Lasst Knochen sprechen_Rezi

Die Bandenkriege rivalisierender Motorradgangs machen auch vor der kanadischen Provinz Québec nicht Halt und so wird auch Montreal immer öfter zum Schauplatz von Gewaltdelikten und Drogengeschäften. Leider fordern die Auseinandersetzungen der Biker auch immer wieder unschuldige Opfer, wie die erst 9-jährige Emily Anne Toussaint, die am helllichten Tag und auf offener Straße in eine Schießerei verfeindeter Gangs geraten und im Kugelhagel ums Leben gekommen ist. Auch die forensische Anthropologin Temperance Brennan ist erschüttert, als sie mit dem Fall konfrontiert wird und setzt alles daran, gemeinsam mit den Montrealer Ermittlungsbehörden die Mörder des kleinen Mädchens zur Rechenschaft zu ziehen. Schon schnell muss sie dabei jedoch erkennen, dass der Krieg der Bikergangs wohl noch ein weitaus erschreckenderes Ausmaß angenommen hat, denn wenig später werden nach einem blutigen Attentat auf dem Gelände eines Motorradclubs die Überreste eines weiteren jungen Mädchens gefunden…

Tempe Brennan ermittelt im Biker-Milieu Montreals

„Lasst Knochen sprechen“ ist zwar bereits Kathy Reichs dritter Kriminalroman um die forensische Anthropologin Dr. Temperance Brennan, trotzdem auch hier die übliche Warnung noch einmal gleich vorweg: Mit der populären und zwar lose auf den Büchern basierenden US-Serie „Bones – Die Knochenjägerin“ haben Reichs Geschichten nämlich bis auf den Namen und den Beruf der Protagonistin eigentlich überhaupt nichts gemeinsam, wer sich von den Krimis also spannende Abenteuer um Tempe Brennan, ihrem Partner Seeley Booth und ihren „Blinzlern“ aus dem Jeffersonian Institute erhofft, wird hier leider enttäuscht. Das Seeley-Booth-Pendant der Roman-Brennan hingegen heißt Andrew Ryan und steckt zu Beginn des dritten Falls für die Anthropologin in argen Schwierigkeiten, nachdem er von seinen Polizei-Kollegen mit Drogengeschäften in Verbindung gebracht wurde und sich plötzlich selbst der Strafverfolgung ausgesetzt sieht. Zeit für ihren On-/Off-Lover hat Tempe aber ohnehin nicht, da sie mit der Aufklärung des Todes einer Neunjährigen beschäftigt ist, die im Kugelhagel der sich erbittert bekriegenden Biker-Gangs Montreals tödlich verwundet wurde.

Viele Baustellen, aber nur wenig Spannung

Ich gebe offen zu, dass Kathy Reichs mit ihrem dritten Bones-Band bei mir von Anfang an einen erschwerten Stand hatte, was zu einem Großteil an der Thematik der Geschichte liegt, denn ich kann weder auch nur annähernd eine Faszination für Motorräder aufbringen, noch interessieren mich die Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels, Bandidos und wie die diversen gewaltbereiten Biker-Gangs noch alle heißen. Folglich war es mir eigentlich von Beginn an relativ egal, welcher Biker nun für welches tödliche Attentat verantwortlich war und auch der tragische Tod des kleinen Mädchens konnte den Fall für mich nur unwesentlich interessanter machen, weil es sich dabei nun einmal um ein typisches Zufallsopfer handelt und dadurch die Frage nach den üblichen Faktoren wie z.B. die nach dem Tatmotiv entfällt. Die Handlung wurde leider auch dadurch nicht spannender, dass sich die Fälle von Motorradkriminalität schnell häuften und Tempe Brennan immer wieder zwischen den einzelnen Baustellen hin und her springen musste. Die Storyline mag vielleicht für eine 40-minütige TV-Episode ausreichen, meiner Meinung nach aber nicht um ein rund 11-stündiges Hörbuch zu tragen, auch wenn sich die Autorin merklich Mühe gegeben hat, die Geschichte durch einige private Verwicklungen wie die bereits erwähnten kriminellen Verstrickungen ihres Vielleicht-Liebhabers oder den Besuch ihres Motorrad-interessierten Neffen Kit aufzupeppen – leider wirkt jedoch vor allem letztere Nebenhandlung ein wenig konstruiert.

Eine Protagonistin mit hohem Konfliktpotenzial

Ein viel größeres Problem hatte ich jedoch mit der Hauptfigur, denn ich musste nicht nur feststellen, dass ich auch im dritten Anlauf immer noch nicht mit der Temperance Brennan aus den Romanen warmgeworden bin, sondern sogar ganz im Gegenteil eine regelrechte Abneigung entwickelt habe. Natürlich hat es die Romanfigur bei mir als Fan der TV-Serie nicht gerade leicht, da sich automatisch immer ein Vergleich aufdrängt, so gering die Ähnlichkeiten auch sein mögen – trotzdem gibt es aber auch gewisse Gemeinsamkeiten. So ist zum Beispiel auch Kathy Reichs Protagonistin nicht gerade eine Expertin was den sozialen Umgang mit ihren Mitmenschen betrifft, während die TV-Bones dabei aber trotz ihres manchmal schroff wirkenden Verhaltens immer auf eine amüsante Weise irgendwie unbeholfen erscheint, wirkt die Roman-Tempe in ihren verbalen Auseinandersetzungen mit ihren Kollegen oder ihrem privaten Umfeld meist einfach nur hochnäsig, zickig oder teilweise sogar gemein. Hier wird jeder gleich angeraunzt, der mal nicht mit ihr einer Meinung ist und direkt als inkompetent abgestempelt und ich fand es zudem seltsam, dass sie ihren Schwarm Andrew Ryan bei den ersten Gerüchten um kriminelle Machenschaften gleich hat fallen lassen wie eine heiße Kartoffel, statt die Anschuldigungen auch nur ansatzweise hinterfragen zu wollen. Um es auf den Punkt zu bringen: diese Temperance Brennan ist einfach keine Figur, die ich besonders gerne bei ihrer Arbeit begleite, da sie mir die meiste Zeit über einfach unsympathisch ist.

Der bisher schwächste Band der Reihe

Eine wirklich mitreißende Story hätte darüber vielleicht noch hinwegtäuschen können, durch den aber eher zähen Biker-Fall konnte mich „Lasst Knochen sprechen“ letztlich insgesamt leider nicht überzeugen. Die Handlung ist bestenfalls durchschnittlich spannend und bot für mich bis auf den ein oder anderen interessanten Einblick in Brennans forensische Arbeit wie z.B. die Ausführungen zur Blutspritzer-Analyse nur wenige Highlights, sodass dieser dritte Band für mich der bisher schwächste der Reihe ist. Leider bin ich auch mit der Lesung von Hörbuch-Sprecherin Ranja Bonalana nicht so richtig warm geworden und das trotz der Tatsache, dass Bonalana auch die Synchronsprecherin von „Bones“-Darstellerin Emily Deschanel ist. Die reinen Erzähl-Parts haben mir dabei zwar gut gefallen, leider fand ich die Interpretation der Dialoge oft sehr gekünstelt und teilweise sogar unangenehm schrill, sodass das Zuhören manchmal ein wenig anstrengend wurde. Somit wurde „Lasst Knochen sprechen“ für mich insgesamt zu einem eher durchwachsenen Hör-Erlebnis, da sich bei Temperance Brennans drittem Auftritt sowohl inhaltlich auch auch in Bezug auf die Lesung einfach zu viele Kritikpunkt auftaten.

Lasst Knochen sprechen (Temperance Brennan #3)
  • Autor:
  • Sprecher: Ranja Bonalana
  • Original Titel: Deadly Décisions
  • Reihe: Temperance Brennan #3
  • Länge: 11 Std. 7 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Random House Audio
  • Erscheinungsdatum: 10. Januar 2012
  • Preis 23,25 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Tempe Brennans dritter Fall führt sie mitten in Montréals Biker-Krieg – leider bewegt sich Kathy Reichs "Lasst Knochen sprechen" dabei auf einem eher überschaubaren Spannungsniveau, zudem dürften die Allüren der Protagonistin häufig zu genervtem Augenrollen bei der Leserschaft führen.

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