Still_Rezi

Sechs Jahre ist es nun her, dass Lucia ihren Peinigern entkommen ist und sich barfuß und nur mit einem T-Shirt bekleidet durch den bitterkalten Schnee in die Freiheit zurückgekämpft hat. Doch die Gefangenschaft hat Spuren hinterlassen – Spuren, mit denen ihre Eltern nicht umgehen konnten und sie so hilflos in ein Pflegeheim abgeschoben haben. Dort sitzt Lucia nun Tag für Tag und starrt aus dem Fenster, hat seit Jahren kein Wort gesprochen und reagiert auch in keinster Weise auf Besucher oder Pflegepersonal. Lucia gilt als verlorene Seele, die durch die traumatischen Erlebnisse, die sie ertragen musste, hoffnungslos zerstört wurde und nur noch vor sich hinvegetiert. Nur ein Mann hat das Mädchen noch nicht aufgegeben und arbeitet verbissen daran, die Männer zu finden, die für Lucias Qualen verantwortlich sind und aus dem Kind diese leblose Hülle gemacht haben. Und Mike Stellar wird nicht ruhen, bis er die Täter zur Rechenschaft gezogen hat…

Ein ungewöhnlich erzählter Thriller

Man braucht bei Zoran Drvenkars neuem Thriller „Still“ nur wenige Seiten um zu merken, dass man es hier mit einem ungewöhnlichen Roman zu tun hat, denn bereits in den ersten drei Kapiteln offenbart sich die originelle Erzählweise dieser Geschichte. Es gibt drei verschiedene Perspektiven: „Du“, „Sie“ und „Ich“ – und so wie die Kapitel überschrieben sind, so schreibt Drvenkar die folgenden Abschnitte auch: Im Singular der ersten und zweiten Person und im Plural der dritten Person. Die Rolle des Ich-Erzählers übernimmt der Lehrer Mike Stellar, der sein Leben völlig umgekrempelt und nun alles darauf ausgerichtet hat, sich bei einer Gruppe Männer einzuschleusen, die er für das verantwortlich macht, was seiner Tochter widerfahren ist – was genau das ist, darüber bleibt der Leser aber lange Zeit im Unklaren. Wer hinter den Taten, deren Ausmaße man nur erahnen kann, steckt, erfährt man aber in den „Sie“-Kapiteln – auch wenn der Autor hier ebenfalls sehr vage bleibt und keine Namen nennt.

Ein intensives und oft unangenehmes Leseerlebnis

Die wohl bemerkenswerteste Perspektive ist jedoch die der zweiten Person, in welcher die Leser gezwungenermaßen in die Opferrolle gedrängt und eins werden mit Lucia – dem Mädchen, das Unvorstellbares durchleben musste und nun seine Tage damit verbringt, aus dem Fenster ihres Klinikzimmers in die Ferne zu starren. Für Außenstehende wirkt die Überlebende so fast zwangsläufig wie ein schwerer Pflegefall, doch als Leser merkt man durch die Verschmelzung mit der Sichtweise des Mädchens, dass in Lucia immer noch Leben steckt – und ein durchaus starker Geist. Und gerade durch die direkte Ansprache werden die „Du“-Kapitel zu einem unglaublich intensiven Erlebnis, das oft nur schwer erträglich ist.

Beeindruckend erzählt, schockierend abgründig & ungemein atmosphärisch

Das soll aber nicht heißen, dass der Rest des Buches ein Zuckerschlecken wäre – im Gegenteil: „Still“ ist an Abgründigkeit kaum noch zu überbieten und erzielt durch ebenso simple wie geniale Mittel eine unheimlich beklemmende Atmosphäre. Drvenkars Stil ist sprachlich zugleich nüchtern und poetisch und weit entfernt von der oft rüden und billigen Effekthascherei, mit der man es in diesem Genre oft zu tun bekommt. Dies hat der Autor gar nicht nötig, denn auch ohne großes Blutvergießen, detaillierte Gewaltdarstellungen oder künstlich in die Höhe getriebenes Erzähltempo erzeugt Drvenkar eine wahnsinnige Sogwirkung, aus der es spätestens ab der Mitte des Buches schlicht kein Entkommen mehr gibt. Das liegt zum einen an der immer schlimmer werdenden Geschichte, über die man vor der Lektüre wirklich nicht mehr wissen sollte als der glücklicherweise sehr vage gehaltene Klappentext hergibt: Immer wenn man denkt, man wäre ganz unten in den Abgründen der menschlichen Grausamkeit angelangt, verpasst Drvenkar seinen Lesern einen weiteren Schlag in die Magengegend. Einen weiteren Teil seiner großen Faszination bezieht „Still“ aber auch aus der Erzählkunst des Autors, der nach und nach Perspektiven und Zeitebenen zusammenbringt und es dabei immer wieder schafft, sein Publikum zu überraschen. Und dann ist da ja noch diese enorm einnehmende Atmosphäre voller Kälte, die sich nicht nur in den einsamen Landschaften aus Schnee und Eis widerspiegelt.

Für Thriller-Fans ein absolutes Muss

Um es mal auf den Punkt zu bringen: Zoran Drvenkar macht mit „Still“ alles richtig. Der Spannungsaufbau ist perfekt, die Atmosphäre wahnsinnig intensiv, die Charaktere gut ausgearbeitet und der Plot einfach ungemein gut konzipiert. Zudem hebt sich Drvenkar durch die sehr originelle Erzählweise, die sich schon früh als genialer Schachzug entpuppt, deutlich von anderen Thrillern ab und besticht obendrein noch durch eine präzise und wuchtige Sprache. Und obwohl die Geschichte wirklich sehr düster und schockierend ist, kommt Drvenkar über weite Strecken fast komplett ohne Blut aus, sodass sich auch in dieser Hinsicht etwas zartbesaitete Gemüter an dem Buch verlassen dürfen – doch Vorsicht: „Still“ ist auch ohne Gewaltorgien schlimmer als vieles, was man in diesem Genre sonst zu Lesen bekommt. Lange Rede, kurzer Sinn: Zoran Drvenkars Roman ist das beste, was ich seit Jahren im Bereich der Psychothriller gelesen habe und genau das Buch, was ich mir seit den frühen Werken eines Sebastian Fitzek herbeigesehnt habe. Für Thriller-Fans jeder Art ein absolutes Muss!

Still
  • Autor:
  • Umfang: 416 Seiten
  • Verlag: Eder & Bach
  • Erscheinungsdatum: 1. September 2014
  • Preis Broschiert 16,95 €/eBook 11,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
10/10
Fazit:
Wuchtig geschrieben, originell erzählt, clever konstruiert, ungemein intensiv und wahnsinnig spannend: Zoran Drvenkar legt mit "Still" einen der besten Thriller der vergangenen Jahre hin, der auf seine ganz spezielle Art selbst hartgesottene Leser verstören dürfte.

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