Hörbuchcover
Autor: Keigo Higashino
Sprecher: Olaf Baden
Länge: 09 Std. 44 Min. (ungekürzt)
Anbieter: Lübbe Audio
Originaltitel: Yōgisha X no Kenshin
Preis: 24,95 € (9,95 € im Flexi-Abo von Audible.de)

Inhaltsbeschreibung von audible.de:
Ishigami, der Mathelehrer, gegen Dr. Yukawa, den Physiker: Die beiden haben seit Langem eine Rechnung miteinander offen. Nun kämpfen sie gegeneinander: Ishigami, um die Wahrheit zu vertuschen, und Yukawa, um sie aufzudecken. Gelingt es ihm, der geliebten Mörderin und deren Tochter ein Alibi zu verschaffen, oder werden sie am Ende allesamt des Mordes und der Lüge überführt?

Meine Hörbuchbesprechung:
Yasuko Hanaoka hatte in ihrem Leben nicht wirklich Glück mit den Männern: Vom Vater der gemeinsamen Tochter Misato lebt sie seit Jahren getrennt, und auch ihre zweite Ehe mit Shinji Togashi hielt nur drei Jahre. Allerdings lässt Togashi seiner Ex-Frau auch ein Jahr nach der Scheidung immer noch keine Ruhe und sucht Yasuko und Misato regelmäßig auf, um sie zu belästigen und Geld zu schnorren. Da Yasuko die dunkle und gewalttätige Seite von Togashi aus der gemeinsamen Zeit nur allzu gut kennt, gibt sie in der Regel immer nach, um sich und ihr Kind vor ihrem Mann zu schützen. Als Togashi jedoch eines Tages erneut vor der Tür steht und Geld fordert, kommt es zum Eklat: Misato greift ihren Stiefvater unerwartet an, um ihrer Mutter zu helfen, woraufhin dieser die Kontrolle verliert und wütend auf das Mädchen einprügelt. Yasuko kommt ihrer Tochter zur Hilfe und sieht keine andere Möglichkeit, als ihren Ex-Mann mit einem Kabel zu erwürgen.

Eine Frau tötet ihren gewalttätigen Ex-Mann – kann sie die Tat erfolgreich vertuschen?

Kurz nach der Tat klingelt es an Yasukos Wohnungstür und als sie besorgt öffnet, steht dort ihr Nachbar, der Mathematik-Lehrer Tetsuya Ishigami. Er sei auf den Lärm aufmerksam geworden und wolle sich nur erkundigen, ob bei den Hanaokas alles in Ordnung sei. Yasuko gelingt es, den aufmerksamen Nachbarn abzuwimmeln und überlegt anschließend verzweifelt, wie sie nach dem Mord nun vorgehen soll. Eigentlich will sie sich der Polizei stellen und ihrer gerechten Strafe entgegentreten, doch was passiert dann mit Misato? Es ist fast ausgeschlossen, dass die Beteiligung ihrer Tochter bei einer genaueren Untersuchung der Tat unentdeckt bleibt, und eine Strafverfolgung von Misato kann sie als Mutter auf keinen Fall zulassen. Glücklicherweise meldet sich wenig später telefonisch noch einmal Ishigami, der ihr klar macht, dass er genau weiß, was in der Nachbarwohnung passiert ist. Yasuko überkommt die nackte Angst, doch zu ihrem Erstaunen bietet Ishigami ihr seine Hilfe bei der Beseitigung der Leiche und der Vertuschung des Mordes an…

Totschlag im Affekt als der perfekte Mord?

Der japanische Kriminalroman „Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino ist in der Hörbuchversion gerade einmal eine knappe Stunde alt, als der Fall für den Hörer bereits weitestgehend aufgeklärt ist: Eine alleinerziehende Mutter tötet im Affekt ihren gewalttätigen Ex-Mann, bevor dieser in einem Wutausbruch die gemeinsame Tochter blutig schlagen kann. Die Mörderin – wobei man juristisch gesehen wohl kaum von einem Mord, sondern eher von Nothilfe sprechen kann – hat dann auch noch das Pech, dass ein hellhöriger Nachbar den Aufruhr mitbekommen und bei dem anschließenden Kontrollbesuch aus den wenigen Spuren bereits die richtigen Schlüsse gezogen hat. Mörderin überführt, Fall gelöst – sollte man meinen, denn die Täterin hat Glück im Unglück. Der zurückgezogen lebende Mathematik-Lehrer ist nämlich heimlich in seine Nachbarin verliebt und bietet ihr nur allzu gerne seine Hilfe an, um seine Angebetete sauber aus der Angelegenheit herauszubekommen. Praktischerweise muss sich Yasuko auch noch um fast nichts kümmern, denn der clevere Ishigami hat umgehend einen genialen Plan entwickelt, wie die Tat unentdeckt bleibt. Alles was Mutter und Tochter noch machen müssen ist lediglich, den präzisen Anweisungen des Nachbarn zu folgen.

Ermittler und Physiker vs. Mörderin und Mathematiker

Wo die meisten Krimis enden, fängt Keigo Higashinos Story erst so richtig an, nämlich mit der Enthüllung der Mörderin. Trotzdem bekommt der Hörer anschließend noch die klassische Ermittlergeschichte geboten, mit einem Polizisten, der den gewaltsamen Tod von Shinji Togashi aufklären will. Muss man sich diese Geschichte also noch anhören, obwohl man bereits die Auflösung kennt? Unbedingt, denn Higashino schafft es hervorragend, den eigentlich recht simplen Plot mit einfachsten Mitteln unglaublich spannend zu erzählen. Dabei lässt er wie bei einem Wettbewerb praktisch zwei Teams gegeneinander antreten: Ishigami, Yasuko und Misato als Eingeweihte auf der einen, und den Ermittler Kusanagi auf der anderen Seite. Damit Chancengleichheit herrscht und die Vertuscher aufgrund des gewieften Mathematikers keinen zu großen Vorteil haben, bekommt auch Kusanagi tatkräftige Unterstützung. Dieser unterhält sich nämlich mit seinem Freund Manabu Yukawa über die Ermittlungen, wie er es oft in kniffligen Fällen macht. Yukawa ist Physik-Professor an der Kaiserlichen Universität und hat schon oft durch seinen Rat zur Lösung eines Falls beigetragen. Besonders pikant: Der Physiker ist gleichzeitig ein alter Freund von Mathematiker Ishigami, da beide vor Jahren zur gleichen Zeit die Universität besucht haben. Als Yukawa erfährt, dass auch Ishigami in Kusanagis Ermittlungen eine Rolle spielt, sucht er seinen früheren Kommilitonen auf, um ein wenig über die alten Zeiten zu plaudern. Dabei merkt er jedoch, dass sein Freund offenbar etwas zu verbergen hat – und das Duell der Genies beginnt…

Minimalistisches, aber ungemein faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel

Keigo Higashinos Geschichte ist in den Grundzügen eigentlich sehr simpel und auch in der Ausführung sehr minimalistisch und zurückgenommen. Es gibt keine Verfolgungsjagden, Schießereien oder sonstige Actioneinlagen, sondern reine Ermittlungsarbeit in Form von Zeugenbefragungen und dem Aufstellen von Theorien. Der Mord zu Beginn ist da schon der emotionale Höhepunkt, der Rest der Story besteht zu großen Teilen aus kluger Berechnung. Trotzdem ist „Verdächtige Geliebte“ ungemein faszinierend, was vor allem durch die ständigen Perspektivwechsel hervorgerufen wird. Denn auch wenn der Hörer bereits die Täterin kennt, so bietet Higashino seinem Publikum dennoch immer wieder Überraschungen: So haben Mutter und Tochter plötzlich wasserdichte Alibis, die sowohl auf dem Papier, als auch anhand von neutralen Zeugen eindeutig bestätigt werden können. „Wie kann das gehen?“, fragt sich nicht nur der Hörer, sondern auch die Ermittlerfigur. Dieser ist nämlich recht schnell auf der richtigen Spur und hat die Ex-Frau des Toten im Verdacht, er kann es jedoch beim besten Willen nicht beweisen. So entwickelt sich ein packendes Katz-und-Maus-Spiel, wobei sich vor allem die beiden Gelehrten absolut auf Augenhöhe begegnen.

Sympathische Charaktere und eine grandiose Auflösung

Ein weiteres Plus der Geschichte ist zudem, dass der Hörer mit allen Beteiligten gleichermaßen mitfiebern kann. Man versteht auf der einen Seite die Motivation der Mörderin und hofft, dass sie und ihre Tochter den Fall unbeschadet überstehen, gleichermaßen will man aber auch, dass Kusanagi und Yukawa das clevere Rätsel von Ishigami lösen, damit man selbst Erleuchtung erfahren kann. Zu diesem Kriminalfall gibt es dann auch noch eine – wenn auch sehr zurückhaltende und eher einseitige – Liebesgeschichte, die dem Hörer die Protagonisten noch einmal näher bringen. Wenn der Autor dann in der letzten Stunde zur großen Auflösung ausholt, hängt man dann einfach nur noch gebannt an den Kopfhörern und bekommt vor Staunen den Mund nicht mehr zu.

Der Sprecher:
Gelesen wird der Japan-Krimi von Olaf Baden, dessen Name oder Stimme mir vor diesem Hörbuch noch überhaupt nicht begegnet ist – zumindest nicht bewusst, denn Baden ist zwar kein prominenter Synchronsprecher wie viele seiner Kollegen, hat aber bereits mehrere Sprecherrollen in Rundfunk und Fernsehen übernommen. Ich habe ehrlich gesagt auch ein wenig gebraucht, bis ich mit dem reduzierten Vortrag Badens warm geworden bin, denn dessen Lesung ist insgesamt recht emotionslos und wirkt anfangs ein wenig einschläfernd. Nach etwa einer halben Stunde stellt man aber fest, dass die ruhige und zurückhaltende Erzählweise eigentlich ziemlich gut zum minimalistischen Ton der Buchvorlage passt. Allerdings ist es ein wenig schade, dass Baden nicht sonderlich wandlungsfähig auftritt, denn es fällt teilweise schwer, die einzelnen Charaktere auseinanderzuhalten – oft kann man sogar kaum zwischen Mann und Frau unterscheiden. Insgesamt also eine eher durchwachsene Sprecherleistung, die wohl nicht besonders nachhaltig in Erinnerung bleiben wird, ich rate daher vor dem Kauf zum Antesten der Hörprobe.

Schlussfazit:
Die Ausgangssituation von Keigo Higashinos Roman „Verdächtige Geliebte“ ist ungewöhnlich: Der Tathergang ist dem Hörer sofort klar, stattdessen geht es darum, ob die Täterin es (mit unverhoffter Unterstützung) schafft, ungeschoren davonzukommen. Somit dreht sich in diesem Krimi viel um die Frage nach dem perfekten Mord. Dieses Szenario ist sicherlich nicht neu, doch was Higashino daraus macht, ist faszinierend und ungemein spannend. Der intellektuelle Wettbewerb zwischen den beiden Gelehrten ist von Beginn an packend und man fiebert überraschenderweise mit beiden Seiten mit.

Raffinierter und origineller Kriminalroman 

Darüber hinaus überzeugt auch das Beziehungsgeflecht in dieser Geschichte, welches eigentlich durchweg aus Sympathieträgern besteht, sodass man auch als Hörer irgendwie in einen Interessenkonflikt gerät. Einerseits will man die Überführung der Mörderin, damit man hinter die Lösung von Ishigamis Rätsel kommt, andererseits hofft man aber auch auf einen Freispruch für die Täterin, die ja eigentlich nur ihre Tochter beschützen wollte. Ein wenig schade ist lediglich, dass beim Hören der Geschichte kaum japanisches Flair aufkommt, da die Story so auch in jedem anderen Land in jeder beliebigen Stadt spielen könnte. Abgesehen davon ist „Verdächtige Geliebte“ ein überaus raffinierter Kriminalroman mit einer grandiosen Auflösung und sei jedem Krimifan wärmstens ans Herz gelegt. Das Buch wurde in diesem Jahr nicht ohne Grund für den Edgar Allan Poe Award, den bedeutendsten Preis für Kriminalliteratur nominiert. Für mich zählt das Hörbuch jedenfalls absolut zu den Highlights des Jahres!

Meine Wertung: 9/10

Informationen:
„Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino hat eine Spieldauer von 9 Std. und 44 Min. und ist ungekürzt für 24,95 € bei audible.de erhältlich. Im Flexi-Abo kostet der Titel wie gewohnt nur 9,95 €. Weitere Informationen gibt es auf der Detail-Seite bei Audible.

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