Der Psychiater_Rezi

Timothy „Moth“ Warner ist zwar erst 24 Jahre alt, dennoch hat der Geschichtsstudent bereits eine recht dramatische Karriere als Alkoholiker hinter sich. Nun ist Moth aber schon seit mehr als drei Monaten trocken und eindeutig auf dem Weg in eine bessere Zukunft, was er zu großen Teilen auch seinem Onkel Ed zu verdanken hat. Der prominente Psychiater hat selbst eine Vergangenheit als Suchtkranker und stand Moth gerade auch mit seinen eigenen Erfahrungen bisher stets als große und vertrauenswürdige Stütze zur Seite. Dann aber geschieht für Moth das Unfassbare: Ed Warner wird tot in seiner Praxis aufgefunden – erschossen und mit der Tatwaffe in seiner eigenen Hand. Für die Polizei von Miami ist der Fall schnell gelöst und als tragischer Suizid zu den Akten gelegt, doch Moth ist davon überzeugt, dass Ed sich niemals das Leben nehmen würde – erst recht nicht, weil sein Onkel ihn in seinem Kampf gegen den Alkohol nicht so im Stich lassen würde. Weil aber niemand seine Einwände beachtet, stellt Moth auf eigene Faust Nachforschungen an und ist fest entschlossen, den Mörder seines Onkels zur Rechenschaft zu ziehen – und zu töten.

Das lange Warten auf einen neuen Katzenbach hat endlich ein Ende

Fast drei ganze Jahre mussten John-Katzenbach-Fans auf einen neuen Roman des Bestsellerautors warten, und da seine beiden letzten Werke („Der Wolf“ und „Der Professor“) kaum wirklich überzeugen konnten, ist der letzte große Wurf des einstigen Psychothriller-Experten bereits eine gefühlte Ewigkeit her. Nun klingt der Klappentext von „Der Psychiater“ zwar auch nicht wahnsinnig originell und beinahe wie ein Mix aus Katzenbachs bisherigen Werken, aber vielleicht ist es ja gar kein schlechter Ansatz, auf eine solide und gut erzählte Story statt auf das ganz große Spektakel (wie es z.B. ein gewisser Herr Fitzek in letzter Zeit mit eher mäßigem Erfolg pflegt) zu setzen. So beginnt Katzenbachs neuer Roman also mit einem Selbstmord, der vielleicht gar keiner ist – zumindest wenn es nach dem 24-jährigen Timothy „Moth“ Warner, dem Neffen des Opfers und Protagonisten der Geschichte, geht. Einen wirklich greifbaren Ansatzpunkt für dessen Vermutung gibt es zwar abgesehen vom Bauchgefühl des Geschichtsstudenten nicht, aber das macht die Ermittlungen ja nur noch kniffliger, was sicherlich nur im Interesse der Leser sein kann. So schnappt sich der erschütterte Moth also kurzerhand seine Ex-Freundin und große Jugendliebe Andrea (die vom Autor durchgehend bei ihrem saublöden Spitznamen „Andy Candy“ genannt wird…) und jagt mit dieser ein Phantom, von dessen Existenz nur Moth selbst überzeugt ist.

Kein überraschender Whodunit, aber ein dennoch packendes Psycho-Duell

„Der Psychiater“ ist sicherlich nicht Katzenbachs spektakulärster Roman. Der Einstieg in die Geschichte ist eher gemächlich und da der Autor seine Leser auch sehr früh mit dem tatsächlichen Täter bekannt macht, hegt man wahrscheinlich anfangs die Vermutung, dass in diesem Buch schon nach kurzer Zeit die Luft raus sein könnte – denn auch das Motiv der Tat wird schnell (wenn auch zwar nicht in allen Einzelheiten) offengelegt. Als klassischer Whodunit-Krimi ist „Der Psychiater“ somit sicherlich nicht zu empfehlen, trotzdem ist der neue Katzenbach keinesfalls eine Enttäuschung. Denn richtig interessant wird dieser Psychothriller eigentlich erst ab der Hälfte, wenn fast alle Karten auf dem Tisch liegen, mit offenem Visier gekämpft wird und sich ein immer packender werdendes Katz-und-Maus-Spiel entwickelt. Die Handlung bleibt zwar weiterhin sehr geradlinig und lässt große Überraschungen oder dramatische Wendungen weitestgehend vermissen, gerade der finale Showdown kann aber dennoch mitreißen, weil Katzenbach in der Charakterzeichnung seines Antagonisten gute Arbeit geleistet und seinen beiden Amateur-Ermittlern einen würdigen und sehr skrupellosen Gegenspieler gegenübergestellt hat.

Nicht Katzenbachs bester Roman, dennoch ein insgesamt guter Psychothriller

Insgesamt ist „Der Psychiater“ somit ein guter, wenn auch etwas unspektakulärer Psychothriller, bei dem John Katzenbach aber leider ein paar Möglichkeiten für einen noch besseren Roman liegengelassen hat. So ist u.a. auch am Ende nicht wirklich klar, warum genau Timothy Warner sich ausgerechnet mit seiner Ex-Freundin zusammentut und die das riskante Spiel nach all den Jahren ohne Kontakt auch noch ohne großes Zögern mitmacht und auch bei den beiden Charakteren selbst hat der Autor ein wenig Potenzial verschenkt. „Andy Candy“ betritt die Bühne z.B. als psychisches Wrack, das seit einer Vergewaltigung nur noch schluchzend auf ihrem Zimmer hockt, dann aber unerschrocken einen Mörder jagt und alle Sorgen plötzlich wie weggewischt wirken. Auch beim alkoholkranken Moth sollte man bei seiner Vergangenheit und bei diesem schlimmen Schock mit dem Tod seines großen Unterstützers wohl ein paar psychische Probleme erwarten – diese scheint Katzenbach aber ebenfalls einfach vergessen zu haben. Es wäre also mehr drin gewesen, nach den zuletzt eher schwachen Werken ist John Katzenbachs neuer Roman aber endlich wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Und wer sich für die ungekürzte Hörbuchfassung entscheidet, bekommt mit der wie gewohnt großartigen Lesung von Uve Teschner (der Simon Jäger als Katzenbach-Spezialist nun offenbar endgültig abgelöst hat) noch ein weiteres gutes Argument für „Der Psychiater“ serviert.

Der Psychiater
  • Autor:
  • Sprecher: Uve Teschner
  • Länge: 14 Std. 39 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 1. April 2015
  • Preis 24,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
7/10
Fazit:
John Katzenbach kann mit seinem neuen Roman „Der Psychiater“ zwar wieder nicht an die Genialität seiner Frühwerke anknüpfen, trotz des eher gemächlichen Erzähltempos, der weitestgehend geradlinigen Story und teilweise nicht ganz ausgereifter Charakterisierungen ist dieses Duell gegen einen raffinierten Killer aber gerade im Schlussdrittel spannend und letztlich sogar doch noch mitreißend.

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