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Drei ambitionierte Bergsteiger machen sich auf, um die Vermissten einer gescheiterten Everest-Expedition zu bergen – und um nebenbei selbst den höchsten Punkt der Erde zu erklimmen.

Mount Everest, 1924: Ihm Rahmen der zweiten britischen Mount-Everest-Expedition bricht eine Gruppe Bergsteiger auf, um als erste Menschen auf dem Dach der Welt zu stehen. Nachdem zunächst zwei Besteigungsversuche scheitern, starten George L. Mallory und Andrew „Sandy“ Irvine am 8. Juni 1924 einen dritten und letzten Versuch, den Everest zu bezwingen – und werden kurz darauf zum letzten Mal lebend gesehen. Die Leichen der beiden Verschollenen konnten zwar 1999 endlich gefunden werden, doch bis zum heutigen Tage ist ungeklärt, ob Mallory und Irvine vor ihrem Tod den Gipfel des 8.848 Meter hohen Berges erreicht haben – so gelten nach wie vor Edmund Hillary und Tenzing Norgay als Erstbesteiger des Himalaya-Giganten.

Was geschah mit George Mallory und Andrew Irvine am Mount Everest?

So viel zu den historisch verbürgten Tatsachen, ab hier beginnt nun die Fiktion von US-Bestsellerautor Dan Simmons, der die Everest-Expedition von 1924 und das damit verbundene mysteriöse Verschwinden von Mallory und Irvine zum Aufhänger für seinen neuen Abenteuerroman „The Abominable“ (die deutsche Übersetzung „Der Berg“ erscheint im Mai 2014) gewählt hat. Hauptfiguren des über 650 Seiten starken Buches sind die drei befreundeten Bergsteiger Richard David Deacon, Jean-Claude Clairoux und Jacob Williams Perry, von denen letzterer als Ich-Erzähler auftritt und kurz vor seinem Krebs-Tod im Rentenalter auf das wohl größte Abenteuer seines Lebens zurückblickt. Während die Männer 1924 einen Kletter-Urlaub am Matterhorn verbringen, erfährt das Trio von der gescheiterten Expedition der Briten – und da Deacon mit dem verschollenen Mallory früher selbst geklettert ist, beschließen die drei spontan, im nächsten Jahr selbst eine Besteigung des Everest in Angriff zu nehmen und das Schicksal der Vermissten aufzuklären.

Gekonnte Vermischung historischer Fakten und Fiktion

Dan Simmons schließt mit „The Abominable“ daran an, was ihm schon in jüngeren Vergangenheit große Erfolge beschert hat: Er greift ein historisches Thema (wie zuletzt die Nordwestpassagen-Expedition von Sir John Franklin in „Terror“ oder das Leben von Charles Dickens in „Drood“) auf und macht daraus mit seiner Fantasie und einer Portion Mystery eine epische Geschichte. So überrascht es nicht, dass auch das neueste Werk des Autors wieder sehr authentisch wirkt, was beim ausführlichen (fiktiven) Vorwort beginnt und in der sehr detaillierten Beschreibung der Expedition fortgesetzt wird. So dauert es eine ganze Weile, bis der Trupp überhaupt in Richtung Mount Everest aufbricht, vorher werden erst einmal gut 250 Seiten für die Planung des Abenteuers verwendet: Wer finanziert die Expedition, welche Ausrüstung eignet sich am besten, welche speziellen Techniken könnten sich als hilfreich herausstellen?

Geduld zahlt sich aus

Wer sowas langweilig findet, ist bei „The Abominable“ sicherlich völlig falsch aufgehoben, denn die Bergsteiger-Story ist wahrlich kein Hochgeschwindigkeitsthriller. So wie sich die Hauptfiguren akribisch auf ihre Reise vorbereiten, muss man auch als Leser Geduld und Zeit mitbringen, um sich auf diese Geschichte einzulassen. Ist man dazu aber bereit, so bietet Simmons seinen Lesern ein fast schon episches Abenteuer. Das Buch ist hervorragend recherchiert und vermischt so gekonnt Fiktion und Realität, dass man permanent das Gefühl hat, man habe es hier tatsächlich mit einem Tatsachenroman zu tun. Die detaillierten Beschreibungen sorgen zudem für eine einzigartige Atmosphäre, die den Mythos des Mount Everest perfekt rüberbringt und die Faszination der Charaktere für ihren gemeinsamen Lebenstraum sehr eindringlich auf den Leser überträgt.

Packendes Bergdrama mit etwas abstrusem Schlussteil

Es ist zugegebenermaßen nicht immer einfach, den häufig doch sehr fachspezifischen Ausführungen des Autors zu folgen und so manches Manöver am Berg dürfte für Laien (wie mich) nur schwer nachzuvollziehen sein; außerdem wäre eine Karte des Mount Everest aufgrund der vielen Routenbeschreibungen und markanten Felsformationen sicherlich hilfreich gewesen. Etwas ärgerlicher ist aber die meiner Meinung nach sehr absurde Schlussphase, in der Simmons letztlich das titelgebende „Abscheuliche“ enthüllt. Ich habe mir hier nicht nur aufgrund des Klappentextes etwas völlig anderes vorgestellt, die Auflösung erscheint mir zudem auch etwas trashig und übertrieben und steht etwas im Widerspruch zum zuvor so realistischen und glaubwürdigen Berg-Thriller. Trotzdem ist Dan Simmons mit seinem aktuellen Werk eine beeindruckende Liebeserklärung ans Bergsteigen gelungen und wer sich auch nur entfernt für dieses Thema oder Expeditionen im Allgemeinen begeistern kann, bekommt mit „The Abominable“ wirklich ein packendes Abenteuer geboten.

Fazit:
Spannendes Bergsteiger-Abenteuer, das zwar Geduld erfordert, dafür aber mit sehr viel Detailverliebtheit und gekonnter Vermischung von Realität und Fiktion zu faszinieren weiß (8/10).

The Abominable
Autor: Dan Simmons; Deutscher Titel: Der Berg (erscheint am 26.05.14); Umfang: 663 Seiten; Verlag: Little, Brown and Company; Erscheinungsdatum: 22. Oktober 2013; Preis: Gebundene Ausgabe 18,95 €/Taschenbuch 8,90 €/eBook 4,49 €.

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2 Antworten zu diesem Beitrag

  • Gut, das kann ich verstehen, dass man als Laie, der noch nicht in den hochalpinen Bergen geklettert ist, Probleme damit hat, sich die einzelnen Szenen vorzustellen. Eine Karte des Himalaya mit den Basislagern kann man sich aber gut im Internet ansehen und auch Fotos von Seilschaften. Dann hat man wenigstens einen ungefähren Eindruck.

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