Autor: John Katzenbach
Sprecher: Simon Jäger
Länge: 16 Std. 26 Min. (ungekürzt)

Zur Handlung (Beschreibung von audible.de):
Der pensionierte Psychologieprofessor Adrian Thomas hat einen schlimmen Verdacht, was seine Gesundheit betrifft. Als er von seinem Arzt die Diagnose erhält, ist er vollkommen niedergeschlagen: Demenz. Vor seinem inneren Auge erscheint die Schreckensvision seines unaufhaltsamen, unheilbaren Abgleitens in die Dunkelheit. Verstört blickt der alte Mann auf die Straße hinaus und sieht in der anbrechenden Dämmerung ein vielleicht sechzehnjähriges Mädchen vorübereilen. Gleichzeitig rollt ein Lieferwagen heran, bremst ab und beschleunigt wieder: Das Mädchen ist verschwunden. Der alte Professor ist verwirrt. Hat er gerade eine Entführung beobachtet? Wenn es tatsächlich ein Verbrechen war, muss er handeln. Die Frage ist nur, wie. Kann er noch klar genug denken, um das Mädchen zu finden?

Zum Hörbuch:
Die Story beginnt direkt mit einem Paukenschlag. Adrian Thomas, Psychologieprofessor im Ruhestand, bekommt mitgeteilt, dass er an Demenz leidet. Auf dem Weg zurück vom Arzt nach Hause beobachtet er vermeintlich die Entführung eines jungen Mädchens. Doch kann er sich wirklich sicher sein, dass dies keine bloße Fantasie aufgrund seiner Erkrankung war? Schließlich sieht er seit geraumer Zeit auch seinen Bruder und seine Frau um sich herum, beide sind jedoch seit Längerem nicht mehr am Leben. Als der Professor schon kurz davor steht, sich das Leben zu nehmen, um dem zukünftigen Dahinsiechen zuvorzukommen, beschließt er letztlich doch, Nachforschungen bezüglich der Mädchens zu unternehmen und wendet sich schließlich an die Polizei.

Dort trifft er auf Detective Terri Collins, die ihm jedoch zunächst nicht wirklich glauben möchte. Das vermeintliche Opfer, die 16-Jährige Jennifer, ist nämlich als Ausreißerin bekannt und ist zuvor schon mehrmals an die Polizistin geraten. Daher glaubt Collins zunächst an eine weitere Flucht des Teenagers aus ihrem Elternhaus. Professor Thomas gibt jedoch keine Ruhe und stellt – unterstützt von seiner Frau, seines Bruders und seines Sohnes (allesamt bereits verstorben) eigene Nachforschungen an.

Parallel dazu macht der Hörer Bekanntschaft mit dem Psychopathen-Pärchen Michael und Linda. Diese verdienen ihr Geld mit einer Sex-Website im Internet. Dort stellen sie entführte junge Frauen zur Schau, welche von ihnen dann gefoltert und missbraucht werden. Über einen 24-Stunden-Livestream können Benutzer in aller Welt gegen entsprechende Gebühren an den Leiden der Opfer teilhaben. Eine Art Big Brother für Psychopathen und Triebtäter.

Das neueste Opfer ist nun also die Ausreißerin Jennifer. Dem Hörer wird somit sehr schnell vorgesetzt, dass der Professor sich die Entführung nicht eingebildet hat und das Mädchen tatsächlich auf offener Straße gekidnappt wurde. Als „Nummer 4“ wird sie nun der begierigen Internet-Fangemeinde von Michael und Linda präsentiert, welche sich immer neue Grausamkeiten einfallen lassen, um ihre Kunden bei Laune zu halten.

Keine leichte Kost also, die Thriller-Autor John Katzenbach dem Leser in seinem neuen Roman vorsetzt. Perfekt passend in das heutige Internet-Zeitalter, in welchem nichts unmöglich ist. Man kann schon fast davon ausgehen, dass derartige perverse Folter-Seiten tatsächlich Realität sind, was das Geschehen noch erschreckender macht.

Interessant ist hier vor allem der ständige Perspektivwechsel. So sieht man die Handlung aus der Sicht von vier Personen. Zum einen folgt man den Nachforschungen des Professors, welcher zunächst nur sehr schleppend vorankommt. Zudem hat er bereits mit den Anzeichen von Demenz zu kämpfen und kann sich selbst nicht mehr wirklich trauen. So führt er wie selbstverständlich Gespräche mit seinen verstorbenen Angehörigen, die auch munter antworten und ihn bei seinen Ermittlungen antreiben. Das war anfangs noch recht unterhaltsam, ging mir mit zunehmender Spieldauer aber ganz schön auf die Nerven. Vor allem die „Enthüllungen“ der Toten sind doch etwas hanebüchen. So beichtet zum Beispiel seine tote Frau, dass der Verkehrsunfall, bei welchem sie ums Leben gekommen ist, kein Zufall war, sondern dass sie den Wagen bewusst von der Straße gelenkt hat, weil sie die Trauer um ihren im Krieg gefallenen Sohn nicht mehr ertragen konnte… Das erscheint mir doch etwas albern. Wenn ich Geistergeschichten hören will, gucke ich „Ghost Whisperer“ oder „Medium“ – bei einem Katzenbach-Thriller erwarte ich einfach ein bisschen mehr Seriosität…

Perspektive Nr. 2 ist dann die von Detective Terri Collins. Diese bleibt aber leider über fast die gesamte Handlung ziemlich blass und kann kaum für positive Impulse sorgen. Insgesamt ist ihr Handeln sehr zögerlich. Dem Professor schenkt sie nicht so richtig Glauben, was aufgrund seines Geisteszustandes auch noch nachvollziehbar ist. Dem Verschwinden des Mädchens geht sie aber auch nicht richtig entschlossen nach, als sich die Anzeichen für eine Entführung immer mehr verdichten. Erst gegen Ende hat sie dann ihren großen Auftritt, hier möchte ich aber nicht zu viel verraten…

Dann gibt es da noch die Sicht des Opfers, der 16-jährigen Jennifer. Diese Perspektive ist wohl am eindringlichsten, da man die Qualen des Mädchens fast hautnah miterleben muss. Die sadistischen Spiele der Täter sind nur schwer erträglich und gehen schon an die Nieren. Eingesperrt in der Dunkelheit ist ihr Teddybär die einzige Zuflucht, und die Hoffnung auf Rettung schwindet immer mehr.

Und zu guter Letzt bleibt noch das Psycho-Pärchen Michael und Linda. Diese suchen nach immer grausameren Foltermethoden und lassen ihre Kunden darüber abstimmen, wie mit dem Mädchen umgegangen werden soll. So gibt es zum Beispiel einen Jungfräulichkeits-Countdown, bei dem die User darauf wetten dürfen, wann es zu einer Vergewaltigung von „Nummer 4“ kommen soll, bei welcher sie dann ihre Unschuld verliert. Harter Tobak…

Damit sind eigentlich alle Voraussetzungen für einen guten Psychothriller vorhanden, trotzdem kommt die Geschichte irgendwie nur schleppend in die Gänge. In der ersten Hälfte fehlt es den Protagonisten eindeutig an Profil, vor allem der Professor und die Polizisten bleiben weitestgehend blass. Gerade Adrian Thomas hat mehr mit sich selbst zu kämpfen als mit dem Fall. Spannung kommt dann eigentlich nur auf, wenn die Perspektive des Opfers an der Reihe ist. Erst nach ca. 10 Stunden kommt das Hörbuch richtig in Fahrt und steuert auf ein dann auch recht ordentliches Ende zu. Vor allem der nachfolgende Epilog ist meiner Meinung nach wirklich sehr gut gelungen und sorgt für einen versöhnlichen Abschluss.

Zum Sprecher:
Gelesen wird das Hörbuch – wie könnte es bei einem John-Katzenbach-Roman anders sein – von Simon Jäger, der Synchronstimme von Matt Damon, Josh Hartnett oder Heath Ledger. Dieser leistet gewohnt gute Arbeit und liest souverän und routiniert. Bei Psychothrillern ist seine Stimme eigentlich kaum noch wegzudenken.

Mein Fazit:
„Der Professor“ ist ein ordentlicher Psychothriller, welcher aber gerade in der ersten Hälfte doch so einige Längen hat. Zudem bleiben die Hauptfiguren lange Zeit blass und es fehlt an Identifikationsfiguren (abgesehen vom unschuldigen Entführungsopfer). Erst im letzten Drittel ist die Story so fesselnd und spannend, wie man es von einem Katzenbach-Thriller erwarten darf. Trotzdem fehlt irgendwie der richtige „Thrill“. Die Täter sind von Anfang an enthüllt und der Handlung fehlt es an überraschenden Wendungen. Es wird mal wieder Zeit für einen richtig guten Katzenbach. Sein „Der Patient“ bleibt meiner Meinung nach immer noch unerreicht. Mittlerweile gefällt mir die deutsche Konkurrenz von Sebastian Fitzek sogar deutlich besser.

Meine Wertung: 6/10

Informationen:
Das Hörbuch hat eine Länge von 16 Std. und 26 Min. und ist ungekürzt für 29,95 Euro (9,95 Euro im Flexi-Abo) bei audible.de erhältlich. Eine gekürzte Fassung (7 Std. und 8 Min.) gibt es bereits für 11,95 Euro. Weitere Infos auf der Detail-Seite bei audible.de. Der Trailer zum Hörbuch ist unten eingebettet.


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