Horrorstör_Rezi

Tagsüber unterscheidet sich die ORSK-Filiale in Cleveland, Ohio nicht von den knapp 100 anderen Niederlassungen der großen skandinavischen Einrichtungshauskette in den USA, doch nachts spielen sich in den Abteilungen des Hauses offenbar seltsame Dinge ab. Immer wieder stoßen Mitarbeiter morgens auf zerstörte Schränke oder beschmutzte Sofas und Betten und die unerklärlichen Schwankungen unterliegenden Lagerbestände machen eine reibungslose und gewinnorientierte Leitung der Filiale schier unmöglich. Die chaotischen Zustände nagen stark an den Nerven von Geschäftsführern und Angestellten und nicht nur die junge Mitarbeiterin Amy fürchtet aufgrund der vielen Probleme der Niederlassung um ihren dringend benötigten Job, zumal ausgerechnet jetzt auch noch eine Inspektion der ORSK-Qualitätssicherung vor der Tür steht. Filialleiter Basil unternimmt einen letzten verzweifelten Anlauf: Zusammen mit Amy und einer weiteren Mitarbeiterin will er die Nacht in dem Möbelhaus verbringen und die Störenfriede auf frischer Tat ertappen…

Ein Horrorroman in der Optik eines IKEA-Kataloges

Sind wir mal ehrlich: Grady Hendrix‘ Roman „Horrorstör“ hätte mit seiner Geschichte um ein spukendes Möbelhaus wohl kaum so große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, wenn die Marketing-Köpfe hinter dem Werk nicht auf die clevere Idee gekommen wären, das Buch äußerlich dem Inhalt anzupassen. Herausgekommen ist dabei nämlich ein fast quadratisches Paperback mit einer Covergestaltung, die unübersehbar von den allseits bekannten Katalogen der schwedischen Möbelkette IKEA „inspiriert“ ist. Schauplatz der Handlung ist dementsprechend dann auch ein solches Massenmarkt-kompatibles Einrichtungshaus mit dem klangvollen Namen ORSK, das vom Autor auch ganz unverblümt als Billig-Variante zu IKEA dargestellt wird – fehlende Schrauben, unverständliche Montageanleitungen und Bauteile mit kurzer Lebenserwartung inklusive. Als Leser wird man dann auch auf den ersten Seiten zunächst einmal mit der Firmenphilosophie des Unternehmens vertraut gemacht und erfährt, wie die etwas bemitleidenswerten Angestellten von ORSK für den täglichen Kundenwahnsinn in ihrer Filiale motiviert werden. Das ist ganz witzig gemacht, zumal man sich trotz mancher sicherlich überspitzter Darstellung durchaus vorstellen kann, dass der Alltag in solchen Häusern tatsächlich so ähnlich aussehen könnte.

Mehr Horror-Parodie statt ernstzunehmender Grusel

Nach einem guten Drittel kommt dann auch langsam die Geschichte in Fahrt: Die seltsamen Ereignisse im Einrichtungshaus häufen sich und so erklären sich drei Mitarbeiter mehr oder weniger freiwillig zu einer Nachtschicht bereit, um dem vermeintlichen Spuk ein Ende zu bereiten, bevor die Firmenleitung von dem Chaos Wind bekommt und die Filiale dicht macht. Was sich dann abspielt, hat mit richtigem Grusel eher wenig zu tun, „Horrorstör“ entpuppt sich aber als durchaus launige Horror-Parodie, sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt und damit auch ganz gut fährt. Man muss schon arg zartbesaitet sein, um sich beim Lesen vor Angst unter der Bettdecke zu verkriechen, auch wenn Grady Hendrix den Klamauk und das Auf-die-Schippe-nehmen der Möbelindustrie zum Ende hin merklich reduziert und zumindest etwas ernsthaftere Töne anschlägt. Das resultiert dann in einem halbwegs spannenden Schlussteil, die eher überzeichnete erste Hälfte hat mir aber deutlich besser gefallen.

Inhaltlich eher solide 08/15-Kost, optisch aber ganz klar ein Highlight

Muss man „Horrorstör“ als Horror-Fan also gelesen haben? Nein, denn bei aller Liebe zum Konzept: Die Geschichte ist durch das konsequent erzeugte Möbelhaus-Feeling zwar atmosphärisch, aber zu keinem Zeitpunkt wirklich unheimlich und auch nur mäßig spannend. Die Charaktere sind ein wenig klischeehaft angelegt, ziehen z.B. mit der etwas verpeilten Geisterjägerin Trinity und dem ständig aus dem Firmenhandbuch predigenden Basil aber durchaus ein paar Lacher auf ihre Seite. Man hat an diesem Buch-Experiment wohl nur dann richtig Freude, wenn man die originelle Gestaltung mag und auch die kleinen Details des Designs zu schätzen weiß. So wird z.B. jedes Kapitel mit einer kleinen Blaupause eines bestimmten ORSK-Artikels eingeleitet, der dann jeweils auch eine winzige Rolle in dem folgenden Textabschnitt spielt – man überliest sowas zwar leicht, wer aber darauf achtet lässt sich hier wohl dennoch das ein oder andere Schmunzeln entlocken. Nett sind auch die hin und wieder eingestreuten Anzeigen oder Auszüge aus Personalakten, die im unverkennbaren IKEA-Look daherkommen und das Blättern in dem Werk schon zu einem besonderen Erlebnis machen – eine durchgängige Gestaltung im Stil des bekannten Kataloges sollte man aber nicht erwarten. Somit ist „Horrorstör“ für mich als Gesamtpaket absolut einen Blick wert, die Story selbst wird aber vermutlich nicht allzu lange im Gedächtnis bleiben.

Horrorstör

Horrorstör
  • Autor:
  • Umfang: 240 Seiten
  • Verlag: Quirk Books
  • Erscheinungsdatum: 23. September 2014
  • Preis Taschenbuch 12,55 €/eBook 8,61 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Liebevoll und konsequent gestaltetes Buch-Projekt, dessen Inhalt eine solide und kurzweilige Horror-Parodie bietet, von der man aber keinen allzu großen Nervenkitzel erwarten sollte.

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Eine Anwort zu diesem Beitrag

  • Hallo Sebastian!

    Das ganze Buch ist eine ziemlich witzig Idee! Passt es überhaupt ins Regal? 😀
    Muss mir überlegen ob ich es noch will, wobei ich denke Fitzek und Dorn mir doch mehr Nervenktzel bieten!
    Dein Rezi ist zwar wunderbar aber so richtig zieht mich das Buch noch nicht an.

    Liebe Grüße
    Janice