Death at SeaWorld_Rezi

Der 24. Februar 2010 beginnt im SeaWorld Orlando wie ein ganz gewöhnlicher Tag, doch nur wenige Stunden später ist in dem Themenpark nichts mehr wie zuvor. Während einer der täglichen Wassershows mit Killerwalen gerät die streng durchchoreografierte Vorführung plötzlich außer Kontrolle, als der Orca Tilikum unerwartet nach seiner Tiertrainerin Dawn Brancheau schnappt, die sich zu diesem Zeitpunkt sehr nah am Beckenrand befindet. Was manche Zuschauer zunächst für einen Teil der Show alten, entwickelt sich schnell zu einer Tragödie: Brancheau wird von Tilikum immer wieder unter Wasser gedrückt und das unberechenbare Verhalten des Tieres macht es anderen Parkmitarbeitern unmöglich, die Frau aus dem Becken zu befreien. Erst nach gefühlt unzähligen Minuten gelingt es den Trainern, Tilikum wieder unter Kontrolle zu bringen – für Dawn Brancheau kommt jedoch jede Hilfe zu spät.

Über die dunkle Seite des Millionengeschäfts mit Orca-Shows

Auch wenn der Tod Brancheaus nicht der erste tödliche Unfall im Umgang mit Killerwalen in Parks wie SeaWorld und Co. war und alleine der Orca Tilikum bereits vor dem geschilderten Vorfall an zwei ähnlichen Tragödien beteiligt war, lösten jedoch erst die Ereignisse des 11. Februars eine weitreichende Diskussion darüber aus, ob das Halten von solchen Tieren zu Unterhaltungszwecken überhaupt noch zu vertreten ist. Auch der 2013 veröffentlichte Dokumentarfilm „Blackfish“ widmete sich diesem Thema und versuchte die Unglücke und ihre Ursachen aufzuarbeiten – genau wie der Autor David Kirby in seinem bereits ein Jahr zuvor erschienenen Buch „Death At SeaWorld – Shamu and the Dark Side of Killer Whales in Captivity“. „Shamu“ ist hierbei der von SeaWorld gewählte Name der Tiere in den Orca-Shows und wird von Wal zu Wal weitervererbt, u.a. auch um darüber hinwegzutäuschen, wie viele Orcas in den Parks sterben und ausgetauscht werden müssen.

Wie wirkt sich die Gefangenschaft auf das Verhalten der Tiere aus?

David Kirby widmet sich in seinem Buch nun der Frage, ob das Leben in Gefangenschaft die Tiere nachhaltig beeinträchtigt und nicht nur zu gesundheitlichen Problemen und einer deutlich verringerten Lebenserwartung, sondern auch zu ihrer gesteigerten Aggressivität führt, die sich immer wieder bei den Unfällen zwischen Killerwalen und ihren Trainern zeigt. Um eines gleich vorwegzunehmen: „Death at SeaWorld“ positioniert sich recht eindeutig auf der Seite der SeaWorld-Kritiker, was aber zum Teil auch darauf zurückzuführen ist, dass viele Verantwortliche sich laut Kirbys Vorwort bei dessen Recherchen nicht zu dem Thema äußern wollten – ganz im Gegensatz zu Tierschützern und Meeresbiologen, die natürlich nur allzu bereitwillig über ihre Ansichten berichteten. Man könnte dem Autor nun fehlenden Objektivität vorwerfen, allerdings ist Kirby in seinem Stil selbst überraschend neutral und vermeidet klare Standpunkte seinerseits, baut sein Werk aber um die Lebensläufe mehrere SeaWorld-Gegner herum auf. Besonders die Forschungen der Meeresbiologin Dr. Naomi Rose nehmen einen nicht unerheblichen Teil des Buches ein und Kirby schildert ausführlich deren erste Kontakte mit Killerwalen, ihre große Leidenschaft und Faszination für die Tiere und ihre Reaktionen auf diverse alarmierende Zwischenfälle in den Themenparks. Das ist ein durchaus cleverer Schachzug und sorgt dafür, dass man es hier nicht mit einer trockenen Aneinanderreihung von Fakten und Statistiken zu tun hat, sondern durch die biografischen Elemente sehr angenehm durch das Buch geführt wird.

Keine reine SeaWorld-Anklage, sondern auch ein Buch über die „Faszination Orca“

Natürlich dürfen aber auch wissenschaftliche Studien in einem solchen Werk nicht fehlen und so vergleicht Kirby intensiv das Leben der Wale in Freiheit mit dem der Artgenossen in Gefangenschaft, auch wenn alleine darüber schon eine hitzige Diskussion entbrannt ist, ob und inwieweit sich Aussagen über Sozial- und Jagdverhalten oder Lebenserwartungen überhaupt vergleichen lassen. Denn der Autor lässt hier beide Lager zu Wort kommen und gibt somit auch den Stimmen Raum, welche den vermeintlichen Wert von SeaWorld und Co. für die Erforschung der Tiere, die Aufklärung der Menschen und damit womöglich ein erweitertes Bewusstsein der Öffentlichkeit für diese bemerkenswerten Lebewesen herausstellen. Denn die Außergewöhnlichkeit der Orcas zeigt Kirby ebenfalls auf und schildert spannend, wie Killerwale ihre Beute in tödliche Fallen locken oder untereinander lebenslängliche Bindungen aufbauen. Es ist wirklich faszinierend, über welche hohe Intelligenz die Tiere verfügen und z.B. Lachse durch ein gezieltes Abschneiden des Zugang zu frischem Meerwasser ihres Sauerstoffs berauben, Robben durch bewusstes Erzeugen von Wellen von ihren Eisschollen spülen oder mit halbverdauten Fischresten neue Beute aus der Luft anlocken. Gleichermaßen ist es rührend, wenn männliche Junge ein Leben lang an der Seite ihrer Mütter schwimmen oder sogar wie große Geschwister auf die Nachkommen anderer Tiere aufpassen.

Informativ und teilweise spannend wie ein Thriller

Insgesamt ist „Death At SeaWorld“ also wirklich ein sehr umfassendes Buch und bietet auf rund 450 eng beschriebenen Seiten eine Menge von dem, was man über Orcas wissen kann. Kirby erklärt das Verhalten der Killerwale sehr anschaulich und schildert die oft dramatischen Vorfälle in den Parks fast so spannend wie in einem Thriller. Natürlich sollte man schon eine gewisse Faszination für diese Tiere aufbringen können, denn sonst dürfte die Lektüre wohl zu einer trockenen Angelegenheit werden. Wer aber wie ich früher „Free Willy“ (übrigens ebenfalls ein Thema des Buches) rauf und runter geschaut hat und wen beim Gedanken an nahezu majestätisch schwimmende Orca-Familien in skandinavischen Buchten oder an amerikanischen Küsten zumindest auch nur ein wenig das Bedürfnis packt, diese Lebewesen einmal live erleben zu wollen, der dürfte mit diesem Buch wirklich gut bedient werden – auch wenn man danach um SeaWorld vermutlich eher einen Bogen machen wird…

Death at SeaWorld: Shamu and the Dark Side of Killer Whales in Captivity
  • Autor:
  • Umfang: 469 Seiten
  • Verlag: St. Martin's Press
  • Erscheinungsdatum: 17. Juli 2012
  • Preis Geb. Ausgabe 21,11 €/PB 12,30 €/eBook 8,99 €
Cover:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Sehr umfassende und vielschichtige Auseinandersetzung mit der Problematik der Haltung von Killerwalen in Vergnügungsparks, die zwar nicht immer ganz objektiv ist, aber die von Orcas ausgehende Faszination eindrucksvoll vermitteln kann.

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