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Während Psychiater in der Regel dazu ausgebildet sind, ihre Patienten von seelischen Traumata, Angstzuständen und ähnlichen psychischen Störungen zu befreien und in Psychothrillern daher gerne mal als unterstützende Nebenfiguren auftreten, dreht der deutsche Bestsellerautor Sebastian Fitzek in seinem neuen Werk „Das Paket“ den Spieß einmal um: In diesem Thriller ist die Hauptfigur Emma Stein nämlich selbst Psychiaterin und findet sich praktisch von Beginn an in der Opferrolle wieder. Das beginnt mit dem kurzen Prolog, der den Lesern zeigt, dass die Protagonistin schon als Kind mit einem strengen und aufbrausenden Vater und ihrer überbordenden Fantasie zu kämpfen hatte, die ihr immer wieder die Vorstellung von einem Fremden im Kleiderschrank vorgespielt hat. Da liegt es nahe, dass die eigenen Erlebnisse Jahre später dazu geführt haben, dass Emma sich – wohl auch ein wenig zur Selbsttherapie – selbst für die Erforschung der Irrungen und Wirrungen der menschlichen Psyche entschieden und eine Karriere als Psychiaterin eingeschlagen hat – und das durchaus mit Erfolg, denn zum Zeitpunkt der Handlung zählt Dr. Emma Stein zu den angesehensten Ärzten Berlins und hält regelmäßig gut besuchte Vorträge über ihre Arbeit.

Wenn der Postbote das Grauen an die Haustür liefert…

Eine dieser Veranstaltungen reißt die schwangere Emma jedoch plötzlich und mit ungeheurer Wucht aus ihrer inzwischen vermeintlich heilen Welt, als sie am Abend nach einem äußerst kontroversen Vortrag in einem Hotelzimmer brutal überfallen und vergewaltigt wird – offenbar von einem Serientäter, der in der deutschen Hauptstadt bereits mehrere Frauen missbraucht und ermordet hat. Im Gegensatz zu den früheren Opfern kommt Emma zwar mit ihrem Leben davon, verliert aber nicht nur ihr ungeborenes Kind, sondern ist nach der Tat ein seelisches Wrack, das sich in den eigenen vier Wänden versteckt und bei jedem Läuten des Telefons oder Klingeln der Haustür in Panikattacken verfällt. In diesem Zustand reicht schon ein einziger Besuch des Postboten, verbunden mit der harmlosen Bitte für den Nachbarn ein Paket anzunehmen, um Emma ein weiteres Mal durch die Hölle zu schicken – erst Recht, wenn der Adressat ihr völlig unbekannt ist, wo doch in der kleinen Siedlung am Berliner Grunewald eigentlich jeder jeden kennt. Mit dieser banalen Situation, die wohl jeder aus seinem Alltag kennt, nimmt hier das Grauen seinen Lauf…

„Back to the roots“ zum 10-jährigen Jubiläum

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass der damals noch weitestgehend unbekannte Sebastian David Fitzek seinen Debütroman „Die Therapie“ veröffentlichte – was folgte war eine fast beispiellose Erfolgsgeschichte, die den Berliner zu DEM deutschen Thrillerautor schlechthin gemacht hat. Seit 2006 erscheint im Jahrestakt ein neuer Roman, der schon vor dem Erscheinungstermin zum Bestseller wird und mit Leichtigkeit die Konkurrenz von den Spitzenpositionen der Verkaufslisten verdrängt. Nachdem bei Fitzeks letzten Werken „Noah“, „Passagier 23“ und „Das Joshua-Profil“ recht deutlich eine Tendenz weg vom klassischen Psychothriller und hin zum actionreichen Thriller-Blockbuster erkennbar war, geht der Autor nun – nicht ganz unpassend zum 10-jährigen Jubiläum – wieder ein wenig zurück zu den Wurzeln. Das beginnt mit dem über weite Strecken doch recht reduzierten Setting, denn im Prinzip spielt sich ein Großteil der Handlung in und um das Haus der Hauptfigur ab und auch die Besetzungsliste dieses Buches fällt im Kern recht kurz aus: Psychiater-Protagonistin, Fallanalytiker-Ehemann, Anwalts-Freund, Postbote, mysteriöser Nachbar – viel mehr Zutaten braucht Fitzek für diese Geschichte nicht, und das ist auch gut so. Wem in den letzten Büchern alles ein wenig zu groß und zu aufgeblasen war, der wird wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass man es hier endlich wieder mit einem klassischen Psychothriller zu tun hat.

Minimalistisches Setting, maximale Spannung?

Das bedeutet aber nicht, dass es in „Das Paket“ diesmal gemütlich zugehen würde, denn wie gewohnt legt der Autor praktisch ab der ersten Minute ein hohes Tempo an den Tag und lässt auf den verstörenden Prolog und die schockierende Vergewaltigungs-Szene auch im weiteren Verlauf einen wahren Höllenritt für die Nerven seiner Leser folgen. Dabei kommt der Geschichte sehr zugute, dass mit Emma Stein eine Figur mit einem recht instabilen Geisteszustand die Hauptrolle übernimmt, da sich daraus für Fitzeks Leserschaft eine sehr unzuverlässige Erzählperspektive ergibt, die viel zum hohen Spannungsniveau dieses Buches beiträgt. Die Darstellung des Seelenlebens der angeknacksten Psychiaterin wirkt hierbei durchaus glaubwürdig, sodass man sich leicht in Emmas Situation hineinversetzen kann – und dadurch selbst kurz zusammenzuckt, wenn es dann z.B. plötzlich an der Haustür klingelt und ungewollter Kontakt mit der Außenwelt droht. Zudem spielt Fitzek geschickt mit verschiedenen Zeitebenen und springt immer wieder in der Handlung vor und zurück, was zusätzlich für Verwirrung sorgt und immer wieder neue spannende Fragen aufwirft.

Rasant bis zum wie so oft etwas zu aufgeblasenen Finale

Wie so oft steht und fällt ein Psychothriller aber mit seiner Auflösung, und hier muss man dann letztlich doch wieder ein paar Zugeständnisse an die schriftstellerische Freiheit des Autors machen. Man hat von Sebastian Fitzek zwar schon weitaus haarsträubendere Wendungen und Überraschungen gelesen, trotzdem muss man auch bei „Das Paket“ wieder ein Auge in Sachen Glaubwürdigkeit zudrücken – das ist zwar ein wenig schade, weil die Geschichte zuvor durch das minimalistische Setting Hoffnung auf einen durchaus realitätsnahen Psychothriller gemacht hat, allerdings will ich auch gar nicht abstreiten, dass das Finale des Buches schon sehr geschickt inszeniert ist und man gebannt an den Kopfhörern hängt (bzw. an den Buchseiten klebt), bis der Fall vollständig offengelegt ist. Ich bin auch mit Sicherheit der letzte, der sich über gut gemachte Plottwists beschweren will, allerdings ist es doch ein wenig arg übertrieben, wenn Sebastian Fitzek die Geschichte dann in der letzten Stunde gleich mehrfach auf den Kopf stellt. Diese vermeintliche Unberechenbarkeit ist nämlich im Verlauf der letzten zehn Jahre durchaus berechenbar geworden und so kann man den Täter mit ein bisschen Fitzek-Erfahrung schon vor der Enthüllung entlarven – nicht weil man dafür clever verstreute Hinweise kombinieren muss, sondern weil der Autor seine typische Masche einfach nicht ganz abschütteln kann und man nach 13 Büchern mittlerweile weiß, wie der Hase (oftmals) läuft.

Zurück zum klassischen Psychothriller – mit Erfolg!

Das soll das Hör- bzw. Lesevergnügen aber gar nicht groß schmälern, denn für mich ist „Das Paket“ eindeutig wieder ein Schritt in die richtige Richtung, nämlich zurück zum klassischen Psychothriller, mit dem Fitzek auch bekannt geworden ist. Die Geschichte ist durchweg sehr spannend und dabei verhältnismäßig gewaltarm, die Hauptfigur interessant und glaubwürdig dargestellt und auch Simon Jäger liefert als Stamm-Sprecher des Bestsellerautors wieder eine hervorragende Lesung ab – da sieht man letztlich gerne darüber hinweg, wenn es in Richtung Auflösung ein wenig abenteuerlicher wird und die Handlung dann doch etwas zu konstruiert wirkt.

Das Paket
  • Autor:
  • Länge: 7 Std. 29 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 26. Oktober 2016
  • Preis Download 9,95 €
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
8/10
Fazit:
Mit seinem neuen Roman "Das Paket" besinnt sich Sebastian Fitzek pünktlich zum 10-jährigen Jubiläum wieder auf seine Wurzeln und liefert einen fast schon klassischen Psychothriller ab, der mit einem minimalistischen Setting und einer glaubwürdigen Hauptfigur punktet, es zum Ende hin mit den Wendungen aber wie gewohnt ein wenig übertreibt und eine etwas zu konstruierte Auflösung bietet.

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