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Im Wald wird eine junge Frau halbtot aufgefunden – ohne Erinnerung, aber mit einer klaren Mission…

Wien im Jahr 1899: Der Psychoanalytiker Josef Breuer bekommt es mit seinem bisher wohl schwierigsten Fall zu tun. Im Wald nahe einer psychiatrischen Anstalt wurde eine junge Frau leblos aufgefunden und in die Obhut Breuers gebracht. Die Patientin ist in einem erschreckenden Zustand: abgemagert, die Haare abrasiert und anscheinend ohne jede Erinnerung an ihre Vergangenheit. Stattdessen gibt die offenbar geistig verwirrte Frau an, eine Maschine zu sein, die von ihrem Schöpfer zu einem ganz bestimmten Zweck erschaffen wurde: Sie müsse das Monster töten, bevor dieses zu seinem vollen Schrecken auswachsen und für eine Katastrophe sorgen kann. Josef Breuer ist von der mysteriösen Patientin fasziniert und setzt alles daran, hinter den Sinn ihrer geheimnisvollen Äußerungen zu kommen…

Ein Buch, viele Geschichten …

Eliza Granvilles „Gretel and the Dark“ erzählt gleich zwei düstere Geschichten in einem Buch. Erstere dreht sich wie oben erwähnt um die namenlose Frau, die von dem Wiener Psychoanalytiker therapiert wird. Der zweite Handlungsstrang spielt einige Jahre später zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und hat ein kleines Mädchen als Hauptfigur: Krysta lebt nach dem Tod ihrer Mutter alleine mit ihrem Vater – einem Arzt im benachbarten Krankenhaus – und ihrem Kindermädchen Greet, die für den viel beschäftigten Vater die Erziehung Krystas übernimmt. Dabei versorgt Greet das Mädchen mit unzähligen Geschichten und den Märchen über Hänsel und Gretel, den Rattenfänger von Hameln oder Dornröschen, um dem meist bockigen Kind gutes Benehmen beizubringen.

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Düstere Atmosphäre, ernster Hintergrund

Beide Handlungsstränge haben auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun, strahlen aber von Anfang an die gleiche düstere Atmosphäre aus. Das liegt mitunter auch am Setting, denn beide Zeitebenen stehen unter dem Einfluss des Nationalsozialismus, auch wenn Eliza Granville die politische und gesellschaftliche Situation Österreichs und Deutschlands nur sehr dezent einfließen lässt. Vieles wird nur angedeutet, doch die Anspielungen der Autorin sind auch ohne ausgeprägte Geschichtskenntnisse recht leicht erkennbar. Während im Jahr 1899 der Antisemitismus noch in seinen Anfängen steckt und man in dem abgelegenen Breuer-Haus nur vereinzelt von Ausschreitungen und Übergriffen auf Juden etwas mitbekommt, wird der Nationalsozialismus auf der Krysta-Ebene noch etwas mehr versteckt – eben auch weil man die Geschehnisse aus der Sicht eines kleinen Kindes erlebt, für die das Nazi-Krankenhaus des Vaters eben nur ein harmloser Zoo mit geheimnisvollen „animal people“ ist.

„Perhaps this is what happens when you invent stories inside stories that are themselves inside a fairy tale: they become horribly real.“ (S. 343)

Nicht zuletzt dank Eliza Granvilles blumigem Schreibstil fühlt sich „Gretel and the Dark“ (wie der Titel schon andeutet) an vielen Stellen an, als hätte man es hier selbst mit einem Märchen zu tun – allerdings ist dieses Märchen wohl eher für ein erwachseneres Publikum geeignet, da jüngere Leser den Bezug zum Nationalsozialismus kaum erkennen und verstehen dürften. Hier sollte man sich auch von den vielen erwähnten Märchen und vermeintlichen Kindergeschichten nicht in die Irre führen lassen, mit denen Krysta aufwächst. Dafür ist es aber sehr interessant, die versteckte Symbolik dieser klassischen Erzählungen zu entdecken und in den historischen Zusammenhang einzuordnen.

Großartig erzählt und voller menschlicher Abgründe

Erstaunlicherweise funktioniert „Gretel and the Dark“ ohne wirkliche Sympathieträger. Sowohl Josef Breuer als auch die kleine Krysta werden wohl nicht gerade viele Leserherzen für sich gewinnen – der eine wegen seiner zunehmend egoistischen Absichten, die andere wegen ihrer penetranten Sturheit und ihres ungezogenen Auftretens gegenüber jeglichen Autoritätspersonen. Erwähnenswert ist ebenfalls, dass der von Granville dargestellte Josef Breuer tatsächlich existiert hat und gemeinsam mit Sigmund Freud (der ebenfalls am Rande im Buch erwähnt wird) als Mitbegründer der Psychoanalyse gilt. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen, denn „Gretel and the Dark“ ist keine trockene psychologische Abhandlung, sondern vielmehr eine düstere Version von Markus Zusaks „The Book Thief“. Der Erzählstil fühlt sich ähnlich an, es wird ebenfalls recht viel mit deutschen Sätzen gearbeitet und auch die Beschreibung des Krieges aus der Sicht eines Kindes ist durchaus vergleichbar. Statt der bewegenden und tragischen Momente gibt es hier aber eben menschliche Abgründe, die man sich aus den vielen Andeutungen jedoch häufig selbst erschließen muss. Gerade daraus bezieht die Geschichte aber einen großen Reiz und es ist einfach faszinierend, wie die Autorin die beiden Handlungsstränge immer mehr zusammenfließen lässt, bis der Leser schließlich mit dem großartigen und überraschenden Ende aufgeklärt wird.

http://www.youtube.com/watch?v=46QUm9zMh8M

Gretel and the Dark
  • Autor:
  • Original Titel: Gretel and the Dark
  • Umfang: 368 Seiten
  • Verlag: Penguin Books UK
  • Erscheinungsdatum: 6. Februar 2014
  • Preis Geb. Ausgabe 16,02 €/eBook 9,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Düsteres und sehr atmosphärisches Märchen für Erwachsene vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus.

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