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Ein Serienkiller macht Jagd auf junge Frauen und scheint in seiner Mordlust kaum aufzuhalten – denn er kann durch die Zeit reisen.

Chicago, 1931: Harper Curtis ist ein gewaltbereiter Herumtreiber, der vor keinem Mittel zurückschreckt, um sich in den Straßen der Stadt durchzuschlagen. Eines Tages stößt er auf der Suche nach einem Schlafplatz auf ein altes Haus, in das er ohne Skrupel eindringt. Dabei stört er sich auch nicht an dem toten Mann, der erschlagen auf dem Boden liegt und begibt sich wie gebannt an die Erkundung des Hauses. In der oberen Etage entdeckt er dabei ein komplexes Wandbild aus Fotos und Gegenständen junger Frauen, das er zu seiner großen Verwunderung offenbar selbst erstellt hat, wie er an seiner eigenen Handschrift erkennt. Da wird Harper klar, dass das Haus ein Portal ist, mit dem er in andere Zeiten reisen kann und er erkennt instinktiv, dass es seine Bestimmung ist, die Frauen auf den Fotos zu töten. Und Harper Curtis wird nicht stoppen, bis er auch das letzte seiner „Shining Girls“ ermordet und das Wandpuzzle vervollständigt hat…

Serienkiller-Story mit Zeitreisen-Thematik

Ich gebe es zu: „The Shining Girls“ von Lauren Beukes war bei meinem Waterstones-Besuch ein reiner Blindkauf, der es hauptsächlich wegen des Covers und des reduzierten Preises in meine Bibliothek geschafft hat. Als ich mich dann näher über den Inhalt des Buches informiert habe, war ich doch eher skeptisch: Zwar klingt die Idee, einen Serienmörder auf seiner tödlichen Mission durch die Zeit zu schicken, durchaus originell, eigentlich ist mir dieses Szenario für einen Thriller aber fast schon etwas zu abgedreht und ich kann mit solchen Genre-Vermischungen eher selten etwas anfangen – auch wenn ich raffinierten Zeitreisen-Plots an sich durchaus etwas abgewinnen kann.

Zeitreisen für Einsteiger

Nun muss man aber auch ehrlich konstatieren, dass das Zeitreisen-Thema von Lauren Beukes in diesem Buch eher simpel gehalten wird. Das beginnt schon mal damit, dass das besondere Mysterium des Hauses nicht näher erklärt wird, sondern man dieses Portal in andere Zeiten schlicht als gegeben hinnehmen muss. Zudem überfordert die Autorin ihre Leser auch beim Zusammenführen der verschiedenen Zeitebenen nicht, sondern beschränkt sich auch hier auf einfache Puzzlearbeit nach dem Schema „Person A nimmt Person B im Jahr X einen Gegenstand ab, den Person A Person B erst zu einem späteren Zeitpunkt der Handlung in einer früheren Zeit selbst geben wird“. Klingt auf den ersten Blick vielleicht noch verwirrend, man hat das Prinzip aber sehr schnell raus und muss sich auch nicht über Zeitparadoxe oder andere Logik-Spielchen groß den Kopf zerbrechen. Eingefleischte SciFi-Fans mag das vielleicht enttäuschen, als erfrischendes Element eines Serienkiller-Thrillers ist dieses reduzierte Ausmaß aber durchaus angemessen.

Stimmige Atmosphäre

Ohnehin lebt „The Shining Girls“ nicht vorrangig durch die zwar gute, aber weder besonders komplexe noch nervenzerreißend spannende Geschichte, sondern bezieht einen nicht unbedeutenden Teil seines Reizes auch durch die Atmosphäre, die Beukes in jeder ihrer Zeitebenen gelungen aufbaut und so z.B. auch das Chicago der 1930er Jahre nach der als „Große Depression“ bekannten Wirtschaftskrise stimmungsvoll einfängt. Hier nutzt die Autorin auch clever ihr Zeitreise-Szenario, indem sie den Wandel der Stadt im Laufe der Jahre durch kleine Anekdoten dokumentiert. Auch hier darf man nicht die Authentizität eines historischen Romans erwarten, für die Kreation eines spannenden Settings reicht das aber völlig aus.

Sympathische „Opfer-Perspektive“

Am besten hat mir an dem Roman aber die zweite Erzählperspektive gefallen, denn neben dem Killer Harper Curtis begleitet Lauren Beukes auch die junge Frau Kirby Mazrachi, deren Handlung im Jahr 1992 spielt. Kirby ist das einzige von Harpers Opfern, das dessen brutale Attacke überlebt hat und setzt nun als Praktikantin einer Tageszeitung gemeinsam mit dem Reporter Dan alles daran, ihren Peiniger aufzuspüren und für seine Tat zur Rechenschaft zu ziehen – ein aufgrund der Zeitreisen des Mörders fast aussichtsloses Unterfangen, was Kirby und Dan aber natürlich nicht wissen, denn wer rechnet schon mit einem zeitreisenden Serienkiller? Dennoch ist diese Perspektive aber nicht zuletzt wegen der cleveren, kämpferischen und herrlich sarkastischen jungen Frau und dem charmant-sympathischen Zusammenspiel zwischen ihr und Dan sehr unterhaltsam und bietet mit der mühsamen und realistischen Detektivarbeit einen angenehmen Kontrast zu Harpers Zeitreisen.

Geschmackssache

Man kann „The Shining Girls“ sicherlich einiges vorwerfen: Die Zeitreisen-Thematik sei zu simpel umgesetzt, die Figur des Mörders zu oberflächlich oder die Geschichte nicht spannend genug – und ich könnte jeden verstehen, der sich daran stört. Mir hat das Buch aber dennoch sehr gut gefallen. Ich mochte die Atmosphäre, ich mochte Kirby und die Chemie zwischen ihr und Dan, ich mochte den Journalismus-Anteil und ich mochte es, wie sich zum Ende hin das Puzzle vervollständigte und die Zeitebenen verknüpft wurden. Als reiner Serienkiller-Thriller mag das Buch vielleicht nicht zu überzeugen, trotzdem hat mich dieser Genre-Mix zu meiner eigenen Überraschung sehr fasziniert.

Fazit:
Trotz des recht simpel umgesetzten Zeitreisen-Themas eine originelle Serienkiller-Story, die mit einer sympathischen Protagonistin und stimmiger Atmosphäre fesselt (8/10).

Shining Girls
Autorin: Lauren Beukes; Deutscher Titel: Shining Girls; Umfang: 407 Seiten; Verlag: HarperCollins; Erscheinungsdatum: 29. August 2013; Preis: Gebundene Ausgabe 15,20 €/Taschenbuch 8,70 €/eBook 5,40 €.

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