Für die meisten gilt wohl der Dodo als das Symbol einer ausgestorbenen Tierart, doch mit diesem traurigen Schicksal ist das im 17. Jahrhundert zuletzt gesichtete Lebewesen bei weitem nicht alleine. Auch ein weiterer flugunfähiger Vogel hat die Ausbreitung des Menschen und seinen Eingriff in die Natur nicht überlebt: der Riesenalk. Mit bis zu 85 cm Körpergröße und einem Gewicht von knapp fünf Kilogramm war dieser der größte Vertreter aus der Familie der Alkenvögel, zu der zum Beispiel auch der populäre Papageitaucher gehört. Optisch erinnerte der Riesenalk an einen Pinguin, ist mit diesem jedoch trotz seines Gattungsnamens (Pinguinus) nicht verwandt und war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Inseln des Nordatlantiks zuhause – bis er eben vom Menschen ausgerottet wurde.

Das traurige Schicksal einer ausgestorbenen Vogelart

Dieses tragische und vermeidbare Ende einer Art greift Sibylle Grimbert in ihrem Roman “Der Letzte seiner Art” auf, dessen Hauptrollen ein Zoologe und eben ein Riesenalk einnehmen. Ersterer hört auf den Namen Gus, ist Franzose und steht in Diensten des Naturhistorischen Museums von Lille. Im Rahmen seiner Forschungsarbeiten in der Nordatlantik-Region wird Gus Zeuge, wie eine Kolonie von Riesenalken auf einer Insel brutal abgeschlachtet und fast bis aufs letzte Exemplar ausgelöscht wird – doch eben jenes kann der junge Mann rettend aus dem Wasser fischen und nimmt den großen Vogel anschließend in seine Obhut. Dahinter steckt anfangs weniger ein Gefühl der Empathie denn die Aussicht auf die Chance, mit dem Erforschen der noch weitestgehend unbeschriebenen Tierart zu naturwissenschaftlichem Ruhm zu gelangen. Doch für dieses Unterfangen ist Diskretion gefragt, damit Gus’ neues Forschungsobjekt und Haustier nicht das Interesse von gierigen Seeleuten und Sammlern wird.

Ein Mann und sein Riesenalk – und sonst nichts

Über eine Spanne von mehreren Jahren hinweg erzählt Grimbert nun von der Beziehung dieser ungleichen Wohngemeinschaft und damit wird auch gleich ein Problem dieses Romans offenbart, denn abgesehen von der Entwicklung dieses Zusammenlebens passiert ausgesprochen wenig. Das macht die Geschichte sehr eindimensional, zumal einer der beiden Protagonisten sich hier auch nicht selbst äußern kann und man die Geschehnisse ausschließlich über die Wahrnehmung von Gus erlebt. Zwar wird auch der Riesenalk, der vom Forscher schließlich “Prosp” getauft wird, als durchaus sensibler und intelligenter Charakter dargestellt, eine wirkliche Kommunikation zwischen beiden kommt aber kaum zustande. Alles andere, etwa die Gründung einer Familie und die Verlegung des Lebensmittelpunkts von einem Land ins andere, wird geradezu beiläufig in wenigen Nebensätzen abgehandelt.

Die Tragik der Geschichte wird zu spät fühlbar

Erst im letzten Viertel des Romans gelingt es der Autorin, die gewaltige Tragweite und Tragik der Ereignisse greifbar zu machen und damit auch ernsthafte Emotionen bei den Leser:innen zu wecken. Denn auch wenn bereits der Titel des Buches verrät, worauf die Geschichte um den Forscher und seinen Riesenalk zwar langsam, aber letztlich unaufhaltsam hinausläuft, wird die tatsächliche Dramatik des Aussterbens dieser Art erst gewahr, wenn es bereits viel zu spät ist – und das im bittersten Sinne. Besonders eindringlich ist der Roman nämlich dann, wenn auch Gus realisieren muss, dass vielleicht ausgerechnet sein Eingreifen als vermeintlicher Retter womöglich das traurige Schicksal seines tierischen Freundes und dessen Artgenossen besiegelt hat.

Melancholischer Naturroman, der leider zu selten mitreißt

Solche Momente gibt es aber leider zu selten und dadurch fehlt es dem Werk insgesamt an einem Spannungsbogen, der über längere Strecken an die Geschichte fesselt – die Aussicht auf das allgegenwärtig drohende Ende reicht hier nämlich nicht aus. Das nimmt der gut gemeinten und mahnenden Botschaft dieser Geschichte ein wenig die beabsichtigte Wucht und so ist “Der Letzte ihrer Art” letztlich nur eine “nette” Erzählung, die zwar mitunter nachdenklich macht, aber kaum nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Wer sich von der Thematik dieses Buches angezogen fühlt und sich detaillierte und vor allem bleibende Einblicke zum Thema Artensterben wünscht, dem sei hingegen eher das nahezu identisch heißende Buch “Die Letzten ihrer Art” von Douglas Adams (ja, dem Anhalter-Autoren) und dem Zoologen Mark Carwardine empfohlen – das vielleicht mitreißendste (und nebenbei höchst unterhaltsame) Werk über Aussterben seltener Tierarten, das auch ohne den hier überstrapazierten Schwermut aufzurütteln weiß.

Der Letzte seiner Art – Sibylle Grimbert
  • Autor:
  • Original Titel: Le Dernier des Siens
  • Umfang: 181 Seiten
  • Verlag: Eisele
  • Erscheinungsdatum: 27. Juli 2023
  • Preis Geb. Ausgabe 23,00 €/eBook 18,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Melancholischer Naturroman über das Aussterben einer Art, der leider zu selten wirklich fesselt und erst zum vorhersehbaren Ende ernsthaft zu berühren weiß.

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