen. Von den 54 Hörbuch-Stunden hätte man meiner Ansicht nach locker 35 Stunden komplett wegfallen lassen, ohne dabei weder die Vielschichtigkeit der Charaktere noch die Geschichte spürbar negativ zu beeinflussen – und das ist eigentlich ein ziemlich vernichtendes Urteil über einen Roman. Ja, man ist es von Stephen King gewohnt, dass gerade dessen umfangreiche Werke durchaus die ein oder anderen Länge aufweisen und man in Bezug auf die Handlung immer mal wieder ein wenig Leerlauf überstehen muss, in dieser extremen Form ist mir dies aber noch bei keinem Buch untergekommen. Das gipfelt in einer Auflösung der Geschichte, die so unscheinbar und antiklimaktisch konzipiert ist, dass ich den vermeintlichen Höhepunkt ungelogen im ersten Anlauf überhaupt nicht mitbekommen habe und nochmal im Hörbuch zurückspringen musste, um das viel zu hastig geschriebene Ende der Handlung nicht zu verpassen. Das ist besonders deshalb enttäuschend, weil man sich zuvor in der Hoffnung auf ein spektakuläres oder zumindest zufriendenstellendes Ende äußerst geduldig durch über 50 Stunden gequält hat.

Stephen Kings bestes Buch? Im Gegenteil…

Es tut mir als großem Stephen-King-Fan in der Seele weh dies zu sagen, doch „The Stand – das letzte Gefecht“ hat genau zwei Lichtblicke: einerseits den wirklich gelungenen und ungemein intensiven ersten Abschnitt des Buches und zum anderen die wieder einmal grandiose Lesung von David Nathan, der wirklich sein Bestes gibt, um die erzählerische Leere dieses Romans unter den Teppich zu kehren – leider kann aber auch ein David Nathan in Topform die offenkundigen Schwächen der Geschichte nicht überdecken. Von einer Einstufung als „Stephen Kings bestes Buch“ ist „The Stand“ für mich damit so weit entfernt wie „ES“ von einer Gute-Nacht-Geschichte für Kinder und ich muss leider so weit gehen und konstatieren, dass „Das letzte Gefecht“ für mich bisher mit Abstand das schwächste Buch des Autors ist und es alleine der Leistung des Sprechers zu verdanken ist, dass ich überhaupt die 54 Stunden des Hörbuchs überstanden habe.

The Stand – Das letzte Gefecht
  • Autor:
  • Sprecher: David Nathan
  • Original Titel: The Stand
  • Länge: 54 Std. 8 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Lübbe Audio
  • Erscheinungsdatum: 15. Mai 2012
  • Preis 39,95€ (9,95€ im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
5/10
Fazit:
Stephen Kings postapokalyptisches Epos „The Stand – das letzte Gefecht“ ist mit über 1700 Seiten bzw. 54 Hörbuch-Stunden nicht nur das umfangreichste Werk des Autors, sondern leider auch das wohl langatmigste. Nach dem packenden und dramatischen Auftakt des Buches rund um den Ausbruch eines vernichtenden Virus gelingt es dem Autor nämlich weder eine spannende Geschichte zu erzählen noch vielschichtige und interessante Charaktere zu erschaffen – unrühmlicher Höhepunkt des Ganzen ist ein überhastetes Finale, welches in der epischen Langeweile beinahe untergeht.

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