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Der norwegische Autor Jo Nesbø erreichte vor allem durch seine Harry-Hole-Krimireihe europaweite Bekanntheit. In seinem Thriller „Headhunter“ hat der unkonventionelle Kommissar jedoch Pause, stattdessen schickt Nesbø einen Geschäftsmann und Kunstdieb durch einen atemberaubenden Albtraum.

Roger Brown ist Headhunter und scoutet für große Unternehmen Kandidaten für wichtige Posten in der Wirtschaft. Und Brown ist nicht irgendein Headhunter, er ist der Beste – zumindest ist er selbst davon überzeugt. Wenn er einem seiner Auftraggeber eine Empfehlung ausspricht, so wird seinem Rat auch zu einhundert Prozent gefolgt. Brown ist sich seines ausgezeichnetem Rufes bewusst und streicht dementsprechend für seine Beratung auch eine Menge Geld ein, das er in ein protziges Haus und seine attraktive Frau investiert hat. Nach außen hin führt Brown also ein überaus angenehmes Leben. Was aber niemand außer ihm selbst weiß: Roger Brown ist so gut wie pleite.

Wenn ein Kunstraub völlig aus dem Ruder läuft…

Das Haus hat einen großen Teil seines Vermögens verschlungen und die Kunstgalerie, die er für seine Frau Diana gekauft hat, verschlingt regelmäßig Unsummen, ohne dass die dort ausgestellten Gemälde nennenswerte Erträge einfahren würden. Der Rest des Geldes geht für teure Geschenke für Diana drauf, sodass Rogers ausschweifender Lebensstil mit seinem nicht gerade geringen Einkommen als Headhunter eigentlich nicht zu realisieren wäre – wenn es da nicht seine kleine Nebentätigkeit als Kunstdieb gäbe. Durch die Tätigkeit seiner Frau verfügt er nämlich über gute Kenntnisse über den Wert von Gemälden und nutzt die Sondierungsgespräche mit den zahlreichen Manager-Kandidaten, um diese scheinbar beiläufig über ihre privaten Kunstschätze auszufragen. Ist etwas dabei, das Browns Aufmerksamkeit erregt und ihm ein paar tausend Kronen nebenbei verschaffen könnte, so kontaktiert er seinen Helfer Ove, den er bei einer Sicherheitsfirma eingeschleust hat, und tauscht mit ihm gemeinsam in einem günstigen Moment die teuren Bilder gegen billige Kopien aus, um die Beute dann auf dem Schwarzmarkt zu verhökern – bis einer der Einbrüche plötzlich völlig aus dem Ruder läuft…

Roger Brown: Selbstverliebter Headhunter und gerissener Kunstdieb

Eine kleine Warnung vorweg: „Headhunter“ hat absolut nichts mit Jo Nesbøs Harry-Hole-Reihe zu tun und schlägt einen völlig anderen Weg ein. Statt spannender Krimikost gibt es mit diesem Roman einen kompromisslosen Action-Thriller, der schon nach wenigen Seiten ein gnadenloses Tempo aufnimmt und dieses bis zum Schluss hält. Auch Nesbøs Hauptfiguren könnten grundsätzlicher nicht sein, denn Roger Brown hat mit dem alkoholgeschädigten Kommissar so gut wie nichts gemeinsam. Brown ist arrogant, erfolgreich und hat eigentlich nur einen Makel: seine geringe Größe von nicht einmal einem Meter und siebzig Zentimetern. Für echte Minderwertigkeitskomplexe sorgt das aber nicht, diese erstickt er nämlich schon im Keim mit seinem luxuriösen Anwesen und seiner schönen Vorzeigefrau. Trotz des selbstverliebten Auftretens zieht der Headhunter die Leser aber dennoch schnell auf seine Seite, da der Protagonist (in der Ich-Perspektive) durchaus mit einer gewissen Portion Selbstironie über sein ausschweifendes Leben berichtet. Außerdem ist es schon faszinierend, wie Roger Brown seine Gesprächspartner in Grund und Boden reden kann und in scheinbar jeder Situation die Kontrolle behält – nur mit dem Kinderwunsch seiner Frau hat er so seine Probleme, stattdessen versucht er sie mit teuren Aufmerksamkeiten „ruhigzustellen“, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann. Er wird dadurch fast schon zu den Kunstdiebstählen gezwungen, mit denen er eigentlich seit geraumer Zeit abschließen will, sobald er mit einem spektakulären Coup ein für allemal ausgesorgt hat. Die Möglichkeit dazu bietet sich schließlich, als ihm der Holländer Clas Greve vorgestellt wird, der auf einem verschollen geglaubten Gemälde des Malers Rubens „sitzt“. Wie das aber so oft in Büchern und Filmen der Fall ist, läuft der „letzte Auftrag“ aber natürlich nicht so, wie sich die Hauptfigur das vorgestellt hat – und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Temporeich, hochspannend und voller unerwarteter Wendungen

Nesbø hat mit seinem Ausreißer aus dem Harry-Hole-Universum einen hochspannenden Thriller hingelegt, der seine Leser kaum zum Verschnaufen kommen lässt. Eine Wendung jagt die nächste, und das in so schneller Folge, dass man über die zuweilen etwas zweifelhafte Logik gar nicht so richtig nachdenken kann. Die Handlung ist raffiniert konstruiert und überschlägt sich zum Ende hin fast, was schließlich in einem dramatischen und unerwarteten Showdown mündet. Allerdings übertreibt es Nesbø in der anschließenden Nachbereitung und legt noch einen Storytwist oben drauf, der aber wirklich nur noch unglaubwürdig erscheint. Wer also nach einem kurzweiligen und packenden Action-Thriller sucht, der wird mit „Headhunter“ bestens bedient, Tiefgang sollte man von der teilweise haarsträubenden Handlung aber nicht erwarten.

Auch in der dicht am Buch gehaltenen Filmumsetzung empfehlenswert

Zu dem Buch existiert zudem auch eine Verfilmung, die im Jahr 2012 bei uns in den Kinos lief, damals leider aber an mir vorbei gegangen ist. Ich habe die Lektüre dann aber zum Anlass genommen, um dieses Versäumnis mit der DVD-Version auszumerzen. Erstaunlicherweise hält sich die Filmversion über weite Strecken sehr nah an die Romanvorlage und stimmt in der ersten Hälfte des Films sogar beinahe Wort für Wort überein. Der in Norwegen produzierte Streifen setzt das hohe Erzähltempo des Buches gut um und bietet ebenfalls spannende Thrillerkost, die ohne Mühe für einen spannenden Filmabend sorgen kann. Zwar ist die Story zum Ende hin ein wenig entschlackt worden, sodass das Finale nicht ganz so abstrus wie im Buch ausfällt, anders hätte man die Geschichte in der Kürze der Zeit vermutlich auch nicht verständlich auflösen können. Meiner Meinung nach ist „Headhunters“ also eine gelungene Romanverfilmung, alleine schon weil Hauptdarsteller Aksel Hennie einfach perfekt auf die Figur des Roger Brown passt.

Fazit:
Spannender und spektakulärer Action-Thriller, der mit vielen unerwarteten Wendungen überrascht, es im Schlussakt aber deutlich übertreibt. Nichtsdestotrotz aber sowohl in Buch- und Filmversion absolut empfehlenswert (8/10)!

Buchcover
Autor: Jo Nesbø; Originaltitel: Hodejegerne; Umfang: 320 Seiten; Verlag: Ullstein Taschenbuch; Erscheinungsdatum: 16. September 2011; Preis: Taschenbuch 9,99 €, eBook 8,99 €.

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Eine Anwort zu diesem Beitrag

  • Hi,

    Sehr schöne Rezension. Mir hat das Buch wirklich sehr gut gefallen; rasant, spannend und mitreißend. Ich liebe die Harry Hole Reihe und inzwischen ist Jo Nesbø einer meiner Lieblingssutoren.

    Liebe Grüße