Monster 1983_Rezi

Die Bewohner des kleinen Küstenstädtchen Harmony Bay im amerikanischen Oregon bereiten sich im Sommer 1983 in der für sie typischen Gemütlichkeit auf die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag vor, als von ihnen unbemerkt plötzlich das Grauen in den Ort Einzug hält: Ein Gefangenentransport der Regierung kommt auf einer Küstenstraße von der Strecke ab und zerschellt an den Klippen – die beiden Fahrer können nur noch tot aus dem Führerhaus geborgen werden. Was Sheriff Cody aber noch mehr beunruhigt ist die Tatsache, dass die Fracht des Transporters spurlos verschwunden und im Laderaum des Wagens nichts außer einer Unmenge an Blut zu finden ist. Nur wenig später kommt es in Harmony Bay zu einem mysteriösen Todesfall, als ein junger Mann plötzlich leblos in der örtlichen Kneipe gefunden wird – die Todesursache gibt Cody und seinen Kollegen zunächst Rätsel auf. Als die Obduktion des Toten dann aber ergibt, dass der Mann im Schlaf auf äußerst grauenvolle Weise getötet wurde, läuten in Harmony Bay die Alarmglocken: Ist der entflohene Gefangene für den Mord verantwortlich? Und warum machen die Regierungsbeamten ein solches Geheimnis um die Identität des Entflohenen?

Ein Hörspiel für Erwachsene

„Hörspiele sind was für Kinder“ – dieses Vorurteil ist für Hörspielfans sicherlich nichts neues und dürfte den meisten nur noch ein müdes Lächeln entlocken, schließlich kann man sich mit diese Weise nicht nur auch als junggebliebener Erwachsener an atmosphärisch inszenierten Geschichten erfreuen, sondern mit Klassikern wie „Die drei ???“ oder „Die fünf Freunde“ auch nostalgisch in Erinnerungen an die Kindheit schwelgen, sodass viele Hörspielreihen heutzutage gerade in der etwas fortgeschrittenen Altersklasse absoluten Kultstatus genießen. Auf dem besten Weg dazu scheint auch der neueste Streich des Autors und Hörbuchregisseurs Ivar Leon Menger, der sich bereits mit seinen Episodenroman-Reihen „Darkside Park“ und der Fortsetzung „Porterville“ unter deutschen Mystery-Fans einen Namen gemacht hat: „Monster 1983“, die knapp 11-stündige Gemeinschaftsproduktion des Autorentrios Ivar Leon Menger, Anette Strohmeier und Raimon Weber und dem Hörbuchanbieter Audible.de, verschlägt die Hörer in das titelgebende Jahr 1983, wo in einem kleinen amerikanischen Küstenstädtchen plötzlich rätselhafte und äußerst beunruhigende Dinge geschehen.

Ein Serienkiller im beschaulichen Küstenstädtchen?

Im Zentrum der Geschichte steht dabei Sheriff Cody, der nach dem Tod seiner Frau aus dem Großstadtdschungel Floridas in den kleinen Ort Harmony Bay gezogen ist, um sich in der Ruhe der Kleinstadtidylle mit seinen beiden Kindern Michael und Amy ein neues Leben aufzubauen. Mit der Harmonie ist es für Cody aber schnell vorbei, denn der neue Sheriff hat sich noch nicht einmal richtig eingelebt, da wird er schon mit einer Reihe an mysteriösen Todesfällen konfrontiert: Mehrere Einwohner sterben scheinbar im Schlaf, doch bei genauerer Untersuchung stoßen Cody und Kleinstadt-Arzt Doc Schulz auf seltsame Einstiche in den Rücken der Toten, durch die den Opfern die Luft aus den Lungen herausgesaugt wurde – bis zum qualvollen Erstickungstod. Als wäre die Aufklärung der Morde ohnehin noch nicht schwierig genug, mischt sich auch noch die Regierung in die Ermittlungen ein, da diese bei einem missglückten Gefangenentransport offenbar eine äußerst gefährliche Fracht verloren hat – alles sieht danach aus, als hätte das beschauliche Harmony Bay Besuch von einem brutalen Serienkiller bekommen…

Komplexe Story, komplexe Charaktere

„Monster 1983“ ist in zehn jeweils ungefähr einstündige Episoden aufgeteilt und das Team um Ivar Leon Menger braucht nicht einmal eine davon, um einen als Hörer gefangenzunehmen: Bereits die erste Folge erzeugt eine einzigartige Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann, und baut durch die ersten bizarren Todesfälle zudem schon früh Spannung auf. Dabei wird zwar auch schnell deutlich, dass die Geschichte wohl um einiges komplexer ausfällt als vielleicht vermutet, die Autoren bauen die einzelnen Handlungsstränge jedoch behutsam auf und sorgen so dafür, dass man auch bei rund 30 agierenden Charakteren nie den Überblick verliert. Mit knapp 11 Stunden haben Menger und Co. für ein Hörspiel ungewöhnlich viel Zeit zur Verfügung, und diese wird auch sinnvoll genutzt, denn hier wurde nicht nur viel Wert auf eine packende Story gelegt, auch die einzelnen Charaktere kommen nicht zu kurz: Ob Sheriff Cody, der als oberster Gesetzeshüter nicht nur einen Serienkiller überführen, sondern als alleinerziehender Vater nach dem Tod seiner Frau auch seinen Kindern ein Rückhalt sein muss, sein Kollege Deputy Landers, der das rätselhafte Verschwinden seines Mentors – Sheriff Codys Vorgänger – noch nicht verwunden hat und sich nur schwer mit seinem neuen Vorgesetzten abfinden kann, Codys Kindermädchen Susan, die sich liebevoll um die Tochter des Sheriffs kümmert, insgeheim aber selbst in großen Schwierigkeiten steckt, Sägewerksmitarbeiter Douglas Feldmann, der seinen beruflichen Frust nur schwer unter Kontrolle bekommt und dies zunehmend an seiner Familie auslässt oder der dickliche Bacon, der oft als pummeliges Muttersöhnchen belächelt wird, aber trotz seiner Ängstlichkeit einen Platz in der Jugendclique von Harmony Bay gefunden hat – „Monster 1983“ ist voll an lebendigen Charakteren, die mal liebenswürdig, mal geheimnisvoll, mal bemitleidenswert, mal bösartig, aber immer interessant sind.

Kopfkino der Extraklasse

Der alles überragende Trumpf dieser Produktion ist aber ohne jeden Zweifel die herausragende Sprecherriege, die es nach Harmony Bay verschlagen hat: Namen wie Luise Helm, Norbert Langer, Ekkehardt Belle, Udo Schenk, Simon Jäger, Joachim Tennstedt, Erich Räuker, Bernd Rumpf, Nana Spier, Till Hagen oder Jürgen Kluckert dürften Hörbuch- und Hörspielfans in regelrechte Ekstase versetzen, doch auch wem diese Namen nichts sagen, wird beim Hören mit hoher Wahrscheinlichkeit ein wahres Kopfkino erleben, denn hinter dieser Auflistung verbergen sich u.a. die deutschen Synchronstimmen von Hollywoodstars wie Scarlett Johansson, Burt Reynolds, Steven Seagal, Ralph Fiennes, Matt Damon, John Malkovich, Mandy Patinkin, Liam Neeson, Sarah Michelle Gellar, Kevin Spacey oder Morgan Freeman. Diese zählen somit nicht nur zur absoluten Elite der deutschen Sprecher, sondern sind auch perfekt besetzt, denn wenn zum Beispiel Till Hagen als zwielichtiger Regierungsbeamter Mr. Briggs einem Teil der Bevölkerung von Harmony Bay seltsame Hausbesuche abstattet und dabei merkwürdige Fragen stellt, kann man vor dem inneren Auge förmlich einen schelmisch grinsenden Kevin Spacey vor der Tür stehen sehen. Ein Mann stellt aber selbst diese erstklassigen Sprecher noch in den Schatten, und dies ist wie so häufig David Nathan (dt. Synchronstimme von Johnny Depp und Christian Bale), der als Sheriff Cody die Hauptrolle in „Monster 1983“ einnimmt und mal wieder eindrucksvoll beweist, warum er für viele (auch für mich) der wohl beste Hörbuch-/Hörspiel-/Synchronsprecher Deutschlands ist. Dazu kommt eine technisch perfekte Geräuschkulisse, die nicht nur eine ungemein lebhafte Kleinstadtatmosphäre erzeugt, sondern auch mit gekonnter Musikuntermalung immer wieder für wohligen Grusel sorgt – lediglich die schmalzige Kitsch-Ballade in einer Kussszene wirkt ein wenig albern. Akustisch ist „Monster 1983“ also im wahrsten Sinne ganz großes Kino und wirkt wie ein Spielfilm, der sich alleine im Kopf abspielt.

Ein (fast) perfektes Hörspiel für Mystery-Fans und Nostalgiker

Apropos Film: Nicht ganz ohne Grund dürften beim Hören immer wieder Erinnerungen an Kult-Klassiker der 1970er und 1980er Jahre hochkommen, denn genau diese waren das Vorbild von Autor Ivar Leon Menger, der nach eigenen Angaben beim Schreiben der Geschichte Filme wie „Die Goonies“, „E.T.“ oder „Poltergeist“ im Kopf hatte. So wirkt „Monster 1983“ dann auch wie eine Mischung aus typischen Stephen-King-Kleinstadt-Horror und Steven Spielbergs Meilenstein „Der weiße Hai“ und wenn sich Radio-Reporterin Nicky High in ihrem kleinen Studio mit beunruhigenden Neuigkeiten an ganz Harmony Bay wendet, fühlt man sich wohl alles andere als zufällig in den Horror-Klassiker „The Fog – Nebel des Grauens“ zurückversetzt. „Monster 1983“ ist gewiss alles andere als ein knallharter Splatter-Schocker, sorgt aber mit perfekter Kleinstadtatmosphäre und leicht fantastisch angehauchter Story für grandiosen Nostalgie-Grusel, der nicht nur die Kinder der 1970er und 1980er Jahre ins Schwärmen bringen dürfte. Für mich gibt es bei dem ganzen Hörspiel nur einen einzigen Makel, und das ist das doch etwas unbefriedigende Ende, das noch einige – meiner Meinung nach zu viele – Fragen offen lässt. Dazu muss man jedoch wissen, dass die Geschichte von „Monster 1983“ noch lange nicht zu Ende erzählt ist und eine zweite Staffel bereits offiziell bestätigt wurde – trotzdem ist diese halbgare Auflösung zunächst einmal ein wenig frustrierend. Das ist aber auch schon der einzige Minuspunkt bei einem ansonsten perfekten Mystery-Hörspiel mit einer packenden Story, tollen Charakteren, einer famosen Atmosphäre und einer überragenden Sprecherriege – nicht nur für eingefleischte Hörspielfans ein absoluter Pflichttitel!

Monster 1983 – Die komplette 1. Staffel
  • Autor:
  • Sprecher: David Nathan, Luise Helm, Norbert Langer, Nana Spier, Udo Schenk, Till Hagen u.v.m.
  • Länge: 10 Std. 56 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 31. Oktober 2015
  • Preis 19,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Mystery-Experte Ivar Leon Menger setzt mit "Monster 1983" neue Maßstäbe im Hörspiel-Genre und bietet perfekt inszenierten Kleinstadt-Horror mit einer packenden Geschichte, tollen Charakteren und einer grandiosen Atmosphäre – überragend gesprochen von der Elite der deutschen Sprecherriege.

Kommentar verfassen:

8 Antworten zu diesem Beitrag

  • Mensch hier kann ich fast schon wieder dasselbe schreiben 😛 Ich habe die Staffel förmlich inhaliert. Ich weiß nicht, wie man auf die Idee kommt, dass Hörspiele nur etwas für Kinder sein sollen. Hier sieht man, wie absolut genial sich das Format auch auf Erwachsene übertragen lässt. Die Sprecher waren einfach großartig, ganz besonders David Nathan hat, wie du sagst, einen hervorragenden Job gemacht. Nur schade, dass Simon Jäger nur so einen kurzen Auftritt hatte^^

    Mit dem Ende war ich auch ganz schön frustriert. Hätte ich es gewusst, hätte ich auf Staffel 2 gewartet. Andererseits bin ich froh, dass es in Harmony Bay weitergeht. Was habe ich nur über diesen Kugelschreiber gerätselt 😀

    Liebe Grüße
    Tina

    • Ach, ich habe eh vor das Hörspiel irgendwann nochmal zu hören und da bietet es sich ja förmlich an das direkt vor Erscheinen der zweiten Staffel zu tun 🙂

      Die Sache mit den Kugelschreibern hat mich ein bisschen an die Kühlschränke aus Darkside Park erinnert, da habe ich auch ewig gerätselt was die sollten 😀

      Ich finde diese langen/ungekürzten Hörspiele von Audible eigentlich fast alle super (zumindest die für mich interessanten) und bin auch schon auf die Macbeth-Umsetzung gespannt, die jetzt im April rauskommt.

      • Stimmt vom Macbeth-Hörspiel habe ich auch die Tage gehört! Ich denke mal, dass werde ich mir auch direkt anhören. Ich höre eh unheimlich gern Hörbücher und die Hörspiele haben noch einmal ihren Charme für sich (vor allem wenn sie gut gemacht sind).

        Hattest du Locke & Key gehört? Fand ich nicht schlecht, aber leider nicht so großartig wie „Monster“.

  • Sehr schöne Rezension! Hoffentlich wirst du viele Leser überzeugen, das Hörspiel zu probieren. 🙂

    Eigentlich konnte ich nur David Nathans Stimme erkennen. Welche Figur war Simon Jäger?

    Ich freue mich schon auf die 2. Staffel! Mittlerweile muss ich ein anderes Hörspiel aussuchen, aber ich habe mich noch nicht entschieden, mit welchem ich anfangen sollte.

    • Ich glaube Simon Jäger war nur mal kurz in irgendeiner Radio- oder Fernsehsendung als Nachrichtensprecher zu hören, der hatte keine eigene Rolle^^

      Ich würde sagen als nächstes Locke & Key oder Macbeth? 😉

  • Hi,

    ich hatte auch auf Grund deiner tollen Kritik hier, letzte Woche auch mein Audbile Guthaben in Monster 1983 investiert und es in den folgenden Tagen nahezu in mich aufgesogen ; )

    Es ist echt eines der besten Hörspiele welchem in in der letzten Zeit lauschen durfte, mit einer tollen Inszenierung, klasse Setting und überaus passenden Sprechern.

    Aber wie auch schon von dir und hier in den Kommentaren angemerkt, hat für mich das Ende auch einen Großteil der Freude wieder zu Nichten gemacht. Für mich wird nahezu keine Frage befriedigend beantwortet und man wird einfach mit riesen Cliffhangern bis zur 2. Staffel alleine gelassen.

    Musste deshalb gestern auch schon im Hörspiel-Talk eine Diskussion eröffnen, weil ich noch eine größere Verständnisfrage zum Ende hatte, auf die ich bis jetzt im Netz keine Antwort finden konnte. Vll. Kann mir ja einer deiner Leser weiterhelfen ; )

    http://www.hoerspieltalk.de/index.php/Thread/16627-SPOILER-Monster-1983-Verst%C3%A4ndnis-Frage-zum-Ende-Theorie/

    Grüße

    • Vielen Dank, freut mich dass meine Rezension dich für das Hörspiel begeistern konnte! 🙂

      Ich habe mir deine Theorie mal durchgelesen und finde sie ziemlich interessant, da könnte auf jeden Fall was dran sein! 😉