Autor: Yrsa Sigurdardottir
Umfang: 356 Seiten
Verlag: Fischer
Erscheinungsdatum: 29. September 2011

Klappentext:
„Hallo?“ Freyr beugt sich über den Schreibtisch und schaute durch den Türspalt. Im Flur blinkte nur die defekte Deckenlampe. „Hallo?“ Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als eine vertraute Stimme eine Antwort flüsterte. Eine Stimme, die stets Lebendigkeit, Sanftheit und Fröhlichkeit ausgestrahlt hatte, aber jetzt kalt und tot klang. Eine Stimme, die so nah wirkt und gleichzeitig so unendlich weit entfernt: „Papa.“

Ein menschenleeres Dorf im Nordwesten von Island: Drei junge Leute werden in einem maroden Sommerhaus von seltsamen Geräuschen und Erscheinungen in Angst und Schrecken versetzt. Und viele Kilometer entfernt, in Ísafjördur, gibt der Selbstmord einer alten Frau den Behörden Rätsel auf. Was haben die unerklärlichen Phänomene miteinander zu tun – und wie gefährlich ist es, ihnen auf den Grund zu gehen?

Zum Roman:
Bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war ja bekanntlich Island der Ehrengast und präsentierte sich dort unter dem Motto „Sagenhaftes Island“. Dementsprechend standen natürlich besonders die Werke isländischer Autoren im Fokus der Berichterstattung, so zum Beispiel auch das Buch „Frauen“ von Steinar Bragi, welches ich für „Bloggdeinbuch.de“ bereits rezensieren durfte. Nachdem mir dieser Titel aber überhaupt nicht zugesagt hatte, gab ich dem kleinen Land im Norden Europas eine weitere Chance und kaufte mir den Thriller „Geisterfjord“ von Yrsa Sigurdardottir. Diese ist vor allem für ihre Dóra-Guðmundsdóttir-Reihe bekannt, in deren Mittelpunkt eine isländische Rechtsanwältin steht. Ihr neuestes Buch bietet jedoch eine eigenständige Geschichte, die überdies zum Teil auf Tatsachen beruhen soll. Auf der Rückseite wird der Titel zudem als „Islands Antwort auf Stieg Larsson“ beworben. Warum dies nicht wirklich zutrifft, „Geisterfjord“ aber dennoch ein fantastisches Buch ist, werde ich im folgenden näher ausführen.

Die Story besteht aus zwei voneinander unabhängigen Handlungssträngen, die in Hesteyri und Isafjördur im Nordwesten Islands spielen. In Hesteyri, einem abgelegenen Dorf an einem Fjord, dreht sich die Handlung um das Ehepaar Katrín und Garðar sowie ihre Freundin Líf. Deren Mann Einar ist kürzlich überraschend verstorben, hatte aber zuvor mit Garðar noch ein altes Haus am Fjord erworben, welches die beiden als Gästehaus für den Sommer herrichten wollten. Doch nun ist Einar tot und die von der Wirtschaftskrise gebeutelten Katrin und Garðar sehen im Tourismus-Geschäft ihre letzte Chance. Líf begleitet die beiden, damit sie nach dem schweren Schicksalsschlag mal wieder auf andere Gedanken kommen kann.

So lassen sich die drei von einem Kapitän mitten im Winter in dem menschenleeren Dorf absetzen, um dort in den Ferien mit der Renovierung des Hauses zu beginnen. Da die letzten Einwohner bereits vor Jahrzehnten die Siedlung verlassen haben, gibt es keinen Strom – die einzige Verbindung zum Festland sind ihre mitgebrachten Mobiltelefone. Schon kurz nach der Ankunft kommt es zu merkwürdigen Vorfällen, welche vor allem die beiden Frauen immer mehr verunsichern. Am Ufer finden sie zwei weiße Kreuze, die offenbar von einem Friedhof entfernt wurden und zu den Gräbern einer Mutter und ihres Sohnes gehören, die in den 1950er-Jahren im Fjord ertrunken sind. Im Garten stoßen Garðar, Katrín und Líf zudem auf Knochen und im Haus selbst hat jemand mit Muscheln eine Botschaft geformt. Katrín hört außerdem nachts immer wieder leise Stimmen und es mehren sich die Anzeichen, dass die drei Isländer nicht alleine in dem verlassenen Dorf sind…

Währenddessen ermittelt die Polizistin Dagný in Isafjördur in einem Einbruchsfall. In der Nacht sind Unbekannte in die örtliche Kindertagesstätte eingedrungen, haben die Räume komplett verwüstet und die Wände mit dem Wort „schmutzig“ beschmiert. Der mit Dagný befreundete Psychiater Freyr wird zu den Ermittlungen hinzugezogen, um die Beweggründe der Täter herauszufinden. Freyr arbeitet zudem als Arzt im Krankenhaus und musste vor drei Jahren das Verschwinden seines sechsjährigen Sohnes Benni verkraften. An der nervenzehrenden Suche nach dem Kind zerbrach auch seine Ehe mit Sara, die seitdem mit esotherischen Methoden nach Benni sucht und damit ihren Ex-Mann in den Wahnsinn treibt.

Die Zerstörung des Kindergartens wird jedoch schnell vom Selbstmord einer alten Frau überschattet, welche sich in der Kirche von Sudavik erhängt hat. Das Motiv für die Tat bleibt unbekannt, das Opfer hinterließ lediglich einen mysteriösen Abschiedsbrief, in dem Freyrs Sohn erwähnt wird. Während der Freitod der Frau für Dagný Priorität hat, erfährt der Arzt zufällig von einem Patienten von der Verwüstung einer Grundschule vor 60 Jahren, die merkwürdigerweise dem aktuellen Einbruch ähnelt. Freyr lassen diese Ähnlichkeiten keine Ruhe und so stellt er eigene Nachforschungen an, die immer beunruhigender Ergebnisse zutage fördern…

Yrsa Sigurdardottir entwickelt ihre Story wirklich überaus geschickt. Bis zum Schluss wechselt sie konsequent nach jedem Kapitel den Schauplatz und pendelt zwischen den beiden Handlungssträngen hin und her. Am Ende jedes Abschnittes stößt der Leser dann in der Regel auf einen fiesen Cliffhanger, der immer wieder zum Weiterlesen auffordert. Diese sind meist so schockierend, dass man immer noch zwei Kapitel mehr liest, da man ja wissen will, wie es nach der neuesten Enthüllung weitergeht. Da dies aber in beiden Storylines der Fall ist, kann man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Ich war beim Lesen so dermaßen von der Geschichte gefesselt, dass ich „Geisterfjord“ innerhalb eines Wochenendes verschlungen habe.

Der ganz große Pluspunkt der Story ist dabei die Atmosphäre, welche besonders in dem menschenleeren Dorf unglaublich gut gelungen ist. Sobald die Protagonisten den ersten Schritt ans Ufer Hesteyris setzen, wird man von der unheimlichen Siedlung gefangengenommen. Verlassene und heruntergekommene Häuser, keine Elektrizität, keine Verbindung zur Außenwelt – diese Situation erzeugt fast zwangsläufig ein Gefühl der Beklemmung. Da die meisten Szenen dann auch in völliger Dunkelheit spielen, kann man sich wirklich wunderbar gruseln. Dieser Grusel wird hier überwiegend sehr subtil erzeugt. Mal stoßen die Hauptfiguren auf alte Friedhofskreuze, dann sind plötzlich die Akkus der zuvor voll aufgeladenen Handys leer, nasse Fußspuren im Haus – oft sind es nur ganz kleine Dinge, die einem das Herz gefrieren lassen und für Gänsehaut sorgen. Die Kälte des isländischen Winters verstärkt die kühle Atmosphäre noch zusätzlich.

Doch auch der andere Handlungsstrang wird mit zunehmender Dauer immer mysteriöser und unheimlicher. Geschickt werden hier die beiden weit auseinander liegenden Einbrüche und das Verschwinden Bennis miteinander verwoben und auch hier häufen sich die unerklärlichen Phänomene. Besonders der Bezug auf Verbrechen der Vergangenheit sorgt immer wieder für wohlige Schauer.

Überzeugend sind auch die Hauptfiguren, deren Gefühle und Handlungen stets nachvollziehbar sind. Sowohl Garðar, Katrín und Líf als auch der Psychiater Freyr und die Polizistin Dagný wissen zu überzeugen. Sehr interessant ist die Entwicklung der Charaktere in dem verlassenen Dorf. Hier treten mit fortschreitender Handlungen immer mehr Spannungen in der Gruppe auf und so manch dunkles Geheimnis wird zutage gefördert. Sympathieträger ist jedoch vor allem Freyr, dessen Familientragödie um das Verschwinden des Sohnes sehr berührend ist und den Vater nach wie vor nicht loslässt.

Mein Fazit:
Schon lange hat es kein Buch mehr geschafft, mich so in seinen Bann zu ziehen, wie es Yrsa Sigurdardottir mit „Geisterfjord“ gelungen ist. Ich kann mich nicht erinnern, mich beim Lesen jemals so gegruselt zu haben. Allerdings sollte man sich von der Werbung auf dem Buch selbst nicht in die Irre führen lassen. So kann man „Geisterfjord“ eigentlich nicht wirklich als Thriller bezeichnen. Auf die erste Hälfte mag das vielleicht noch zutreffen, doch dann häufen sich immer mehr die übernatürlichen Phänomene und der Schwerpunkt geht verstärkt in Richtung Mystery. Am besten nimmt man den Titel des Buches einfach wörtlich, denn „Geisterfjord“ ist eigentlich eine klassische Geistergeschichte. Somit ist natürlich der Vergleich zu Stieg Larsson völlig fehl am Platz. Am ehesten ließe sich diese Aussage vielleicht noch auf den ersten Teil der Millennium-Trilogie, „Verblendung“, beziehen. Denn Mikael Blomkvists Suche nach der spurlos verschwundenen Harriet Vanger erinnert schon ein wenig an Freyrs Suche nach seinem verlorenen Sohn.

Am besten nimmt man sich für ein Wochenende nichts vor, dunkelt das Haus ab und macht es sich mit einer Decke und dem Buch auf der Couch gemütlich. Für mich ist Yrsa Sigurdardottirs „Geisterfjord“ jedenfalls ein Highlight der letzten Jahre und definitiv mein bisheriger Favorit 2011. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite – wer das nicht liest ist selbst schuld.

Meine Wertung: 10/10

Informationen:
„Geisterfjord“ von Yrsa Sigurdardottir ist im Fischer Verlag erschienen und hat einen Umfang von 356 Seiten. Das Buch ist für 8,99 € als Taschenbuch erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage.


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