Die Stille vor dem Tod_Rezi

Als der Bastei Lübbe Verlag, das deutsche „Zuhause“ der Smoky-Barrett-Reihe von Cody McFadyen, im März 2016 völlig überraschend verkündete, dass im September nach rund 6 Jahren doch noch der langersehnte 5. Band „Die Stille vor dem Tod“ erscheinen würde, war das für Thriller-Fans wohl wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag auf einmal – schließlich hätten wohl selbst die kühnsten Optimisten nach der extrem langen Wartezeit und den Gerüchten um die schwere Erkrankung des Autors nicht mehr auf eine Fortsetzung der Reihe zu hoffen gewagt. Inzwischen ist der Roman erschienen und die Reaktionen fallen selbst unter Hardcore-Smoky-Fans sehr durchwachsen aus – um es mal freundlich auszudrücken, denn wenn man zum Beispiel die Rezensionen beim Versandhändler Amazon durchstöbert, wird das Buch von mehr als der Hälfte der Leser mit nur einem von fünf Sternen abgestraft und man findet reihenweise Kommentare wie „Die Enttäuschung des Jahres“, „Der mit Abstand schwächste Band der Reihe“ oder „Schlechter geht es kaum“. Doch ist „Die Stille vor dem Tod“ wirklich so schlecht?

Hochschwanger in den Wahnsinn

Fangen wir mal ganz von vorne an: Wenn man sich in die ersten Seiten des Buches stürzt, dann wirkt es trotz der jahrelangen Pause so, als wäre man nie weggewesen, denn die Handlung setzt fast nahtlos an den letzten Band „Ausgelöscht“ an. Smoky Barrett ist nach wie vor schwanger, doch anstatt sich in aller Ruhe auf die kurz bevor stehende Geburt vorzubereiten und beruflichen Stress weitestgehend zu umgehen, stürzt sich die unerschütterliche Agentin trotz imposanten Babybauchs wie gewohnt ohne Zögern in einen neuen Fall – und dieser hat es absolut in sich. Smoky und ihr Team werden nach Denver abkommandiert, wo eine Familie brutal ermordet und auf bizarre Weise in ihrem Haus zur Schau gestellt wurde. Nun liegt Colorado zwar nicht unbedingt im kalifornischen Revier von Smoky Barretts Abteilung, allerdings wurde die Agentin ein weiteres Mal persönlich von einem Wahnsinnigen herausgefordert, denn am Tatort findet sich die unmissverständliche Botschaft „Komm und lerne, Smoky Barrett“ – und einer solchen Einladung kann die Ermittlerin offenbar einfach nicht widerstehen, wie die Vergangenheit bereits mehrfach gezeigt hat.

McFadyen meldet sich mit einem Inferno des Grauens zurück

Mehr soll an dieser Stelle zur Handlung auch gar nicht verraten werden, da jede weitere Information zu viel von dem Wahnsinn, der sich in den ersten Kapiteln des Buches abspielt, vorwegnehmen würde. Nur so viel sei gesagt: Cody McFadyen meldet sich mit einem Knalleffekt zurück, den wohl selbst eingefleischte Smoky-Fans nicht in ihren schlimmsten Albträumen hätten vorhersehen können. Der Beginn von „Die Stille vor dem Tod“ bieten ein regelrechtes Inferno des Grauens, das seinesgleichen sucht: Fast im Minutentakt folgt ein Schocker auf den nächsten, auf jeder Seite lauert die nächste böse Überraschung und man kommt nicht einmal ansatzweise zum Durchatmen, weil der Autor seinen Lesern einen Faustschlag in die Magengrube nach dem anderen verpasst. Wer jetzt denkt, ich würde an dieser Stelle ein wenig dick auftragen, dem sei versichert: Gegen die Auftakt-Kapitel von „Die Stille vor dem Tod“ waren die ersten vier Smoky-Barrett-Bände ein Kindergeburtstag und ich kann mich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann ich das letzte mal so etwas Verstörendes in einem Roman gelesen habe. Ohne jede Frage schießt Cody McFadyen dabei weit über das Ziel hinaus und überschreitet meiner Meinung nach auch die Geschmacksgrenze deutlich, aber diese Maßnahme verfehlt nicht ihre Wirkung: Der erste Abschnitt dürfte niemanden kaltlassen und hat zumindest mich sofort gepackt. Dabei waren es nicht einmal die vielen Grausamkeiten, die mich an dieses Buch gefesselt haben, sondern ich war extrem davon fasziniert, wie dieser Fall innerhalb so kurzer Zeit derart eskaliert ist, sodass ich unbedingt wissen wollte, was hinter all diesen so unerklärlichen Ereignissen steckte. Bis hierhin macht der Autor vieles richtig und man könnte leicht den Eindruck gewinnen, McFadyen wäre nie weg gewesen.

Droht Smoky Barrett zu zerbrechen?

Die Probleme von „Die Stille vor dem Tod“ beginnen mit dem zweiten Abschnitt, der von McFadyen die Überschrift „Stille“ bekommen hat und sich auch tatsächlich so anfühlt: als wäre man aus dem Wahnsinn des ersten Teils herausgerissen und in ein Vakuum versetzt worden, in dem die Welt mit all ihren Abgründen und Abscheulichkeiten plötzlich still steht. Was aber anfangs noch wie eine willkommene Verschnaufpause erscheint, zieht sich viel zu sehr in die Länge und wirkt dadurch viel mehr wie ein inhaltlicher Bruch, der dem Roman nicht wirklich gut tut. Der Fall selbst liegt dabei weitestgehend auf Eis, stattdessen widmet sich der Autor ausführlichst dem Innenleben seiner Protagonistin, die sich in dieser Phase von ihrer zerbrechlichsten Seite zeigt – eine bewusste Entscheidung von Cody McFadyen, wie dieser selbst in einem Interview wie folgt begründet: „Sie hat so viel Schlimmes erlebt und ich habe sie niemals adäquat darauf reagieren lassen. Es war an der Zeit, dass all die Qualen, die sie bisher erleben musste, sie auch einmal einholen würden.“ Die „neue“ Smoky Barrett ist deutlich menschlicher, droht beinahe zu zerbrechen und befindet sich an einem Tiefpunkt, der an die allerersten Momente der Reihe erinnert, als die Agentin nach dem Mord an ihrer Familie kurz davor stand, sich selbst das Leben zu nehmen. Die Einblicke in Smokys Innenleben sind dabei zwar durchaus interessant und helfen auch ohne Frage der Charakterzeichnung, allerdings verliert sich Cody McFadyen in diesem Abschnitt oft in fast schon philosophischen und poetischen Ausführungen, welche die Handlung fast zum kompletten Stillstand bringen. Zudem müssen Fans der Reihe in dieser Phase viele Wiederholungen überstehen, in denen der Autor die schlimmen Ereignisse in Smokys Vergangenheit zusammenfasst, um auch neue Leser auf den aktuellen Stand zu bringen – sicherlich in einem gewissen Maße verständlich, allerdings werden treue Leser der Bücher die „Wegbeschreibung“ von Smoky Barretts Narben wohl schon fast im Schlaf runterbeten können…

Ein Ende mit vielen Fragezeichen

Diese erzählerische Trägheit zieht sich dann auch durch weite Teile des dritten Abschnitts, bis die eigentliche Ermittlung dann erst rund 100 Seiten vor Schluss überhaupt erst einmal in Gang kommt – und das ist bei aller Liebe nun wirklich eindeutig zu spät. Zudem werden viele Hobby-Spürnasen auch die Fallarbeit selbst relativ ernüchternd finden, denn Zeugenbefragungen oder Spurenanalysen sucht man über weite Strecken vergeblich, stattdessen spielt sich vieles in einer Art Brainstorming ab, das den Lesern nicht wirklich Gelegenheit zum Miträtseln gibt. Auch die Auflösung dürfte für für Unmut sorgen, da Cody McFadyen die Geschichte offensichtlich für mehr als nur ein Buch angelegt hat und viele Fragen auch nach der letzten Seite offenbleiben. Keine Sorge, man bekommt zwar einen Abschluss geboten, muss aber nun wahrlich kein Hellseher sein um vorauszusagen, dass dieser Fall wohl in Zukunft noch einmal auf Smokys Schreibtisch landen wird. Zudem wird so mancher Leser angesichts der nicht wirklich originellen Auflösung wohl ein etwas seltsames Déjà-vu erleben…

Top oder Flop? Die Wahrheit liegt in der Mitte…

Wie fällt nun also mein Urteil zu „Die Stille vor dem Tod“ aus? Ehrlich gesagt habe ich mich mit der Wertung für diese Buch extrem schwergetan, da ich tatsächlich jede bitterböse Rezension für diesen fünften Band nachvollziehen kann und ich absolutes Verständnis für die Enttäuschung vieler Leser habe. Ich kann aber auch durchaus positive Aspekte finden und bin auch nicht überrascht, wenn jemand von Smokys neuesten Fall total begeistert ist. Für mich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, denn ich muss ehrlich sagen, dass ich mich während der Lektüre trotz des etwas zähen Mittelteils zu keinem Zeitpunkt wirklich gelangweilt habe und mich das Buch schon auf gewisse Weise gepackt hat. Ich muss aber auch gestehen, dass dies zu einem großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass ich ungemein gespannt auf die Erklärung für den Wahnsinn des ersten Abschnitts war und mich die Aussicht auf eine spektakuläre Enthüllung ungeachtet schwächerer Passagen durch dieses Buch getrieben hat.

Absurd und realitätsfern, aber doch auch irgendwie spannend

Ich kann daher nicht sagen, dass ich wirklich von „Die Stille vor dem Tod“ enttäuscht wäre, es ist aber auch nicht zu verleugnen, dass Cody McFadyen bei seinem Werk diesmal enorm viel Angriffsfläche für Kritik bietet. Natürlich ist der Fall in seinem extremen Ausmaß unglaublich absurd und ziemlich realitätsfern, fehlende Glaubwürdigkeit sollte für Smoky-Barrett-Fans aber keine große Überraschung sein, schließlich musste in oben schon erwähntem Interview selbst der Autor zugeben, dass „all das, was mit ihr passiert ist, am Ende ziemlich unrealistisch war“. Natürlich ist es albern, dass eine FBI-Agentin in jedem Band regelrecht die Welt retten und gegen einen Superschurken nach dem nächsten antreten muss, die es alle – aus welchen Gründen auch immer – persönlich auf sie, ihr Team und sogar ihre Familie abgesehen haben. Hat man sich aber damit abgefunden, dass der Alltag einer Bundesbeamtin in der Realität höchstwahrscheinlich komplett anders aussieht, ist das Ganze jedoch dennoch immer wieder spannend und irgendwie will man als Leser doch auch immer eine Steigerung des bisher Erlebten, da ist es nur allzu naheliegend, dass der Autor diese Sensationslust auch bedienen will.

Ein durchwachsenes Comeback von Smoky Barrett

Viel ärgerlicher sind für mich die offenkundigen strukturellen Mängel des Buches, denn nach einem packenden und zutiefst verstörenden Auftakt – ob man das Ausmaß der Gewalt nun gutheißt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen – fällt „Die Stille vor dem Tod“ leider in ein kleines Loch und verliert das Wesentliche aus den Augen, weil sich Cody McFadyen zu stark auf seine Protagonistin konzentriert. Dieser Mittelteil stört einfach massiv den Erzählfluss und fühlt sich an wie eine vom Autor verordnete Zwangspause. Ja, es ist interessant, Smoky endlich einmal wieder von ihrer menschlichen Seite zu sehen und zu erkennen, dass all die schlimmen Erlebnisse eben nicht spurlos an ihr vorübergegangen sind, allerdings hätte man diese Charakterisierung sicherlich auch vornehmen können, ohne bei der Handlung für einen Großteil des Buches auf die Pausentaste zu drücken. Auch bleibt durch den starken Fokus auf Smoky selbst leider der Rest des Teams ein wenig auf der Strecke – mit einer kleinen Ausnahme. So ist „Die Stille vor dem Tod“ zwar auch für mich leider der schwächste Band der Reihe, ich habe mich aber dennoch über weite Strecken gut unterhalten gefühlt, mich dabei lediglich häufiger geärgert als bei den vorherigen Bänden. Nichtsdestotrotz werde ich auch dem nächsten Smoky-Barrett-Band entgegenfiebern und wenn es nur deshalb ist, um endlich auch die letzten offenen Fragen beantwortet zu bekommen.

Die Stille vor dem Tod (Smoky Barrett #5)
  • Autor:
  • Original Titel: The Truth Factory
  • Reihe: Smoky Barrett #5
  • Umfang: 480 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erscheinungsdatum: 26. September 2016
  • Preis Geb. Ausgabe 22,90 €/eBook 16,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Cody McFadyen meldet sich nach 6 Jahren Pause mit einem lauten Knall zurück und entfesselt im ersten Abschnitt von „Die Stille vor dem Tod“ ein regelrechtes Inferno des Grauens, allerdings nimmt er der Geschichte dann selbst den Wind aus den Segeln, weil er sich zu stark auf das Innenleben seiner Protagonistin konzentriert und dabei den eigentlichen Fall zu sehr aus den Augen verliert – so ist der fünfte Smoky-Barrett-Band leider der schwächste der Reihe, der aber in seinen starken Phasen dennoch zu fesseln weiß.

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