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Ein von der Frauenwelt verschmähter und von den Kollegen gemobbter Durchschnittstyp hat die Nase voll von seinem Dasein als Mauerblümchen und legt sich bei Facebook eine neue Identität zu, um allen anderen eins auszuwischen. Klingt von der Grundidee nach einer vielversprechenden Ausgangssituation, scheitert bei Alexander Broichers Möchtegern-Satire „Fakebook“ aber an einer katastrophalen Umsetzung.

Frieder Kurzmeier ist das, was man gemeinhin gerne als Loser bezeichnet: In seinem Job als Food-Designer in einem großen Unternehmen bekommt er nichts auf die Reihe, wird bei wichtigen Projektankündigungen aus dem E-Mail-Verteiler gelöscht und ist auch bei seinen Kollegen nichts weiter als eine Lachnummer. Auch seine letzte Freundin hat ihn verlassen, weil sie von ihm nur noch gelangweilt war und sich nach mehr Aufregung sehnte. Frieder will das aber noch nicht wahrhaben und klammert sich immer noch an der Beziehung fest – u.a. mit ständigen Chat-Anfragen bei Facebook. Überhaupt nimmt das soziale Netzwerk in Frieders Leben eine wichtige Rolle ein, schließlich spielt sich ein wichtiger Teil des Lebens im Internet ab – denkt zumindest Frieder. Dumm nur, dass kaum eine seiner knapp hundert Freundschaftsanfragen beantwortet wird und er daher nur klägliche vier Facebook-Freunde vorzuweisen hat.

Ein Niemand legt sich auf Facebook eine neue Identität zu und krempelt sein Leben um

Als er dann auch noch nach einem gesundheitlichen Schwächeanfall den Arzt aufsucht und dieser ihm mitteilt, dass er möglicherweise nicht mehr allzu lange zu leben habe, hat Frieder die Nase voll von all den Tiefschlägen. Er loggt sich bei Facebook ein und legt sich eine neue Identität zu, die all das verkörpern soll, was er selbst im wahren Leben nicht ist. Kurzmeier erfindet Rocco, einen hippen und attraktiven Jetsetter, der durch die angesagtesten Clubs Europas tourt und jeden Morgen neben einer anderen Frau aufwacht. Sein Plan scheint zu funktionieren, denn schon wenig später wird „Rocco“ überschüttet von Anfragen und „Gefällt mir“-Klicks, sodass Frieder beschließt, sein Alter Ego auch im Alltag immer mehr in seine Persönlichkeit einfließen zu lassen.

Ein weiterer Facebook-Roman…

Alexander Broichers „Fakebook“ ist nicht der erste Facebook-Roman und wird auch nicht der letzte bleiben, allerdings ist er leider eindeutig der schlechteste, der mir bisher untergekommen ist. Dabei beginnt die Geschichte zunächst noch recht verheißungsvoll: Der Leser lernt Frieder Kurzmeier kennen, einen frustrierten Niemand, der von keinem beachtet wird und keinerlei Erfolgserlebnisse vorzuweisen hat. Genervt zieht er sich in die Welt des Internets zurück, um dort das auszuleben, was ihm in der Realität verwehrt bleibt – so weit, so gut. Allerdings ist die Hauptfigur fast von der ersten Minute an absolut unsympathisch und wirkt mit seiner Weltanschauung einfach nur armselig. Für Frieder Kurzmeier ist die Facebook-Welt das wahre Leben und nur Facebook-Freunde sind die, auf die es wirklich ankommt. Je mehr desto besser, völlig egal ob man die Menschen hinter den Nicknames überhaupt in der Realität kennt. Hat man nur genug Facebook-Freunde, so kommt der Ruhm mit all seinen angenehmen Nebenerscheinungen angeblich wie von selbst: heiße Frauen, wilde Partys, grenzenloser Spaß und ein großer Karriere-Schub. Wer so eine Einstellung hat, der muss sich wirklich nicht wundern dass er außerhalb des Internets der totale Loser ist…

Unglaubwürdige Darstellung sozialer Netzwerke

Der nächste Schwachpunkt sind die offenbar fehlenden Kenntnisse des Autors über soziale Netzwerke. Wenn ich doch schon einen Roman schreibe, in dem sich so gut wie alles um dieses Thema dreht, dann sollte ich doch zumindest vorher auf die Idee kommen, mich bei Facebook und Co. mal ein wenig umzuschauen. Da reicht es nicht aus, wenn man Sätze aus den Profil- und Privatsphäre-Einstellungen zitieren kann, ich muss auch wissen wie dieses Netzwerk funktioniert. Es ist völlig unglaubwürdig, dass jemand, der es in mehreren Monaten nur zu vier (!) kläglichen FB-Freundschaften gebracht hat, plötzlich innerhalb von wenigen Stunden zum bundesweit bekannten Internetstar wird – nur weil man sich einen trendigen Namen und ein geheimnisvolles Profilbild gibt, ein paar coole Hobbys angibt und eine Reihe von sinnleeren Lebensweisheiten in die Welt hinausposaunt. So bekommt Frieder für absolut nichtssagende Statusupdates schon nach wenigen Minuten mehrere hundert „Likes“, ohne vorher eine einzige (!) Freundschaftsanfrage versendet oder angenommen zu haben – hier möchte mir der Autor bitte mal erklären, wie sich die Meldungen dann so schnell im Internet herumsprechen.

Schlichter und nerviger Schreibstil

Weiter geht es mit dem Schreibstil, der über weite Strecken einfach nur eine Zumutung ist. Gefühlt wird jeder Satz mit hippen und trendigen Modewörtern und Anglizismen aufgeblasen, wie es in der Partyszene und Werbebranche offenbar üblich ist – wenn man dem Autor Glauben schenkt. Da ist dann plötzlich alles „funky“ und „krass“ und wird „ausgecheckt“, bis einem als Leser die Galle hochkommt. Dieses pseudo-coole Gehabe ist mir schon nach wenigen Minuten schwer auf den Keks gegangen und zieht sich in dieser Form durch das ganze Buch – grauenvoll. So sind dann auch sämtliche Dialoge und Chatprotokolle haarsträubend unrealistisch und wirken fast schon unfreiwillig komisch – wenn es denn nicht so hochgradig nervig wäre…

Oberflächliche Charaktere, schwache Story

Leider hat auch die Story nicht viel zu bieten, denn diese ist genauso oberflächlich wie der Charakter der Hauptfigur: Loser legt sich eine coole virtuelle Identität zu, geht zum Friseur, kauft sich neue Kleidung und ist plötzlich der Held, der seinen Feinden nun ein paar „witzige“ Streiche spielt – gähn. Dabei könnte selbst das noch für eine passable Story reichen, wenn bei Broichers Roman nicht alles immer so furchtbar plump wäre. Zudem werden angefangene Nebenhandlungen wie Frieders Krankengeschichte nicht vernünftig fortgeführt oder klägliche Versuche unternommen, die Handlung mit vermeintlich originellen Einfällen „aufzuwerten“. So überträgt der Autor Frieders neues Ich „Rocco“ zum Beispiel auch noch auf dessen reales Leben und lässt seinen Protagonisten permanent hohle Gespräche mit seinem imaginären neuen Freund führen. Dieser Ansatz artet aber völlig aus und mündet in einem völlig verkorksten Ende, bei dem man sich einfach nur noch fragt, was das Ganze eigentlich sollte.

Missratener Satire-Ansatz

Mir ist durchaus bewusst, dass „Fakebook“ in gewissen Teilen auch eine Satire sein soll, die das übertriebene Geltungsbewusstsein in sozialen Netzwerk oder andere „Macken“ unserer heutigen Gesellschaft aufs Korn nehmen soll, welche z.B. auch durch die abstoßenden Nahrungsmittel-Experimente in Frieders Food-Design-Unternehmen verdeutlicht werden sollen – frei nach dem Motto „mehr Schein als Sein“. Allerdings ist auch dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt, denn Broichers Roman wirkt in nahezu allen Bereichen völlig realitätsfern. Wenn man schon kritisch die Mängel im sozialen Miteinander ansprechen möchte, dann doch bitte nicht auf so eine billige Art und Weise wie es im Buch der Fall ist. Hier wird fast jeder Facebook-Nutzer als oberflächlich und dumm abgestempelt und führt so zu dem Schluss, dass niemand in diesen Netzwerken einen Schimmer davon hat, worauf es im Leben wirklich ankommt. Mit solchen Rundumschlägen macht man sich bei der Leserschaft, die zu überwiegenden Teilen wohl auch in diesen Netzwerken aktiv ist, sicherlich nicht allzu viele Freunde. Folglich wirkt das gesamte Buch so, als hätte ein Facebook-Gegner hier eine Bühne gesucht, um mal richtig über das Internet abzulästern – ohne sich allerdings mal die Mühe zu machen, sich intensiver mit der Materie auseinanderzusetzen. Diese Von-oben-herab-mit-dem-Finger-auf-andere-zeigen-Haltung kommt bei mir nicht sonderlich gut an. Außerdem gehört zu einer guten Satire auch eine Portion intelligenter Humor und „Fakebook“ ist nicht einmal im Ansatz witzig, geschweige denn intelligent.

Ich habe mich beim Lesen wirklich gefragt, wie ein so oberflächliches, unrealistisch und stilistisch mangelhaftes Werk den Weg zu einem professionellen Verlag gefunden hat. Dass der Roman dann auch noch im Heyne Hardcore-Imprint gelandet ist, schlägt dem Fass noch den Boden aus. Der Roman wirkt in diesem Label wie ein jugendlicher Ladendieb im Todestrakt, nämlich völlig deplatziert. Fraglich ist auch, was man sich bei der Covergestaltung des Buches gedacht hat, denn das einzige Blut in der Geschichte fließt dann, als sich Frieder bei einem Sturz das Knie aufschlägt… Ähnlich fehl am Platz wirkt leider auch Peter Lontzek, der Sprecher der Hörbuchversion von „Fakebook“. Das liegt weniger an seiner durchaus ordentlichen Lesung, sondern vielmehr daran, dass er mit seiner angenehmen und freundlichen Stimme überhaupt nicht zu der Ansammlung unsympathischer Charaktere passt.

Fazit:
Pseudo-intelligente Gesellschaftskritik, die sich inhaltlich und stilistisch als echte Zumutung entpuppt (2/10).

Cover
Autor: Alexander Broicher; Sprecher: Peter Lontzek; Spieldauer: 5 Std. 8 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Audible GmbH; Veröffentlicht: 2012; Preis: 20,95 €.

Link zum Hörbuch


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