Autor: Sebastian Fitzek, Michael Tsokos
Sprecher: Simon Jäger
Länge: 09 Std. 47 Min. (ungekürzt)
Anbieter: Audible GmbH

Inhaltsbeschreibung von audible.de:
Rechtsmediziner Paul Herzfeld findet im Kopf einer monströs zugerichteten Leiche die Telefonnummer seiner Tochter. Hannah wurde verschleppt – und für Herzfeld beginnt eine perverse Schnitzeljagd. Denn der psychopathische Entführer hat eine weitere Leiche auf Helgoland mit Hinweisen präpariert. Herzfeld hat jedoch keine Chance, an die Informationen zu kommen. Die Hochseeinsel ist durch einen Orkan vom Festland abgeschnitten, die Bevölkerung bereits evakuiert. Unter den wenigen Menschen, die geblieben sind, ist die Comiczeichnerin Linda, die den Toten am Strand gefunden hat. Verzweifelt versucht Herzfeld sie zu überreden, die Obduktion nach seinen telefonischen Anweisungen durchzuführen. Doch Linda hat noch nie ein Skalpell berührt. Geschweige denn einen Menschen seziert…

Meine Hörbuchbesprechung:
Als der Berliner Rechtsmediziner Paul Herzfeld während seines Bereitschaftsdienstes die Obduktion einer toten Frau beginnt, ahnt er noch nicht, dass wenig später die Hölle über ihn hineinbrechen wird. Zunächst einmal ist die Leiche in einem katastrophalen Zustand und wurde auf übelste Weise verstümmelt, doch dies zählt für den erfahrenen Pathologen leider schon fast zu den Routinefällen. Was bei Herzfeld jedoch für Erstaunen sorgt, ist der merkwürdige Fund, den er bei der Untersuchung des Kopfes macht. Im Schädel der Frau findet er nämlich einen kleinen Zettel mit einer Telefonnummer und einem Namen, dessen Erwähnung es ihm eiskalt den Rücken hinunter laufen lässt: „Hannah“ – genau wie seine 17-jährige Tochter. Als Herzfeld daraufhin die Nummer anruft, werden seine schlimmsten Befürchtungen wahr: Hannah wurde entführt – und dem verzweifelten Vater bleibt nicht mehr viel Zeit, um sie zu finden und zu befreien…

Mit Botschaften versehene Leichen als Wegweiser zu der entführten Tochter

Unterdessen sucht die Comiczeichnerin Linda auf der Nordseeinsel Helgoland Zuflucht vor einem lästigen Stalker – ihrem immer noch von ihr besessenen Ex-Freund, der die Trennung nicht verkraften kann und die junge Frau seitdem auf Schritt und Tritt verfolgt. In ihrem selbst gewählten Exil kommt sie aber nicht wirklich zur Ruhe, denn vor Helgoland zieht ein schwerer Orkan auf, der den Insulanern große Sorgen bereitet. Wer es noch rechtzeitig schafft, rettet sich vor der Ankunft des Sturms noch aufs Festland, sodass nur noch wenige Menschen auf der Insel bleiben – darunter auch Linda, die zu allem Überfluss auch noch eine Leiche am Strand findet. Neben dem Toten findet sie ein Handy, in das nur eine einzige Nummer eingespeichert wurde. Als Linda neugierig die Anruftaste drückt, meldet sich wenig später am anderen Ende der Leitung Paul Herzfeld…

Gemeinschaftsarbeit von Bestsellerautor Sebastian Fitzek und Rechtsmediziner Michael Tsokos

Es gibt nur wenige Autoren, bei denen ich auf das Erscheinen des nächsten Buches förmlich hinfiebere und ich das neueste Werk auch direkt am ersten Verkaufstag in meinen Händen bzw. auf meinem iPhone haben möchte. Dazu zählt nach wie vor „Harry Potter“-Schöpferin J.K. Rowling, der US-Autor John Katzenbach und – ganz oben auf der Must-Read-Liste – der Berliner Schriftsteller Sebastian Fitzek, dessen Psychothriller seit Jahren regelmäßig die Bestsellerlisten stürmen (und das im Übrigen völlig zurecht). Nachdem Fitzek zuletzt zweimal den Polizeireporter Alexander Zorbach („Der Augensammler“, „Der Augenjäger“) in den Fokus seiner Geschichte stellte, hoffte ich aber nun wieder auf etwas Neues – ohne Zorbach und vor allem: ohne Augen… Tatsächlich bietet der neue Thriller eine kleine Überraschung, denn Sebastian Fitzek hat sich für „Abgeschnitten“ tatkräftige Unterstützung an die Seite geholt. Das Werk entstand nämlich in Kooperation mit Michael Tsokos, einem der führenden deutschen Rechtsmediziner. Deutschlands bester Thrillerautor und Deutschlands vielleicht bester forensischer Mediziner – das lässt die Erwartungen an das gemeinsame Buch natürlich in ungeahnte Höhen schießen.

Zwei Handlungsstränge ergänzen sich zu einer rasanten Story

Fitzek und Tsokos legen dann auch gleich im Prolog schon mal einen echten Schocker hin, der so überraschend ist, dass ich an dieser Stelle auch gar nicht mehr darüber verraten möchte. Jedenfalls weiß der Hörer nach dieser Szene genau, wo es in den folgenden knapp zehn Stunden langgeht, denn in eben diesem Stil geht es dann munter weiter. Die beiden Autoren ziehen ihre Geschichte über zwei verschiedene Handlungsstränge auf, die aber wie eingangs angedeutet schon sehr früh zusammengeführt werden. Ein psychopathischer Killer hinterlässt Leichen mit versteckten Hinweisen, die den Rechtsmediziner Paul Herzfeld bei der Suche nach seiner entführten Tochter schnell nach Helgoland führen. Aufgrund des herannahenden Orkans kann er jedoch nicht selbst vor Ort ermitteln, sondern ist auf die Hilfe der Comiczeichnerin Linda angewiesen, die als eine der wenigen auf der Insel geblieben ist. Da Herzfeld nämlich keine Zeit verlieren darf und er weitere Hinweise in der von Linda gefundenen Leiche vermutet, muss er die junge Frau dazu bringen, eine Obduktion vorzunehmen – unterstützt durch seine telefonischen Anweisungen.

Gelegentlich etwas übertrieben und oberflächlich, aber immer mitreißend und spannend 

Bereits an dieser Stelle kann man konstatieren, dass sich Sebastian Fitzek und Michael Tsokos beim Schreiben offenbar sehr gut ergänzen. Fitzek sorgt für den mitreißenden Schreibstil, für fiese Cliffhanger und nervenzerreißende Spannung und Tsokos bringt sein medizinisches Fachwissen ein, was man natürlich vor allem bei den Obduktionsszenen merkt. Gelungen sind auch die vielen Perspektivwechsel, da die Story immer abwechselnd aus Sicht von Paul Herzfeld und Linda erzählt wird. Selbstredend ist das Buch wie gewohnt voll und ganz auf packende Unterhaltung ausgerichtet, sodass man in Bezug auf die Figuren keine tiefgründige Charakterstudie erwarten sollte. Klar gibt es die ein oder andere Hintergrundinformation, z.B. zu Herzfelds etwas angespannter Vater-Tochter-Beziehung, doch insgesamt bleiben die beiden Protagonisten doch etwas oberflächlich. Dafür bekommen aber beide Hauptfiguren ungewöhnliche Sidekicks verpasst, die den harten Thrillerstoff durch gelegentliche amüsante Einlagen etwas auflockern. Ob die Story dabei immer realistisch und glaubwürdig ist, darf aber schon ab und zu kritisch hinterfragt werden – das gilt vor allem für die Tatsache, dass Linda sich ohne allzu großen Widerstand dazu überreden lässt, einen toten Menschen aufzuschneiden oder das immer wieder gern gesehene „Abgeschnittene Insel“-Szenario.

Brutaler als die Vorgänger und mit ernstem Hintergrund

Was mir zudem etwas negativ aufgestoßen ist, ist das erhöhte Maß an Brutalität, das man bei „Abgeschnitten“ im Vergleich zu den anderen Fitzek-Büchern vorfindet. Eigentlich stehen die Werke des Berliners für raffinierte Psychospielchen und atemberaubende Spannung ohne übertriebenes Blutvergießen. Das neue Buch setzt die schon beim „Augenjäger“ zu erahnende Tendenz weiter fort – bei Fitzeks Thrillern geht es zunehmend härter zur Sache. Zwar ist daran wohl auch Michael Tsokos nicht ganz unschuldig, was zum Beispiel die sehr detaillierten und blutigen Beschreibungen bei den Leichenöffnungen betrifft, doch manchmal beschlich mich beim Hören ganz dezent der Eindruck, dass Fitzek hin und wieder etwas zu sehr auf die billigen Schockeffekte setzt, statt diese auf leisere Weise z.B. mit einer dramatischen Enthüllung hervorzurufen. Gerade die recht drastisch geschilderten Vergewaltigungsszenen kratzen zuweilen doch recht stark an der Grenze des Erträglichen. Dafür bietet „Abgeschnitten“ aber eine sehr gute und faszinierende Auflösung, auf die ich so niemals gekommen wäre und die das Geschehen rückblickend in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Gut gefallen hat mir auch, dass Fitzek und Tsokos ihre Geschichte vor einem ernsten Hintergrund spielen lassen, nämlich der Frage, wie sexuelle Straftäter gerecht bestraft werden sollten und ob die deutsche Rechtsprechung hier immer mit einer angemessenen Verhältnismäßigkeit urteilt – auch wenn dieser kritsche Unterton gelegentlich etwas populistisch rüberkommt.

Die Sprecher:
„Abgeschnitten“ hat neben dem Autorenduo noch eine weitere Neuerung zu bieten, denn erstmals wurde ein Fitzek-Hörbuch von zwei verschiedenen Sprechern eingelesen – und das auch noch von den beiden besten Sprechern, die der deutsche Sprachraum in meinen Augen zu bieten hat: Simon Jäger und David Nathan. Jäger ist seit Jahren fest mit dem Psychothriller-Genre verbunden und daher auch Stamm-Erzähler der Fitzek-Bücher, doch durch die Hinzunahme von Nathan wird das Hörbuch sprechertechnisch nochmal in eine ganz andere Liga gehoben.

Grandioses Kopfkino von Simon Jäger und „Fehlbesetzung“ David Nathan

So sehr ich mich aber über dieses kongeniale Duo gefreut habe, das seinen Job dann auch wie erwartet grandios macht – richtig logisch erscheint mir die Besetzung von David Nathan nicht. Während Simon Jäger die Paul-Herzfeld-Passagen liest, ist Nathan nämlich für die Kapitel mit der Comiczeichnerin Linda verantwortlich. Wenn man schon zwei verschiedene Sprecher einsetzt, so sollte man dann meiner Meinung nach auch das Geschlecht der Hauptfiguren berücksichtigen und den Linda-Part konsequenterweise von einer Frau lesen lassen – Tanja Geke wäre hier z.B. sicher keine schlechte Wahl gewesen. Das soll aber die Leistung von David Nathan in keinem Fall schmälern, denn was er und Jäger hier wieder einmal hinlegen, gehört zur absoluten Spitzenklasse.

Schlussfazit:
Die Erwartungen an Sebastian Fitzeks neues Werk „Abgeschnitten“ waren wie immer riesig und Deutschlands Thriller-König schafft es im Großen und Ganzen auch, diese zu erfüllen. Die Story ist gewohnt packend, temporeich, hochspannend und abwechslungsreich und lässt dem Hörer keine Zeit zum Durchatmen. Auch Co-Autor Michael Tsokos bringt frischen Wind in die Geschichte, seine Handschrift ist gerade bei den detailliert beschriebenen Obduktionen klar erkennbar.

Wird den hohen Erwartungen gerecht, kommt aber nicht ganz an Fitzeks Frühwerke heran

Was mich wie schon bei „Der Augenjäger“ etwas stört, ist die Tatsache, dass die Story mir an einigen Stellen einfach etwas zu abgedreht ist und die Autoren gelegentlich zu dick auftragen. Auch in Bezug auf die Gewaltdarstellungen bin ich noch unentschlossen, was ich davon halten soll, dass Fitzeks neues Buch deutlich brutaler ist als die Vorgänger. Mir persönlich gefielen seine „bodenständigeren“ Frühwerke noch einen Tick besser, da bei diesen der Thrill mehr über die psychologische Ebene kam und nicht auf dieser zuweilen recht reißerischen Schiene. So bleibt mein Lieblings-Fitzek „Der Seelenbrecher“ immer noch unerreicht, doch auch „Abgeschnitten“ ist für Freunde spannender Thriller-Action natürlich wieder eine Empfehlung wert und wird erneut für Nägelkauen und schlaflose Nächte sorgen. Während sein US-Kollege John Katzenbach nämlich seit einigen Jahren nur noch durchschnittliche Romane abliefert und sich scheinbar auf seinem (noch) guten Ruf ein wenig ausruht, steht der Name Sebastian Fitzek trotz der ein oder anderen Story-Schwachpunkte immer noch für hohe Qualität und dürfte den hohen Erwartungen wieder einmal gerecht werden.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
Das Hörbuch „Abgeschnitten“ von Sebastian Fitzek und Michael Tsokos hat eine Länge von 9 Stunden und 47 Minuten und ist ungekürzt für 20,95 € bei audible.de erhältlich. Eine auf knapp 7 Stunden gekürzte Version gibt es schon für 12,95 €. Flexi-Abonnenten zahlen wie gewohnt nur 9,95 €. Weitere Informationen gibt es auf der Detail-Seite bei audible.de.

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2 Antworten zu diesem Beitrag

  • Hab ich eigentlich schon gesagt, dass ich deiner Rezi nur ganz und gar zustimmen kann?
    Was die grenzwertige Brutalität angeht ebenso wie den überraschenden, guten Schluss und die rasante Spannungskurve des Hörbuchs. Und auch, was die ‚Fehlbesetzung‘ David Nathans in der Frauenperspektive angeht. Er macht das super, aber eine weibliche Sprecherin wäre einfach viel logischer gewesen.

    • Hat man natürlich auch eher selten, dass ein Hörbuch von zwei Sprechern vorgetragen wird. Wenn man das schon so macht, sollte man sich eigentlich auch nach den Charakteren richten.

      Somit hat die Besetzung Nathans eigentlich überhaupt keinen Sinn, denn dann hätte man die weiblichen Passagen auch gleich von Simon Jäger sprechen lassen können – wenngleich David Nathan natürlich immer ein absolutes Highlight ist 😉