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Schon in jungen Jahren stellt Victoria McQueen fest, dass sie offenbar über eine außergewöhnliche Gabe verfügt: Als das Mädchen wie so häufig auf ihrem geliebten Fahrrad einer der ständigen Streitereien ihrer Eltern entflieht, entdeckt Vic, dass sie auf wundersame Weise verloren geglaubte Gegenstände wiederfinden kann. Es scheint so, als öffnet ihr das Fahrrad einen Weg über eine imaginäre Brücke, der sie direkt in eine Art Parallelwelt führt. Dort landet sie dann immer genau an dem Ort, der das beheimatet, was sie gesucht hat: Ein verlegtes Schmuckstück ihrer Mutter, ein lange vermisstes altes Foto und viele weitere Dinge, die für immer verloren schienen. Victoria muss jedoch früh erkennen, dass sie einerseits anscheinend nicht die einzige Person mit übernatürlichen Fähigkeiten ist und dass der Gebrauch ihrer Gabe für Vic zum anderen nicht ohne gravierende Folgen bleibt. Als sie aber den Weg eines grausamen Kindesentführers kreuzt, der seine Opfer an einen Ort namens „Christmasland“ verschleppt, muss sie alle ihre Kräfte aufbieten, um nicht selbst in die Fänge des Mannes zu geraten…

Von modernen Vampiren und albtraumhaften Weihnachtswundern

Bereits mit seinem Titel erinnert Joe Hills Roman „NOS4R2“ an einen der großen Klassiker des Horrorgenres, denn der Name „Nosferatu“ bezeichnet seit dem späten 19. Jahrhundert eine Sagengestalt, die ihren Ursprung angeblich im rumänischen Vampirglauben hat und die seitdem in zahlreichen Filmen und Büchern für Angst und Schrecken sorgte. Da ist es nur passend, dass auch die Hauptfigur in Hills knapp 700 Seiten langer Geschichte wie eine moderne Interpretation des Vampir-Mythos daherkommt: Charlie Manx ist nur auf den ersten Blick ein harmloser alter Mann, treibt aber bereits seit Jahrzehnten in Massachusetts und Umgebung sein Unwesen. Mit seinem Fahrzeug, einem alten Rolls-Royce Wraith (mit dem titelgebenden Kennzeichen NOS4R2), lockt er regelmäßig unschuldige Kinder zu sich, um sie dann in sein geheimes Reich zu verschleppen und sie dort mit einem teuflischen Bann an sich zu binden. Dieser Rückzugsort klingt mit dem Namen „Christmasland“ zwar nach verlockendem Kinderparadies, ist in Wahrheit aber ein bizarrer Weihnachtsalbtraum, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.

Wenn die Fußstapfen des Schriftsteller-Vaters sich als zu groß herausstellen…

Auch Victoria McQueen läuft als Protagonistin dieses Romans Gefahr, in die Fänge des gefürchteten Serientäters zu geraten, hat ihren Altersgenossen gegenüber aber mit ihrer Gabe einen entscheidenden Vorteil. Dennoch wird Charlie Manx auch auf ihr Leben einen prägenden Einfluss haben, und Joe Hill nimmt sich ausführlich Zeit, um die Lebensgeschichte seiner Heldin zu erzählen: Sie beginnt als Kind zweier zerstrittener Eltern, das auf seinem Fahrrad den Alltagsproblemen zu entkommen versucht, und erstreckt sich über viele Jahre hin bis ins Erwachsenenalter, wo aus dem kleinen Mädchen eine Frau geworden ist, mit der es die Vergangenheit nicht immer gut gemeint hat und die immer noch mit ihren eigenen Dämonen kämpft. Joe Hill gelingt hier eine durchaus interessante und vielschichtige Charakterzeichnung, allerdings geht diese aber auch auf Kosten einer schier unendlich langen Einleitungsphase. Dies scheint aber wohl in der Familie zu liegen, denn Hill ist der Spross von keinem geringeren als Horror-Legende Stephen King, der ihm die erzählerische Ruhe und Gemütlichkeit offenbar mit in die Wiege gelegt hat. Wer nach dem kurzen, aber schon ein wenig unheimlichen Prolog auf eine dauerhafte verstörende und beängstigende Geschichte hofft, muss spätestens nach den ersten 200 Seiten erkennen, dass er vermutlich noch nicht wirklich auf seine Kosten gekommen ist – und dies auf den restlichen 500 Seiten auch eher nicht kommen wird.

Spannungsarm, langatmig und fast ohne jeden Grusel

Denn während Vater King es trotz immer wieder auftretender Längen in vielen seiner Werke fast immer schafft, seine Leser für seine Geschichten zu begeistern und mit in menschliche Abgründe hineinzuziehen, ist der Sohn bei diesem Unterfangen leider bei weitem nicht so erfolgreich. Dabei wirkt „NOS4R2“ permanent so, als würde Joe Hill seinem großen Vorbild fast krampfhaft nacheifern und er versucht offenbar nicht nur dessen Stil zu kopieren, sondern bedient sich auch ganz frei an Elementen aus Klassikern wie „ES“ (Fahrrad) oder „Christine“ (Auto). Was womöglich als Hommage gedacht war, wirkt aufgrund des praktisch nicht vorhandenen Spannungsaufbaus und des fehlenden Grusels leider oft eher wie eine schlechte Kopie. Zudem läuft die Handlung immer nach dem gleichen Schema ab und spätestens wenn man zum vierten oder fünften Mal mit Victoria die imaginäre Brücke überquert hat, wünscht man sich beinahe, die „Shorter Way Bridge“ würde einen in eine andere und spannendere Geschichte führen. Das einzige, was mich während der meist arg langatmigen Story zum Weiterlesen motiviert hat, war die Aussicht auf ein verstörendes und gruseliges „Christmasland“, doch zum einen dauert die Reise dorthin quälend lange, zum anderen ist der Schauplatz dann bei weitem nicht so albtraumhaft wie erhofft. Als Horrorroman hat Joe Hills „NOS4R2“ seinen Zweck damit für mich klar verfehlt und bietet statt des erhofften atmosphärischen Grusels lediglich eine wenig mitreißende Stephen-King-Kopie, die man als Fan des Genres ohne schlechtes Gewissen links liegen lassen kann.

NOS4R2
  • Autor:
  • Deutscher Titel: Christmasland
  • Umfang: 692 Seiten
  • Verlag: Gollancz
  • Erscheinungsdatum: 30. April 2013
  • Preis Geb. Ausgabe 23,26 €/PB 9,37 €/eBook 4,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
5/10
Fazit:
Spannungsarme Stephen-King-Kopie mit Überlänge, die lediglich mit einer gelungenen Charakterzeichnung überzeugt, in Sachen Atmosphäre und Story aber weit hinter den Erwartungen zurückbleibt.

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