Finderlohn_Rezi

Für den Mittzwanziger Morris Bellamy war er ein Idol und der Held seiner Jugendzeit: Jimmy Gold, die Hauptfigur der erfolgreichen „Der Läufer“-Trilogie des Bestsellerautors John Rothstein. Mit dem dritten und letzten Band fühlt sich Morris von dem inzwischen 79-Jährigen aber wie vor den Kopf gestoßen: Aus dem starken Protagonisten mit den markanten Sprüchen ist ein langweiliger Allerweltstyp geworden und als glühender Fan der ersten beiden Bücher kommt sich Morris von Rothstein regelrecht verraten vor. Zur Strafe dringt er mit zwei Komplizen eines Nachts in das Haus des Schriftstellers ein, bedroht ihn mit einer Waffe und will ihn um den Inhalt seines Safes erleichtern, der nicht nur eine Menge Bargeld, sondern auch wertvolle Notizbücher mit unveröffentlichten Manuskripten Rothsteins enthält. Die Situation gerät jedoch außer Kontrolle und Morris lässt sich in ein hitziges Wortgefecht mit seinem früheren Lieblingsautor verwickeln, das für Rothstein mit einer tödlichen Kugel endet. Nach dem kaltblütigen Raubmord entledigt sich Morris seiner beiden Komplizen und vergräbt seinen Schatz im Wald, wo die heiße Ware einige Jahre abkühlen und anschließend an zwielichtige Sammler verhökert werden soll. Bevor es jedoch dazu kommt, wird Morris wegen eines anderen Verbrechens zu vielen Jahren im Gefängnis verurteilt – und seine Beute landet zufällig in den Händen eines Teenagers, der ganz eigene Pläne mit dem Geld und den Notizbüchern hat…

Wenn die Liebe zur Fiktion zum Fanatismus wird

Während die meisten Schriftsteller bei ihren Werken im schlimmsten Fall mit schlechten Kritiken und enttäuschten Lesern rechnen müssen, kommt es für den 79-jährigen John Rothstein gleich knüppeldick – er bezahlt den Inhalt seines letzten großen Romans nämlich mit dem Leben, weil ein fanatischer Fan seiner berühmten Buch-Trilogie mit der Entwicklung des Protagonisten nicht einverstanden ist und den Autor bei einem nächtlichen Überfall eiskalt erschießt. Die besondere Tragik daran: Eigentlich macht Rothstein den Abstieg seines Helden Jimmy Gold ins Spießertum in zwei weiteren Romanen wieder rückgängig, diese wurden jedoch nie veröffentlicht und lagen bis zu dem Raubmord in Form unzähliger beschriebener Moleskine-Notizbücher im Safe des Schriftstellers. In gewisser Weise lebt John Rothstein durch eben diese Manuskripte aber weiter, denn sie bilden den Aufhänger von „Finderlohn“, dem zweiten Band der Bill-Hodges-Trilogie von Bestsellerautor Stephen King.

Ein Bill-Hodges-Krimi ohne Bill Hodges?

Bevor der pensionierte Polizist und neuerliche Inhaber des Detektivbüros „Finders Keepers“ jedoch die Bühne betreten darf, ist ein Drittel des Romans bereits rum. Das verwundert zunächst ein wenig – ist Hodges doch die titelgebende Figur der Reihe –, allerdings stellt King frühzeitig auf eine andere, sehr gelungene Weise die Verbindung zum Auftaktband „Mr. Mercedes“ her: Neben Morris Bellamy, dem Mörder John Rothsteins, der im Knast geduldig auf den Zugriff auf seine Beute warten muss und gerade von den unveröffentlichten Notizen besessen ist, hat „Finderlohn“ nämlich noch eine zweite Hauptfigur, und zwar den jungen Teenager Peter Saubers, der Bellamys Schatz knapp 30 Jahre später zufällig im Wald findet und sein Glück kaum fassen kann. Zwar ist auch Pete „zufällig“ ein großer Anhänger des Autors John Rothstein, primär spielt für den Jungen aber erst einmal der dicke Batzen Dollarscheine eine Rolle – als Sohn eines der Anschlagopfer beim verheerenden Mercedes-Massaker in „Mr. Mercedes“ kann Pete das Geld nämlich bestens gebrauchen, um seiner angeschlagenen Familie finanziell unter die Arme zu greifen und die kriselnde Beziehung seiner Eltern zu kitten. Mann muss aber kein Stephen-King-Experte sein, um hier bereits erahnen zu können, dass der unverhoffte Geldsegen nicht ohne Folgen bleibt – denn schließlich wartet dort jemand im Gefängnis, den einzig und allein die Aussicht auf den „Rothstein-Schatz“ am Leben hält…

Ein gemütlicher Literatur-Krimi mit fast durchweg liebenswerten Charakteren

Wer aufgrund der brisanten Ausgangssituation nun aber auf einen rasanten Thriller hofft, hat wohl zum einen den ersten Band der Bill-Hodges-Trilogie nicht gelesen und wird zum anderen auch bitter enttäuscht, denn wie schon der Vorgänger lässt es auch „Finderlohn“ weitestgehend ruhig angehen und lebt vorrangig von seinen starken Charakteren. Und diese bietet die Fortsetzung auch trotz der langen Abwesenheit von Bill Hodges und Co.: Während Pete Saubers mit seiner Fürsorge für seine Familie und seine Begeisterung für Literatur von Anfang an die Herzen der Leser für sich gewinnen dürfte und gerade die warmherzigen Szenen mit seiner kleinen Schwester Tina hohe Sympathiewerte bringen dürften, hat Morris Bellamy als Mörder und Fanatiker natürlich einen schweren Stand. Trotzdem schafft es Stephen King jedoch, auch diesen Charakter mit Tiefgang zu versehen und dessen auf den ersten Blick eher nichtige Beweggründe für sein Handeln nachvollziehbar zu machen. In gewisser Weise sind Pete und Bellamy sogar in ihrer Liebe zur Literatur im Allgemeinen und den Werken John Rothsteins im Besonderen vereint – wenn auch auf unterschiedliche und im Fall von Morris eben auch sehr extreme Weise. Die Faszination für die Welt der Fiktion springt nicht zuletzt dank vieler kleiner Anspielungen auch auf die Leser über und King zeigt sich hier auch ohne viel Action und den gewohnten Horror als begnadeter Geschichtenerzähler.

Bitte mehr Krimis, Mr. King!

Mit dem Einstieg von Bill Hodges in die Geschichte nimmt dann auch die Spannung spürbar zu und wer dem neuen Krimi-Einschlag des Meisters des Grauens eher skeptisch gegenübersteht, bekommt im Finale sogar wieder eine große Portion menschlichen Wahnsinns geboten. Trotzdem bleibt „Finderlohn“ sich, der Trilogie und seinen Charakteren treu und mutiert nicht zur gewalttätigen Action-Orgie, sondern setzt die wenigen deftigen Szenen gezielt und wohldosiert ein. Die Handlung ist weitestgehend frei von Eskapaden und insgesamt eher geradlinig, dass King aber auch ohne spektakuläre Wendungen Spannung und Dramatik erzeugt, liegt vorrangig an seinen Charakteren, mit denen man einfach ungemein mitfiebert, weil sie einem so am Herzen liegen. Mein persönlicher Favorit ist dabei nach wie vor Bills psychisch etwas angeknackste, in der Ermittlungsarbeit jedoch völlig aufblühende Holly Gibney, deren kleine Macken sie derart liebenswürdig machen, dass sie für mich längst zu meiner absoluten Lieblingsfigur von Stephen King geworden ist. Und weil auch Hörbuchsprecher David Nathan wieder das gewohnte Feuerwerk vom Stapel lässt, jeder der Figuren auf seine ganz besondere Art Leben einhaucht und genau den richtigen Ton für diesen oft gemütlichen, aber dennoch jederzeit packenden Old-School-Krimi trifft, ist „Finderlohn“ insgesamt eine starke Fortsetzung, die den Auftakt „Mr. Mercedes“ für mich sogar noch ein wenig übertrifft. Und wenn Stephen King nicht plötzlich jegliches Schriftsteller-Talent verliert, dürfte er mit dem dritten und letzten Band der Bill-Hodges-Trilogie nicht Gefahr laufen, ein ähnliches Schicksal wie seine Figur John Rothstein erleiden zu müssen…

Finderlohn
  • Autor:
  • Original Titel: Finders Keepers
  • Reihe: Bill Hodges #2
  • Länge: 14 Std. 54 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Random House Audio
  • Erscheinungsdatum: 8. September 2015
  • Preis MP3-CD 19,99 €
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Auch trotz des überraschend späten Auftauchens seiner Titelfigur gelingt Stephen King mit „Finderlohn“ eine überzeugende Fortsetzung zu „Mr. Mercedes“, deren Geschichte viel von den erneut starken und zumeist ungemein liebenswürdigen Charakteren und der jederzeit präsenten Liebe zur Literatur lebt und die im dramatischen Finale auch noch den gewohnten King-Wahnsinn bietet.

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