Locke&Key_Rezi

Fans von Kult-Reihen wie „Die drei ???“ oder „Die fünf Freude“ wissen es seit Jahr(zehnt)en und auch bei der breiten Masse setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch: Hörspiele sind nicht nur „was für Kinder“, sondern können mit spannenden Geschichten und tollen Produktionen auch erwachsenen Hörern ein beeindruckendes Kopfkino bieten. Dies hat auch der Hörbuchanbieter Audible schon vor Jahren erkannt und verstärkt auf die Eigenproduktion aufwendiger und und umfangreicher Hörspiele gesetzt. Den Anfang machte im Jahr 2012 die ungekürzte Umsetzung von Sebastian Fitzeks Thriller-Blockbuster „Das Kind“ und inzwischen dürfen sich Hörspiel-Fans regelmäßig über Titel wie „Amokspiel“, „Der Seelenbrecher“, „Ender’s Game“, „Glashaus“ , „Monster 1983“ oder ganz frisch die Neuinterpretation von Shakespeares Epos „Macbeth“ freuen – und selbst US-Bestsellerautor Jeffery Deaver hat mit „Das Starling Projekt“ eine exklusive Hörspiel-Story verfasst.

Eine Graphic Novel als Horror-Hörspiel

Von vielen dieser Produktionen erfolgreich angefixt habe ich auch mit Spannung der Umsetzung von Joe Hills (ja, der Sohn von Horror-Legende Stephen King) und Gabriel Rodriguez’ sehr erfolgreicher Graphic Novel „Locke & Key“ entgegengefiebert, die in knapp 15 Stunden und verteilt auf sechs Episoden die düsteren Mysterien rund um ein verwunschenes altes Herrenhaus erzählt. Ein Horror-Hörspiel aus dem Hause Audible mit populären Sprechern wie Tanja Geke, Oliver Wnuk, Vera Teltz oder Jürgen Kluckert, noch dazu vom Sprössling des Meisters des Grauens – das kann doch nur grandios werden, oder? Leider nicht, denn um eines bereits vorwegzunehmen: „Locke & Key“ ist leider die erste Audible-Hörspiel-Produktion, die mich in fast allen Bereichen enttäuscht hat.

Welche Geheimnisse verbirgt Lovecraft Mansion?

Mit hohen Erwartungen an „Die komplette Serie“ herangegangen, sorgte bei mir schon die erste Episode „Willkommen in Lovecraft“ für überraschend frühe Ernüchterung – und das, obwohl die Geschichte gleich mit einem ordentlichen Schocker beginnt, denn mitten in ihrem Sommerurlaub wird die Familie Locke von einem von Familienvater Rendells ehemaligen Schülern  und dessen Freund brutal überfallen und der Lehrer selbst kaltblütig ermordet. Der Rest der Lockes überlebt das Attentat knapp und zieht nach der Bluttat in das alte Anwesen Lovecraft Mansion, wo der jüngere Bruder des Toten die geschockte Familie bei sich aufnimmt und ihnen einen Neuanfang ermöglichen will. An sich also ein packender und dramatischer Auftakt, allerdings sind bereits diese ersten Szenen sehr verwirrend geschildert und offenbaren ein Manko, welches sich fortan durch fast die kompletten 15 Hörspiel-Stunden ziehen wird: „Locke & Key“ fehlt es extrem an Anschaulichkeit, Bildhaftigkeit und Struktur – und diese Mängel machen es teilweise enorm schwierig, der Geschichte zu folgen.

Kopfkino? Fehlanzeige!

Da ich über keine Kenntnis der Graphic Novel selbst verfüge, kann ich nicht sagen ob dies bereits eine Schwäche der Vorlage ist, allerdings dürfte das Medium selbst die Visualisierung der Story schon viel einfacher machen als es beim Hörspiel der Fall ist. Denn während man beim Comic genau sehen kann, wie Joe Hill und Gabriel Rodriguez sich Schauplätze, Charaktere oder Szenen vorstellen, muss man sich hier auf seine eigene Fantasie verlassen – diese bekommt von der Produktion aber schlicht und einfach zu wenig Hilfe. So hatte ich wirklich in unzähligen Momenten überhaupt keine Idee, wie ich mir bestimmte Szenen vorstellen sollte, da man häufig nur mit entsprechenden Geräuscheffekten konfrontiert wird, aber kein begleitender Erzähler im Einsatz ist. Das ist vor allem deshalb völlig unverständlich, weil es mit der Figur des Benjamin Locke eine Rolle gibt, die sich perfekt als Erzähler eignen würde und mit Jürgen Kluckert theoretisch auch hochkarätig genug besetzt wäre, um während oder zwischen den Szenen die Hörer ein wenig führend an die Hand zu nehmen. Leider wird Kluckert aber mit den nur wenige Sekunden dauernden Zusammenfassungen am Anfang der sechs Episoden abgespeist und ist damit im Prinzip völlig überflüssig. Während Hörspiele also normalerweise ein regelrechtes Kopfkino erzeugen und viel mehr Möglichkeiten haben als reine Hörbücher, ist man als Hörer hier oft völlig hilflos und kann häufig nur raten, was sich in der Geschichte gerade abspielt.

Viel Verwirrung durch unglückliche Sprecherbesetzung

Dazu trägt auch die unglückliche Sprecherauswahl bei, bei der die Produzenten diesmal leider ein wenig daneben gegriffen haben. Damit seien nicht einmal die Sprecher selbst kritisiert, die durchweg eine professionelle Leistung abliefern, auch wenn manch einer der zu großen Teilen noch recht jungen Sprecherinnen und Sprecher hin und wieder ein wenig hölzern klingt und z.B. der ein oder andere Schrei etwas inbrünstiger als ein schwaches „Aaaah“ oder „Oooooh“ hätte klingen können – Schwamm drüber. Viel ärgerlicher ist es, dass die Rollen alle viel zu ähnlich besetzt sind und man die Charaktere oft kaum auseinanderhalten kann, weil es diesem Hörspiel einfach entweder an wirklich markanten Stimmen mangelt oder die wenigen vorhandenen auch noch nahezu identisch klingen. So sind z.B. Vera Teltz und Tanja Geke beide exzellente Sprecherinnen und zählen unzweifelhaft zur Elite der deutschen Erzähler/innen, dass diese beiden stimmlich doch z.T. kaum auseinanderzuhaltenden Frauen jedoch die beiden weiblichen erwachsenen Hauptrollen verkörpern, ist einfach äußerst unglücklich und sorgt des öfteren für Verwirrung. Gleiches gilt auch für die jugendlichen Darsteller, die zwar einen guten Job machen, aber stimmlich auch viel zu nah beieinander sind, sodass man nie genau weiß wer da gerade mit wem rummacht oder wer sich mit wem in die Haare kriegt. Dazu kommen dann noch offensichtliche Fehlbesetzungen, denn wenn dann der 14-jährige Rufus vom 23-jährigen Maximilian Artajo gesprochen wird, klingt das einfach nicht mehr authentisch. Schade, denn wie gesagt: Den Sprechern selbst kann man kaum etwas vorwerfen, denn das nötige Engagement ist ihnen keinesfalls abzusprechen. Bei aller Kritik muss man aber auch festhalten, dass es in Sachen Geräuschkulisse wieder nichts zu beanstanden gibt, vor allem wenn entfesselte Dämonen und riesige Kreaturen für Chaos sorgen, gibt es ordentlich Krawall auf die Ohren – hier hat Audible also wieder saubere Arbeit geleistet.

Schwache Story ohne roten Faden

Neben den oben angesprochen technischen Kritikpunkten konnte mich „Locke & Key“ jedoch leider auch inhaltlich nicht überzeugen, was zum einen sicherlich auf die durch ungünstige Sprecherwahl und mangelhafte Visualisierung hervorgerufene Verwirrung zurückzuführen ist, aber auch an der Geschichte selbst liegt. So hatte ich beim Hören oft das Gefühl, dass „Locke & Key“ weder Fisch noch Fleisch ist und sich nicht zwischen jugendlichem Fantasy-Abenteuer und düsterem Erwachsenen-Horror entscheiden konnte. Ein Großteil der Geschichte besteht nämlich darin, dass die Kinder der Locke-Familie – angefangen beim erst 7-jährigen Bode über die 16-jährige Kinsey bis hin zum 17-jährigen Tyler – die Geheimnisse des „Lovecraft Mansion“ erkunden und dabei auf verschiedene magische Schlüssel stoßen, die unterschiedliche Kräfte besitzen: Der „Überall-Schlüssel“ zum Beispiel ist eine Art Teleporter, der „Geist-Schlüssel“ trennt die Seele vom Körper eines Menschen und erlaubt spirituelle Ausflüge und der „Kopf-Schlüssel“ öffnet im wahrsten Sinne Köpfe, um Erinnerungen einzupflanzen oder zu entfernen. Gerade die Szenen, in denen letzterer zum Einsatz kommt, habe ich häufig als etwas albern und kindisch empfunden, darüber hinaus nehmen z.B. auch zahlreiche Teenie-Geplänkel um Highschool-Romanzen und Eifersüchteleien viel Raum ein, was ich auf Dauer als sehr anstrengend und ermüdend empfunden habe. Dazu in krassem Kontrast stehen dann aber wieder recht drastische Gewaltdarstellungen, Sex-Szenen und vulgäre Sprache, sodass „Locke & Key“ nun wahrlich nicht ins Kinderzimmer gehört. Für mich passte das alles irgendwie nicht so richtig zusammen, zudem dauert es weit bis in die zweite Hälfte hinein, bis man einmal ansatzweise den Sinn dieser Geschichte erahnen kann, denn einen roten Faden sucht man stundenlang leider vergebens.

Das leider mit Abstand schwächste Audible-Hörspiel

Somit ist „Locke & Key“ für mich sowohl inhaltlich als auch überraschenderweise was die Produktion betrifft leider eine herbe Enttäuschung, da mich die Story wirklich zu keinem Zeitpunkt angesprochen hat und ich mit dem für mich zu albernen Schlüssel-Hokuspokus überhaupt nichts anfangen konnte. Zudem fehlte mir bei der Geschichte auch jegliche Identifikationsfigur, da ich eigentlich alle Charaktere mehr oder weniger unsympathisch fand und mir ein Großteil davon einfach nur auf die Nerven gegangen ist. Dazu kamen dann noch die oben angesprochenen produktionstechnischen Mängel, allen voran die unglückliche Sprecherbesetzung sowie die meiner Meinung nach nur äußerst unzureichend veranschaulichte Story, sodass ich eigentlich spätestens ab der Mitte des Hörspiels fast jegliches Interesse an „Locke & Key“ verloren hatte und mich nur noch anstandshalber durch den Rest gekämpft habe, dessen lahmes Ende mich dann aber auch nicht wirklich versöhnlich stimmen konnte. Für mich ist die Umsetzung der Graphic Novel von Joe Hill und Gabriel Rodriguez damit die bisher mit Abstand schwächste Hörspiel-Produktion aus dem Hause Audible – wer sehen (bzw. hören) möchte, wie man es besser macht, dem sei an dieser Stelle stattdessen das grandiose „Monster 1983“ von Ivar Leon Menger ans Herz gelegt.

Locke & Key: Die komplette Serie
  • Autor: ,
  • Sprecher: Max Mauff, Vera Teltz, Oliver Wnuk, Claude Albert Heinrich, Vera Molitor u.v.m.
  • Original Titel: Locke & Key
  • Länge: 15 Std.
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 18. Februar 2016
  • Preis 24,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
4/10
Fazit:
Joe Hills und Gabriel Rodriguez’ Fantasy-Horror „Locke & Key“ mag als Graphic Novel zu begeistern wissen, die Hörspiel-Umsetzung ist jedoch leider eine Enttäuschung, da sie es nicht schafft, die Geschichte anschaulich auf dieses Medium zu transportieren und mit chaotischen Szenen und fehlender erzählerischer Begleitung oft verwirrt und verärgert, statt atmosphärisches Kopfkino zu erzeugen – dazu trägt leider auch die unglückliche Sprecherwahl bei.

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