Autor: Marc Raabe
Sprecher: Sascha Rotermund
Länge: 14 Std. 17 Min. (ungekürzt)

Inhaltsbeschreibung von audible.de:
Ein kleiner Junge beobachtet einen grausamen Mord. Und er vergisst. Dreißig Jahre lang. Bis seine Freundin in die Hände eines gefährlichen Psychopathen gerät. Nur wenn er sich erinnert, kann er sie retten. Doch das bringt ihn in tödliche Gefahr.

Meine Hörbuchbesprechung:
13. Oktober 1979: Der 11-jährige Gabriel Naumann wird mitten in der Nacht wach, weil er in der Küche einen Streit hört. Besorgt steht der Junge auf und schließt als erstes seinen kleinen Bruder in dessen Zimmer ein, um diesen vor dem Lärm und einer möglichen Gefahr zu schützen. Vorsichtig schleicht Gabriel durch das Haus, bis er schließlich am Keller ankommt, wo ihm auffällt, dass das bisher immer verschlossene Labor seines Vaters plötzlich offen steht. Eigentlich ist das Betreten des Arbeitszimmers für die Kinder streng verboten, doch aus Neugier und Angst schleicht er sich letztlich doch in den dunklen Kellerraum. Im Labor findet Gabriel zwei Monitore, die seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen – und was er darauf mitansehen muss, wird sein Leben für immer verändern…

Eine Jahrzehnte zurückliegende Tragödie als Schlüsselelement einer Entführung

29 Jahre später arbeitet Gabriel Naumann für ein Sicherheitsunternehmen, das von dem etwas zwielichtigen Yuri geleitet wird, der nach dem Tod von Gabriels Eltern für den Jungen eine Art Ziehvater war. Nach einigen Eskapaden steht der 40-Jährige mittlerweile gefestigt im Leben und erwartet zusammen mit seiner Freundin Liz das erste gemeinsame Kind. Als eines Nachts bei der Security-Firma ein Alarm aus einer Villa gemeldet wird, macht sich Gabriel entgegen der Anweisung seines Chefs auf, um in dem Haus nach dem Rechten zu sehen. Als er dort ankommt, findet er jedoch ein verlassenes und offenbar schon Jahre leerstehendes Anwesen vor. Bevor er sich darüber aber nähere Gedanken machen kann, erhält er einen verzweifelten Anruf seiner Freundin, die in einem Park überfallen wurde. Gabriel verständigt sofort die Polizei, doch als er am Tatort ankommt, ist Liz verschwunden. Stattdessen stößt er auf die übel zugerichtete Leiche eines Mannes. Von seiner Freundin aber fehlt jede Spur – und die wenig später eintreffende Polizei hält ihn für den Mörder des Toten…

Ein Romandebüt mit viel Schwung und hohem Erzähltempo

„Schnitt“ ist das Romandebüt des deutschen Autors Marc Raabe und beginnt gleich mit einem dramatischen Prolog, der den Hörer direkt an die Geschichte fesselt und einen Haufen von Fragen aufwirft. Raabe verrät nämlich fast nichts über die Geschehnisse in der verhängnisvollen Oktobernacht, sondern macht kurz bevor es ans Eingemachte geht einen Zeitsprung von 29 Jahren. Anschließend lässt er lediglich durchsickern, dass in jener Nacht Gabriels Eltern ums Leben gekommen sind und das Haus der Familie Naumann abgebrannt ist. Überraschenderweise ist der Hörer damit aber auf dem gleichen Wissenstand wie die Hauptfigur, da dieser die traumatischen Erlebnisse komplett verdrängt hat und sich an nichts mehr erinnern kann. Der einzige, der in dieser Nacht ebenfalls anwesend war, ist Gabriels Bruder David – der aber wie erwähnt in seinem Zimmer eingeschlossen war. Zudem haben die Geschwister seit Jahren keinen Kontakt mehr, was vor allem auf Gabriels kriminelle und von Drogen beeinflusste Vergangenheit zurückzuführen ist.

Kindheitstrauma, Mord, Entführung – Raabe bietet das volle Programm

Allerdings hat man als Hörer aber auch kaum Zeit, sich über diese Fragen Gedanken zu machen, denn gleich zu Beginn der eigentlichen Handlung geht es Schlag auf Schlag: Der Alarm aus dem verlassenen Anwesen, der Hilferuf von Liz, ihr anschließendes Verschwinden und das Auftauchen der Leiche mit der daraus resultierenden Verhaftung von Gabriel Naumann, den die Polizei direkt neben dem Toten und bedeckt mit dem Blut des Opfers gefunden hat – für den Hörer bleibt kaum Zeit zum Verschnaufen. Der werdende Vater steckt schnell in der Klemme: Er macht sich große Sorgen um Liz und würde nichts lieber tun als mit der Suche nach seiner Freundin zu beginnen – doch in Untersuchungshaft gestaltet sich das äußerst schwierig. So kommt schließlich der verlorene Bruder ins Spiel, denn da Gabriel keine echten Freunde hat, ist David die einzige Person, die ihm helfen könnte.

Langeweile kommt also definitiv keine auf, denn der Autor schickt den Hörer von einer haarigen Situation in die nächste. Schnell wird klar, dass die jüngsten Ereignisse auf die ominöse Nacht im Jahr 1979 zurückzuführen sind und die einzige Möglichkeit, wie Gabriel seine Freundin wiederfinden kann, ist, sich an die Geschehnisse zu erinnern. Eine spannende Ausgangssituation, die besonders dadurch reizvoll wird, dass Protagonist und Hörer sich auf dem gleichen Wissensstand befinden, wodurch man sich recht gut mit Gabriel identifizieren und dessen Gefühle nachempfinden kann.

Turbulente Story, aber etwas farblose Hauptfiguren

Storymäßig ist das, was Marc Raabe in seinem Debüt auffährt, schon ziemlich spektakulär, denn es fehlt praktisch an nichts: eine geheimnisvolle Familientragödie, eine Entführung, ein Mord, rasante Actionszenen – für einen Erstling hat sich der Autor schon einiges vorgenommen. Und man muss zugeben, dass Raabe bei der Entfaltung seiner Geschichte schon ein glückliches Händchen beweist. Hochspannend, abwechslungsreich und mit einer Reihe von überraschenden Wendungen – zwischendurch ist man geneigt sich zu vergewissern, ob nicht doch der Name „Sebastian Fitzek“ auf dem Hörbuchcover prangt. Okay, manche Szenen sind vielleicht etwas übertrieben, die Story erscheint im Finale möglicherweise schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen und die Charaktere hätten vielleicht auch etwas besser ausgearbeitet werden können – bis auf eine interessante Persönlichkeitsstörung bei Gabriel bleiben die beiden Naumanns nämlich etwas blass –, doch das rasante Erzähltempo macht diese Schwächen mehr als wett.

Der Sprecher:
Bei der Besetzung des Sprechers gab es für mich eine kleine Überraschung – denn die Stimme von Sascha Rotermund verbinde ich eher nicht mit dem Psychothriller-Genre, sondern vielmehr mit Hörbuchumsetzungen von Andreas Eschbach-Romanen oder seinen Synchronrollen in den US-Serien „Dr. House“ (Jesse Spencer/Dr. Robert Chase), „Pushing Daisies“ (Lee Pace/Ned) oder „NCIS: LA“ (LL Cool J/Agent Sam Hanna).

Überraschend gute Sprecherleistung auf ungewohntem Terrain

Doch wie das Buch selbst kann Rotermund absolut überzeugen. Er beherrscht die ruhigen und einfühlsamen Szenen ebenso wie Momente voller Angst oder Wut und erweist sich somit als unerwartet vielseitig. Gerade die inneren Dialoge zwischen Gabriel Hauptfigur und seiner gespaltenen Persönlichkeit „Luke“ sind ein echtes Highlight. Insgesamt eine richtig gute Vorstellung, die deutlich besser ist als z.B. seine Lesung von Eschbachs „Solarstation“ und die Lust macht auf weitere Thriller-Umsetzungen mit Sascha Rotermund.

Schlussfazit:
„Schnitt“ von Marc Raabe ist ein richtig guter Psychothriller geworden, mit dem man als Fan des Genres eigentlich nichts falsch machen kann. Psychologisch ist das zwar nicht so ausgefeilt wie bei einem John Katzenbach, aber in Sachen Spannung und Dramatik kann sich der Autor mit Größen wie Sebastian Fitzek, Wulf Dorn oder Arno Strobel absolut messen. Allerdings ist „Schnitt“ nichts für zartbesaitete Gemüter, denn die Schilderungen von Gewalt und Brutalität kommen zwar nicht übermäßig vor, sind aber dafür umso intensiver – das Buch trägt seinen Titel jedenfalls definitiv nicht ohne Grund.

Für hartgesottene Thriller-Fans mit guten Nerven

Die Story ist sehr temporeich und überzeugt durch überraschende Wendungen, wirkt an manchen Stellen aber ein wenig „over the top“ – gerade die Auflösung ist zwar nicht unlogisch, aber zumindest mal gewagt. Auch die beiden Hauptcharaktere Gabriel und David sind trotz der bewegten Vergangenheit und Gabrieles Psycho-Tick etwas zu farblos, hier ist sicherlich bei Raabes nächsten Werken noch Luft nach oben. Wer aber auf spannende und mitreißende Unterhaltung aus ist kommt mit „Schnitt“ sicherlich auf seine Kosten und kann blind zugreifen.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
Das Hörbuch „Schnitt“ hat eine Länge von 14 Stunden und 17 Minuten und ist ungekürzt für 24,95 € bei audible.de erhältlich. Eine auf knapp acht Stunden gekürzte Fassung gibt es für 13,95 €. Flexi-Abonnenten zahlen wie gewohnt nur 9,95 €. Weitere Informationen gibt es auf der Detail-Seite bei audible.de.


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