Buchcover zu
Autor: Colin Cotterill
Umfang: 336 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
Erscheinungsdatum: 7. Dezember 2009

Klappentext:
Eigentlich hatte es Dr. Siri bisher nur mit lebenden Patienten zu tun. Doch nun wird er mit seinen 72 Jahren zum einzigen Leichenbeschauer von ganz Laos ernannt. Schon bald hat er es mit zwei mysteriösen Fällen zu tun: Die Frau eines Parteibonzen stirbt bei einem Festessen, und drei tote Männer werden in einem See gefunden. Mit veralteten Lehrbüchern, mangelhafter Ausrüstung, aber viel Witz und Intuition macht sich Dr. Siri daran, die Morde aufzuklären.

Zum Roman:
Der kleine südostasiatische Staat Laos steht nach der Revolution im Jahr 1975 vor einem Problem: Im gesamten Land gibt es keinen einzigen geschulten Pathologen. So wird der 72-jährige Dr. Siri Paiboun von der kommunistischen Regierung genötigt, sich auf seine alten Tage noch einmal einen neuen Beruf anzulernen. Zwar verfügt Siri als Arzt über gewisse medizinische Kenntnisse, doch von der Untersuchung einer Leiche hatte er bis vor kurzem noch überhaupt keinen Schimmer. 10 Monate später ist der alte Mann der einzige Leichenbeschauer des Landes und hat sich mithilfe von alten französischen Lehrbüchern und zwei Mitarbeitern in der laotischen Hauptstadt Vientiane seine eigene kleine Pathologie aufgebaut.

Nun landet unverhofft der erste knifflige Fall auf seinem Untersuchungstisch: Frau Nitnoy, die emanzipierte Frau des Genossen Kham, ist bei einem Parteiessen der Frauenunion plötzlich tot vom Stuhl gefallen. Dr. Siri kann mit seinen bescheidenen Mitteln zunächst keine Ursache für den rätselhaften Tod feststellen, doch sein am Down-Syndrom erkrankter Gehilfe Herr Geung bemerkt an der Leiche einen Geruch nach Mandeln. Der Pathologe vermutet daher eine Zyanidvergiftung, doch bevor er weitere Untersuchungen durchführen kann, lässt der erstaunlich fröhliche Witwer den toten Körper seiner Frau aus der Pathologie abführen. Siri lässt jedoch nicht locker und stellt weitere Ermittlungen an, um den Fall aufzuklären. Als wäre ein ungelöster Todesfall aber noch nicht genug, werden kurz darauf noch drei weitere Leichen aus einem Stausee gefischt…

Das erste, was einem bei Colin Cotterils Auftakt der Romanreihe um den rüstigen Pathologen Dr. Siri auffällt, ist natürlich das exotische Setting. Schauplatz der Handlung ist nämlich wie oben erwähnt die Demokratische Volksrepublik Laos im Jahr 1976. Das Land befindet sich nach der Revolution des Vorjahres noch im Umbruch und der Lebensstandard der Einwohner sowie die Infrastruktur des Landes sind gelinde gesagt recht dürftig. Das bekommt auch die Hauptfigur der Geschichte, der Arzt Dr. Siri Paiboun zu spüren, der gegen seinen Willen zum ersten und einzigen Leichenbeschauer des Landes ernannt wurde. Eine vernünftige und qualifizierte Ausbildung zum Pathologen ist nicht möglich, sodass sich der in die Jahre gekommene kleine Mann die nötigen Kenntnisse in Eigenregie aneignen muss. Geschultes Fachpersonal ist ebenfalls nicht verfügbar, weshalb Siri nur auf besagten Herrn Geung sowie seine Assistentin Dtui zurückgreifen kann. Trotz Down-Syndrom des erstgenannten sowie mangelnder Kenntnisse Dtuis haben sich die drei jedoch zu einem eingespielten Team entwickelt, welches es aber nur selten mit schwierigen Fällen zu tun bekommt. Stattdessen ärgert sich Siri überwiegend mit einem völlig inkompetenten Richter herum, dem er regelmäßig Bericht über seine Arbeit erstatten muss. Der Richter würde jedoch am liebsten immer Herzversagen als offizielle Todesursache vorgelegt bekommen, selbst wenn einem Toten bei einem Bootsunfall zwei Beine abgetrennt wurden und das Opfer offensichtlich am enormen Blutverlust starb.

Dr. Siri ist aber nicht auf den Mund gefallen und kann sich durchaus zur Wehr setzen. Ansonsten weiß er einen ruhigen Alltag sehr zu schätzen und sieht es daher nicht so gerne, als er plötzlich und unverhofft doch mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert wird. Trotzdem geht er der Ursache des Ablebens ernsthaft nach und als sich dann auch noch ranghohe Parteimitglieder in „seinen“ Fall einmischen, kommt Siris rebellische Ader erst so richtig zur Geltung. Gegen den Willen seines Vorgesetzten ermittelt er weiter und dringt so in eine verstrickte politische Affäre vor, die ihn selbst in große Gefahr bringt. Der Autor belässt es jedoch nicht nur bei einem Kriminalfall, sondern lässt seinen Protagonisten gleich an zwei verschiedenen Fronten ran. Dabei ist der zweite Fall sogar noch ein wenig komplexer und könnte für Laos weitreichende Folgen haben. Colin Cotteril wechselt gekonnt zwischen den beiden Handlungssträngen und lässt durch seinen locker-leichten Schreibstil keine Langeweile aufkommen. Trotz teilweise etwas komplizierter politischer Verstrickungen behält man als Leser stets die Übersicht und kann dem Geschehen gut folgen. Zudem erfährt man einiges über die Volksrepublik Laos selbst, im speziellen über die Geschichte des Landes sowie die politische und ethnische Vergangenheit und Gegenwart des kleinen asiatischen Staates. Allerdings hätte ich mir zu Beginn eine etwas ausführlichere Schilderung der Situation des Landes gewünscht. So erfährt man erst nach und nach von Parteien, Einflüssen und Volksgruppen – hier hätte ich einen kleinen Crashkurs wie Laos-Unkundige wie mich doch sehr begrüßt.

Wodurch Cotterils Roman aber besonders hervorsticht ist der sehr unterhaltsame und angenehme Humor. Trotz eher ärmlichen Lebensbedingungen und politischer Unsicherheit am Schauplatz der Handlung sprüht das Buch nur so vor skurrilen Einfällen und Personen. Der unangefochtene Star der Story ist eindeutig der Pathologe selbst. Dr. Siri ist zwar ein alter aber ungemein charmanter und intelligenter Mann, der mit einem wunderbar trockenem Sarkasmus gesegnet ist. So ist die Geschichte reich an bissigen Dialogen mit einer guten Portion Zynismus, welche die knapp 300 Seiten wie im Fluge vergehen lassen. Und als wäre Dr. Siri so schon nicht originell genug, verfügt er auch noch über eine ungewöhnliche Gabe: Er wird nämlich nachts in seinen Träumen von seinen toten „Patienten“ besucht, welche ihm nicht selten einen entscheidenden Hinweis geben. Doch keine Sorge: Dr. Siri wird nicht zum sentimentalen „Ghost Whisperer“, diese kleinen Passagen dienen lediglich dazu, dem Verstand des Arztes auf die Sprünge zu helfen und ihn auf bestimmte Details aufmerksam zu machen, die er zuvor übersehen hat. Lediglich im fortgeschrittenen Verlauf kommt es zu einer etwas befremdlichen und mystischen Episode, die den Handlungsfluss ein wenig stört und nicht so richtig in die ansonsten stimmige Geschichte passen will.

Mein Fazit:
Ein 72-jähriger Leichenbeschauer im kommunistischen Kleinstaat Laos – alleine schon diese Grundidee ist wunderbar originell und bietet eine willkommene Abwechslung zur sonstigen Krimilandschaft mit ihren Hightech-Methoden im Stile von CSI und Co. Wie der pfiffige Arzt mit einfachsten Methoden die durchaus komplexen und sorgsam konstruierten Kriminalfälle löst ist wirklich beeindruckend und sehr faszinierend. Zudem bietet das Buch eine Reihe weiterer skurriler Charaktere und einen herrlich makabren Humor. Zwar führen die ironischen Dialoge nicht zu prustenden Lachanfällen, doch der feinsinnige und intelligente Witz des Romans sorgt für ein fast durchgehendes Schmunzeln. Dazu kommt noch das tolle exotische Setting, welches dank Colin Cotterils Reisen durch asiatische Länder und der dadurch gewonnenen Erfahrungen jederzeit authentisch wirkt. Wer also mal einen etwas anderen und zugleich sehr amüsanten Krimi lesen möchte, dem sei „Dr. Siri und seine Toten“ wärmstens ans Herz gelegt.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
„Dr. Siri und seine Toten“ von Colin Cotteril ist im Goldmann Verlag erschienen und hat einen Umfang von 336 Seiten. Das Buch ist für 8,95 € als Taschenbuch erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage.

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