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Lange Jahre ohne einen interessanten Kriminalfall haben den Meisterdetektiv Sherlock Holmes in die Kokainabhängigkeit getrieben. Erst als eine junge Frau ihn um seine Hilfe bittet, ist sein Interesse geweckt und Holmes und sein Partner Dr. Watson nehmen zum zweiten Mal gemeinsam die Ermittlungen auf.

Sieben Jahre sind vergangen, seit Sherlock Holmes und der Arzt Dr. John Watson eine geheimnisvolle Mordserie aufgeklärt haben, deren Ereignisse Watson später unter dem Titel „Eine Studie in Scharlachrot“ für die Öffentlichkeit zusammengefasst hat. Zwar leben die beiden nach wie vor in einer Wohngemeinschaft, doch ein vergleichbar anspruchsvoller Fall ist den beiden seitdem nicht untergekommen. Vor allem dem Meisterdetektiv macht diese dauerhafte Unterforderung schwer zu schaffen, sodass er seinen Geist mit dem Konsum von Kokain ablenkt – sehr zum Missfallen von Dr. Watson, der den Verfall seines Freundes mit Sorge betrachtet.

Ein neuer langersehnter Fall für Sherlock Holmes

Glücklicherweise werden die beiden eines Tages von Mary Morstan aufgesucht, die sich mit einer ungewöhnlichen Geschichte an Sherlock Holmes wendet: Seit sechs Jahren erhält sie jeweils zu ihrem Geburtstag von einem unbekannten Wohltäter eine wertvolle Perle. Diesmal hat sich ihr Gönner jedoch zusätzlich mit einer Nachricht an sie gewandt und sie um ein persönliches Treffen gebeten. Bei dieser Gelegenheit wolle er Miss Morstan über das bisher ungeklärte Schicksal ihres Vaters unterrichten, der vor zehn Jahren spurlos verschwunden ist. Captain Morstan war Offizier in der britischen Armee und in Indien stationiert, bevor er kurz nach seiner Rückkehr nach England verschwand. Obwohl seine Tochter sich keinen Illusionen hingibt und vom Tod ihres Vaters überzeugt ist, macht sie die anonyme Nachricht doch neugierig, sodass sie Holmes und Watson um Beistand bei dem geheimen Treffen bittet. Die beiden willigen ein, ahnen jedoch nicht, in welche komplizierte Geschichte das Trio kurz darauf verstrickt wird…

Der berühmte Meisterdetektiv als lethargischer Junkie

„Das Zeichen der Vier“ ist wie eingangs erwähnt der zweite Sherlock-Holmes-Roman von Sir Arthur Conan Doyle und spielt einige Jahre nach dem Vorgänger „Eine Studie in Scharlachrot“. In der Zwischenzeit ist offenbar viel passiert – zwar weniger in Bezug auf spektakuläre Kriminalfälle, dafür aber was Sherlock Holmes selbst betrifft. Aus dem genialen Detektiv ist ein gelangweilter Junkie geworden, der sich mit Drogen betäubt, um seinen belanglosen Alltag zu überstehen. Dass er seinen brillianten Spürsinn aber trotz des Kokainkonsums nicht verloren hat, beweist Doyle seinen Lesern gleich zu Beginn, als Holmes anhand von winzigen Details die jüngsten Aktivitäten Dr. Watsons entlarven kann. Dennoch erscheint der Zustand des Detektivs besorgniserregend und es bedarf dringend eines Ereignisses, dass die Neugier Holmes‘ wecken und ihn aus seiner Lethargie erlösen kann.

Immer verzwickter werdende Story

Da kommt Mary Morstans Bitte gerade recht und so werden Holmes und Watson in ihren zweiten gemeinsamen Fall verstrickt, der sich anfangs noch eher harmlos darstellt – schließlich ist der Schutz einer jungen Frau bei einem mysteriösen Treffen nicht vergleichbar mit den rätselhaften Morden aus dem Vorgänger. Während Holmes die Vorgeschichte der Morstans aber neugierig macht, ist Watsons Eifer eher auf Mary selbst zurückzuführen, an welcher der Arzt augenscheinlich seit dem ersten Moment gefallen gefunden hat. Doch schon kurz darauf wird der Fall deutlich verzwickter, denn plötzlich ist von einem geheimnisvollen Schatz die Rede und es gibt wenig später auch noch einen rätselhaften Todesfall. Hier ist der Meisterdetektiv dann endlich wieder in seinem Element und darf sich an einem klassischen „locked room mystery“ mal so richtig austoben. Als Leser kommt man hier voll auf seine Kosten, denn Sherlock Holmes beim Beobachten und Kombinieren über die Schulter zu schauen ist immer wieder ein großes und faszinierendes Vergnügen.

Trotz Schatzsuche und Verfolgungsjagd über weite Strecken langatmig

Ungefähr ab der Hälfte des Buches wendet sich dann aber das Blatt und die Geschichte wird zunehmend weitläufiger, was der Spannung jedoch leider deutlich entgegenwirkt. Doyle wird phasenweise sehr ausschweifend, was auch durch die zwischenzeitliche Action-Sequenz mit einer Verfolgungsjagd auf der Themse nur mäßig kaschiert werden kann. Richtig langatmig wird es dann im Schlussdrittel: Der Höhepunkt ist bereits überschritten, der Fall längst geklärt, doch der Autor will seinem Publikum die Auflösung noch bis ins kleinste Detail vorbeten. Hier kommt die Geschichte dann doch sehr weit von der Ausgangssituation ab und wirkt zudem arg konstruiert. Dadurch erreicht Holmes‘ zweiter Fall leider bei weitem nicht die Raffinesse des Vorgängers, da es eindeutig zu wenig Sherlock-Momente gibt, in denen dieser mit seiner Genialität für Staunen sorgen kann. Da kann sich auch Erich Räuker, der Sprecher der Hörbuchversion, noch so sehr ins Zeug legen – „Das Zeichen der Vier“ zählt in meinen Augen nicht gerade zu den Glanzlichtern der glorreichen Detektivkarriere des Sherlock Holmes.

Schlussfazit:
Anfangs faszinierender, mit zunehmender Dauer aber immer langatmiger werdender zweiter Auftritt des berühmten Detektivs, der die Klasse des ersten Romans deutlich verpasst (6/10).

Hörbuchcover
Autor: Arthur Conan Doyle; Originaltitel: The Sign of Four; Sprecher: Erich Räuker; Spieldauer: 4 Std. 55 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Audible GmbH; Veröffentlicht: 2013; Preis: 14,95 €.

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