Neuntöter_Rezi

Im Berliner Hotel Ritz-Carlton verschwindet ein 10-jähriger Junge spurlos aus der Obhut seiner Eltern, doch noch bevor die alarmierte Polizei dort eintrifft taucht das Kind bereits wieder in der Hotellobby auf – allerdings leicht verletzt und offenbar schwer traumatisiert, da er beim Spielen auf „Aliens“ getroffen sei. Der Junge führt die Beamten zu einem verlassenen Baugerüst am Potsdamer Platz, wo sie in atemberaubender Höhe drei silberne Kokons entdecken, die sich bei genauerer Erkundung des Ortes als menschliche Leichen entpuppen: Die Toten wurden bis auf die obere Gesichtshälfte in silbernes Panzerband gewickelt und fast am höchsten Punkt des Gerüsts aufgehängt, sodass diese tatsächlich wie Wesen aus einer anderen Welt wirken. Eine erste Untersuchung der sterblichen Überrest ergibt, dass die drei Opfer offenbar bei lebendigem Leib verpackt wurden und in ihren Klebeband-Kokons langsam und äußerst qualvoll verhungert sind. Da den Ermittlern vom LKA jegliche Anhaltspunkte für die Suche nach dem Mörder fehlen, landet der Fall schnell auf dem Tisch der Profilerin Emma Carow von der Operativen Fallanalyse, die mit ihrem Täterprofil wertvolle Hinweise für die Ergreifung des Täters liefern soll – doch dieser Fall stellt Emma vor die wohl größte Herausforderung ihrer Karriere…

Bizarrer Dreifachmord mitten in der deutschen Hauptstadt

Hinter dem Pseudonym „Ule Hansen“ verbergen sich die Berliner Lektorin Astrid Ule und der freie Journalist Eric T. Hansen, die ihren ersten Thriller „Neuntöter“ auch gleich in ihre Heimatstadt verlegt haben. Aufhänger der Geschichte ist ein bizarrer Mordfall, dessen Umständen der Roman auch seinen Titel verdankt, denn ebenso wie der gleichnamige Raubvogel seine Beute in Bäumen aufhängt, so hat auch der Täter seine Opfer hergerichtet: Mitten in der Innenstadt baumeln drei fast vollständig mit silbernem Klebeband umwickelte Leichen in einem mehrere Stockwerke hohen Baugerüst. Und als wäre diese Herausforderung alleine für die Protagonisten dieses Thrillers, die Berliner Fallanalystin Emma Carow, noch nicht groß genug, so hat die Polizistin auch noch ihren ganz eigenen Rucksack zu tragen: Wie man nämlich schon im ersten Kapitel erfährt, wurde Emma zehn Jahre zuvor von einer Zufallsbekanntschaft brutal vergewaltigt und wird nun ein weiteres Mal mit diesem Trauma konfrontiert, da ihr Peiniger nach seiner Haftentlassung als angeblich geläuterter Straftäter durch die Medienlandschaft tingelt und in Funk und Fernsehen sein Buch über seine Wandlung vom Saulus zum Paulus promotet.

Eine vielschichtige, aber leider auch recht anstrengende Ermittlerfigur

Somit ist auch die Erklärung schnell gefunden, warum Emma Carow im Klappentext als „menschenscheu“ beschrieben wird, dabei habe ich die Fallanalystin gar nicht unbedingt als menschenscheu, sondern vielmehr als sozial inkompetent empfunden, denn Emma ist keineswegs das verschüchterte Vergewaltigungsopfer, sondern viel eher offen auf Krawall ausgerichtet und lässt dabei z.B. ohne Skrupel ihren Konkurrenten um einen besseren Posten ins offene Messer laufen. Und so sehr man als Leser auch Verständnis für das tragische Schicksal der Protagonistin und ihre schwierige Situation aufbringen möchte, so fällt es lange Zeit doch spürbar schwer, Sympathien für diesen schon recht anstrengenden Menschen zu entwickeln. Lobend muss man dem Autorenduo aber auf jeden Fall zugute halten, dass sie es geschafft haben, eine Figur mit Ecken und Kanten zu erschaffen, die nun wirklich alles andere als eine langweilige 08/15-Persönlichkeit ist, allerdings hätte die ein oder andere liebenswerte kleine Macke sicherlich auch nicht geschadet. Zudem nehmen die persönlichen Eskapaden und Emmas durchaus selbstzerstörerischer Ego-Trip gerade im Mittelteil sehr viel Raum ein, was meiner Meinung nach machmal zu sehr vom eigentlichen Fall abgelenkt, auch wenn das Privatleben der Ermittlerin für die Geschichte schon nicht völlig ohne Relevanz ist.

Ein packender Thriller mit jedoch einigen kleinen Makeln

An der Story rund um die „Mumienmorde“, wie die bizarren Todesfälle im Roman bezeichnet werden, gibt es dabei grundsätzlich nicht viel auszusetzen: die Ausgangssituation, sprich der Modus Operandi des Mörders, ist gleichzeitig skurril wie verstörend, das Tempo ist gut und auch wenn die diskutierten Täterprofile manchmal etwas aus der Luft gegriffen scheinen und die Handlung dadurch hin und wieder etwas willkürlich wirkt, so ist das Spannungsniveau dennoch die meiste Zeit hoch, woran auch der vergleichsweise hohe Bodycount mit Sicherheit nicht ganz unschuldig ist. Der Schreibstil erfordert zwar aufgrund der häufig etwas stakkatoartigen Sätze eine kurze Eingewöhnungszeit und die Auflösung der Geschichte erscheint letzten Endes auch ein wenig weit hergeholt, wird aber zumindest schlüssig hergeleitet und ist dadurch alles in allem auch zufriedenstellend. Insgesamt ist „Neuntöter“ trotz kleinerer Mängel also ein durchaus gelungener Thriller, der zwar manchmal ein wenig über das Ziel hinausschießt und etwas übertrieben reißerisch daherkommt, aber eigentlich jederzeit gut unterhält – auch wenn man in Bezug auf die Hauptfigur eine große Portion Geduld mitbringen muss. Sollte die Fallanalystin Emma Carow also in Serie gehen, wäre es für mich wünschenswert, wenn ihre rebellischen Ausflüge etwas zurückgefahren würden und die Profilerin ein wenig von ihrem Konfrontationskurs abrückt, da dieser auf Dauer doch recht anstrengend ist. Als Auftaktband kann sich „Neuntöter“ aber auf jeden Fall absolut sehen lassen und Potenzial für weitere Fälle scheint definitiv vorhanden!

Neuntöter
  • Autor:
  • Umfang: 496 Seiten
  • Verlag: Heyne
  • Erscheinungsdatum: 29. Februar 2016
  • Preis Broschiert 16,99 €/eBook 12,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
7/10
Fazit:
„Neuntöter“, der erste Thriller des Berliner Autorenduos Ule Hansen, bietet spannende, wenngleich insgesamt jedoch etwas reißerische Unterhaltung und eine durchaus originelle Geschichte, allerdings wirkt die mit vielen Ecken und Kanten versehene Protagonistin auf Dauer ein wenig anstrengend und auch die etwas überkonstruierte Auflösung führt zu leichtem Punktabzug.

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