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Ein Jahr nach seiner brutalen Mordserie steht Joe Middleton erneut im Mittelpunkt der Öffentlichkeit: Dem „Schlächter von Christchurch“ soll endlich der Prozess gemacht werden…

Zwölf Monate ist es nun her, dass Joe Middleton unter äußerst unglücklichen Umständen von der Polizei verhaftet wurde und diese herausfand, dass der nette und geistig etwas zurückgebliebene Mann, der täglich das Polizeirevier geputzt hat, in Wirklichkeit ein gefährlicher und brutaler Serienmörder ist, der bereits eine ganze Reihe von Menschen auf dem Gewissen hat. Während Joe sein Pech immer noch nicht wirklich fassen kann und sich immer wieder fragt, wie das Leben ihm so übel mitspielen konnte, rückt sein Prozess mit jedem Tag ein wenig näher.

Todesstrafe für den „Schlächter von Christchurch“?

Für Joe kommt der Beginn des aufsehenerregenden Gerichtsverfahrens zu einer Unzeit, denn ausgerechnet jetzt diskutiert ganz Neuseeland über die Wiedereinführung der Todesstrafe und die Regierung plant, mittels eines Volksentscheids eine Entscheidung in dieser Angelegenheit herbeizuführen. Zu seinem großen Missfallen wird er selbst dabei von der Bevölkerung und den Medien immer wieder als Argument für die Todesstrafe genannt – denn wenn der „Schlächter von Christchurch“, der so viele unschuldige Leben zerstört hat, den Tod nicht verdient, wer dann? Folglich beteuert Joe nach wie vor verzweifelt seine Unschuld und gibt weiterhin den freundlichen Einfaltspinsel, doch kaum noch jemand lässt sich von dieser Fassade täuschen…

Die langersehnte Fortsetzung zu „Der siebte Tod“

Endlich! Endlich! Endlich! Sechs Jahre mussten wir warten, bis Neuseelands Bestsellerautor Paul Cleave seiner wohl charismatischsten Figur erneut eine Hauptrolle in einem seiner Bücher spendiert. Zwar war der sympathische Serienkiller Joe Middleton, der seinen ersten Auftritt in Cleaves Debütroman „Der siebte Tod“ feierte, auch in den späteren Werken des Autors am Rande immer mal wieder ein Thema, doch mit seinem neuesten Thriller „Opferzeit“ tritt der „Schlächter von Christchurch“ endlich auch wieder selbst in Erscheinung. Ich habe mich seit Wochen auf das Erscheinen dieser Fortsetzung gefreut, denn die Geschichte um den nach außen so netten Trottel, der nachts ein schockierendes Doppelleben führt, hat mich damals total begeistert und ist nach wie vor mein Lieblingsroman des Autors, sodass ich unbedingt wissen wollte, wie es mit Joe Middleton weitergeht. Und vielleicht ist es am Ende diese extrem hohe Erwartungshaltung, die dafür gesorgt hat, dass „Opferzeit“ mich insgesamt betrachtet ein wenig enttäuscht hat.

Darf man einen Vergewaltiger und Serienmörder mögen?

Fangen wir jedoch am Anfang an: In einem kurzen Prolog schildert Paul Cleave nochmal die kuriosen Umstände, die zur Festnahme von Joe Middleton geführt haben, bevor die Geschichte dann einen Zeitsprung von einem Jahr macht und zu einem Schlächter springt, der in seiner Gefängniszelle auf den ihm bevorstehenden Prozess wartet. Wer „Der siebte Tod“ gelesen hat, wird vermutlich gleich am Anfang wieder daran erinnert werden, warum man Joe damals so ins Herz geschlossen hat, denn nach wie vor gibt der Häftling den treudoofen Idioten, der vehement seine Unschuld beteuert. Da Cleave diese Passagen aber erneut aus der Ich-Perspektive schildert, dürften selbst für Neulinge keinerlei Zweifel daran aufkommen, dass Joe Middleton absolut im Vollbesitz seiner geistigen Fähigkeiten ist und seine Taten nicht mal ansatzweise bereut. Das bringt einen als Leser wieder in den altbekannten Konflikt, denn einerseits findet man diesen cleveren und charismatischen Mann richtiggehend sympathisch und hochgradig amüsant – andererseits ist Joe aber nun einmal ein brutaler Vergewaltiger und Mörder, der zurück in der Freiheit wohl sofort wieder mit dem Töten weitermachen würde. Und anders als beispielsweise Jeff Lindsays Figur des „Dexter Morgan“ richtet Middleton seine Mordlust nicht gegen „schlechte Menschen“, sondern gegen unschuldige Frauen, die ihm zu ihrem Unglück über den Weg laufen…

Willkommen zurück in Christchurch!

Wie in jedem Cleave-Roman gibt es auch diesmal wieder ein Wiedersehen mit vielen alten Bekannten, bei dem fast jeder frühere Haupt- und Nebenfigur ihr Auftritt zugestanden wird. Ein besonderes Augenmerk wird dabei (wieder einmal) Detective Inspector Carl Schroeder zuteil, der sich inzwischen aber nicht mehr „Detective Inspector“ nennen darf und stattdessen als Berater für einen Hellseher in der TV-Branche arbeitet. Die dritte Hauptrolle geht an Melissa X, die psychopathische Serienkillerin, mit der Joe schon in „Der siebte Tod“ schmerzhafte Bekanntschaft gemacht hat und die er trotzdem nicht aus seinem Kopf bekommt. Fans des neuseeländischen Autors dürfen sich aber auch auf Neuigkeiten über Caleb Cole oder Theodore Tate freuen, sodass man sich als Leser schnell wieder zuhause fühlt. Dies ist einer der Gründe, warum ich Cleaves Bücher so sehr mag, denn obwohl im Prinzip jeder Roman eine eigene Geschichte erzählt, kreuzen sich die Wege der einzelnen Charaktere immer wieder auf unterschiedliche Weise, sodass um die ganzen gestörten Gestalten herum inzwischen ein richtiger kleiner Mikrokosmos entstanden ist. Allerdings stellte sich mir beim Hören des Hörbuches zwischendurch die Frage, wie die Geschichte wohl auf Neueinsteiger wirken mag, denn wirklich viel Hilfestellung in Bezug auf die Vorgänger gibt Paul Cleave eigentlich nicht. Wenn ich mir schon als Kenner der früheren Bücher phasenweise einen kleinen Gedächtnis-Auffrischer gewünscht habe, wie mag es da wohl Lesern gehen, die zuvor noch nie von Joe Middleton oder Melissa X gehört haben?

Trotz schwächelnder Story sehr unterhaltsam und amüsant

Was mich bei der Lektüre jedoch weitaus mehr irritiert hat, ist die über weite Strecken doch etwas belanglose Story, die über zwei Drittel des Buches nicht so wirklich vorwärts kommt und der es bis auf das rasante (wenn auch etwas absurde) Schlussdrittel deutlich an Spannung mangelt. Die Geschichte ist ohne jede Frage kurzweilig, unterhaltsam, amüsant und sogar sehr oft zum Schreien komisch – etwa wenn Joe am Telefon wiederholt von seiner ignoranten und scheinbar völlig weltfremden Mutter zur Verzweiflung getrieben wird –, doch irgendwie fehlte mir bei „Opferzeit“ zum ersten Mal bei einem Cleave-Buch ein wenig Tiefgang. Zudem fand ich das Verhalten mancher Charaktere an gewissen Stellen nur schwer nachvollziehbar, weil der Autor die entsprechende Motivation jeweils im Unklaren lässt und es so zum Beispiel völlig rätselhaft ist, warum es Melissa X plötzlich auf das Leben von Joe abgesehen hat, nachdem die beiden vor dessen Verhaftung noch eine Affäre gehabt haben. Darüber hinaus habe ich in der Geschichte auch ernsthafte oder gar tragische Passagen vermisst, die es in den letzten Werken (z.B. in „Die Totensammler“ oder „Das Haus des Todes“) noch zur Genüge gab und die teilweise an die Grenze des (seelisch) Erträglichen gingen. An deren Stelle sind nun leider einige Szenen voller Fäkalhumor getreten, was bei der dritten Wiederholung dann auch nur noch bedingt komisch ist. Dabei hat Cleave sich die Vorlage für mehr Tiefgang mit dem Thema „Todesstrafe“ doch schon selbst geliefert, aber von der Diskussion über Sinn oder moralische Gerechtfertigung dieser Strafe bekommt man während der Handlung selbst nicht viel mit.

Das schwächste Buch des Christchurch-Zyklus

Trotzdem ist „Opferzeit“ immer noch ein guter Thriller und für Fans des „Schlächters von Christchurch“ sicherlich erneut ein höchst unterhaltsames Vergnügen, doch verglichen mit seinem Vorgänger und den anderen Romanen zieht Cleaves neuestes Werk in meinen Augen klar den Kürzeren. Auch Hörbuchsprecher Martin Keßler mit seiner wie gewohnt ultracoolen Lesung (und einer großartig dargestellten Serienkiller-Mutter) kann nichts daran ändern, dass „Opferzeit“ für mich persönlich das schwächste Buch aus dem Christchurch-Zyklus ist.

Fazit:
Unterhaltsame Fortsetzung zu „Der siebte Tod“, die aber spannungsmäßig nicht an den Vorgänger anknüpfen kann und etwas zu viel auf Klamauk setzt (7/10).

Hörbuchcover
Autor: Paul Cleave; Sprecher: Martin Keßler; Originaltitel: Joe victim; Spieldauer: 14 Std. 26 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Random House Audio, Deutschland; Veröffentlicht: 14. Oktober 2013; Preis: 11,13 € (9,99 € im Flexi-Abo).

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