Der_Hof_Rezi

Ein Engländer mit dubioser Vergangenheit strandet auf einem heruntergekommenen Hof in Südfrankreich, der für ihn gleichermaßen Rückzugsort und Gefängnis ist.

Sean ist auf der Flucht. Der Engländer fährt mit seinem Auto ziellos durch den Süden Frankreichs und ist darum bemüht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen – schließlich wirft nicht nur der blutdurchtränkte Beifahrersitz des Wagens Fragen auf, auch die kleinen weißen Päckchen in seinem Rücksack sollen nach Möglichkeit besser unentdeckt bleiben. Nach einer Weile lässt er sein Auto zurück und kämpft sich zu Fuß weiter durch die Wälder, wo er dann aber zu seinem Leidwesen in ein Fangeisen tritt und vor Schmerzen ohnmächtig wird. Als er dann wieder aufwacht, findet er sich auf einem kleinen und etwas verwahrlosten Bauernhof wieder, wo ihn zwei Frauen versorgen und seine Verletzung verarzten – sehr zum Ärger ihres schroffen Vaters Arnaud, der auf seinem Hof keine Fremden duldet und den Engländer schnellstmöglich wieder loswerden will. Schließlich darf Sean aber doch bleiben und dort in Ruhe genesen, allerdings beschleicht ihn schnell das ungute Gefühl, dass der alte Arnaud auf seinem Hof ein dunkles Geheimnis hütet…

KEIN Thriller (auch wenn’s draufsteht…)!

Bevor man sich an die Lektüre von Simon Becketts neuestem Roman „Der Hof“ begibt, sollte man am besten zunächst eines tun: sich von dem Gedanken verabschieden, dass man es hier mit einem Thriller zu tun hat – auch wenn auf dem Buchcover damit geworben wird und auch die Inhaltsbeschreibung fast schon auf eine Art Horrorgeschichte hindeutet. „Der Hof“ ist jedoch weder Thriller noch Horrorroman, sondern vielmehr eine sehr detailliert erzählte Psychostudie, die mit dem Stil der vorherigen Beckett-Bücher – vor allem der sehr populären David-Hunter-Reihe – mal überhaupt gar nichts gemeinsam hat.

Ein Bauernhof und seine dunklen Geheimnisse

Dabei beginnt die Story zunächst noch recht geheimnisvoll: Wir lernen einen Mann kennen, der fernab seiner Heimat aus unbekannten Gründen vor der Polizei auf der Flucht ist. Zwar deuten erste Anzeichen schnell auf einen Zusammenhang mit Drogen hin und auch der Blutfleck im Wagen lässt nichts Gutes erahnen, über die wahren Gründe für Seans Flucht lässt Beckett seine Leser aber sehr lange im Unklaren. Dafür lässt er seinen Protagonisten aber auf eine Familie mit ebenso zweifelhaftem Hintergrund treffen, denn auch die Arnauds scheinen eine Vergangenheit zu haben, über die alle Beteiligten lieber den Mantel des Schweigens legen. Zwar machen Mathilde und ihre jüngere Schwester Gretchen einen durchaus sympathischen und hilfsbereiten ersten Eindruck, von Seiten des Hofherren Arnaud schlägt Sean jedoch direkt von Beginn an blanker Hass und unverhohlene Abneigung entgegen – hierfür sind die ebenfalls Gründe zunächst unklar, doch die im Wald versteckten Fallen lassen nicht gerade ein Gefühl der Sicherheit aufkommen. Sean hat aber keine Wahl, schließlich macht seine Fußverletzung eine Weiterreise in den nächsten Tagen und Wochen erst einmal unmöglich – und damit nimmt das Unheil seinen Lauf.

Wenig Action, viel Atmosphäre

Klingt immer noch nach einem Thriller? Ist es aber wirklich nicht, denn wer aufgrund dieser reizvollen Ausgangssituation nervenzerreißende Spannung und überraschende Wendungen erwartet, wird sich von „Der Hof“ schnell enttäuscht abwenden. Wenn man ehrlich ist, passiert auf dem französischen Bauernhof streng genommen so gut wie gar nichts, und wenn dann in der Mitte des Romans der unberechenbare Zuchteber der Arnauds einen Ausbruchsversuch aus seinem Stall unternimmt, dann stellt dies schon mehr oder weniger das Action- und Spannungshighlight der ersten zwei Drittel der Geschichte dar. Becketts neuestes Werk hat dafür aber andere Qualitäten: vielschichtige Charaktere und eine unglaubliche dichte Atmosphäre. Jeder der vier Hauptfiguren (Sean, Arnaud, Mathilde, Gretchen) hat eine eigene Geschichte, auf die vermutlich keiner besonders stolz ist, welche diese aber jeweils sehr geprägt hat. Gerade wenn der Autor am Ende alle Geheimnisse lüftet, tun sich hier doch eine Menge menschliche Abgründe auf, in die man vielleicht lieber nicht hinabgeblickt hätte und die einem dann schon kurzzeitig den Atem rauben. Zweiter dicker Pluspunkt ist das sehr stimmungsvolle Setting, denn die bedrückende Ausstrahlung des heruntergekommenen Hofes ist von dem ersten Schritt auf das Gelände an spürbar. Wenn dann in der schwülen Sommerhitze in einem alten Schuppen ein Schwein geschlachtet wird, dann kann man fast körperlich nachvollziehen, dass der Protagonist da erst einmal an die (mehr oder weniger) frische Luft muss.

Interessante Psychostudie, grandiose Hörbuchversion

Allerdings weiß ich nicht, ob mir „Der Hof“ auch so gut gefallen hätte, wenn ich statt des Hörbuches die Printausgabe gewählt hätte. Denn was Johannes Steck als Sprecher abliefert, ist wieder einmal ganz großes Ohrenkino. Die Charaktere, allen voran das Ekelpaket Arnaud, werden perfekt verkörpert und auch die ungemütliche Stimmung des Buches wird bestens eingefangen. Das erzeugt sogar dann eine subtile Spannung, wenn diese im Buch selbst eigentlich gar nicht vorhanden ist. Wer sich also darauf einstellt, dass „Der Hof“ wirklich nichts mit einem Thriller zu tun hat und sich dann noch für das Hörbuch entscheidet, dürfte auch mit diesem etwas anderen Beckett seine Freude haben.

Der Hof
  • Autor:
  • Original Titel: Stone Bruises
  • Verlag: Argon Verlag
  • Erscheinungsdatum: 20. Februar 2014
  • Preis 21,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
8/10
Fazit:
Kein Thriller, aber dank der ungemein dichten Atmosphäre, hochinteressanter Charaktere und grandioser Lesung dennoch absolut hörenswert!

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