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Am 28. Oktober ist Stephen Kings neuer Roman „Doctor Sleep“ in der deutschen Übersetzung in die Läden gekommen. Für mich Anlass genug, mir vorher einmal den Vorgänger „Shining“ zu Gemüte zu führen.

Jack Torrance hat schon bessere Zeiten erlebt: Der Ehemann und Familienvater kämpft seit längerem mit einem Alkoholproblem und daraus resultierenden Tobsuchtsanfällen und obwohl Jack dank der Anonymen Alkoholiker seit einigen Wochen keinen Tropfen mehr angerührt hat, schwebt das Thema dennoch wie ein Damoklesschwert über der Familie. Denn seit Jack im Alkoholrausch seinem kleinen Sohn Danny wegen einer Nichtigkeit den Arm gebrochen hat, steckt auch die Ehe zu seiner Frau Wendy in der Krise und eine Scheidung der Torrances ist nicht mehr länger ein Tabuthema. Zu allem Überfluss ist es auch beruflich um das Familienoberhaupt nicht allzu gut bestellt, denn nach einer Handgreiflichkeit gegenüber einem seiner Schüler verlor Jack auch noch seine Anstellung als Englischlehrer.

Einsame Wintermonate in einem abgelegenen und leerstehenden Hotel

Da bietet sich für Jack Torrance plötzlich eine unerwartete Möglichkeit zu einem Neuanfang. Dank guter Kontakte erhält er während der Wintermonate einen Posten als Hausmeister in einem abgelegenen Hotel in den Bergen von Colorado. Aufgrund des in dieser Region meist starken Schneefalls ist das „Overlook“ von Herbst bis Frühjahr geschlossen und auch nahezu komplett von der Außenwelt abgeschnitten, sodass die Torrances zu dieser Zeit die einzigen Personen im Hotel sind. Während seine Frau Wendy die Einsamkeit ein wenig fürchtet, sieht Jack die Stelle als Chance, die Familie wieder mehr zusammenzuschweißen und nebenbei auch seinen Ambitionen als Schriftsteller nachzueifern. Doch bei seinen Plänen hat Jack Torrance die Rechnung ohne das eigenwillige „Overlook“-Hotel gemacht…

Der Vorgänger zu Stephen Kings aktuellem Bestseller „Doctor Sleep“

Stephen Kings Horrorroman „Shining“ ist zwar bereits 1977 (1980 in der deutschen Übersetzung) erschienen, aber derzeit dennoch so populär wie seit Jahren nicht mehr. Grund dafür ist „Doctor Sleep“, das neue Buch des Autors, in dem der Autor die Story seines Bestsellers fast vierzig Jahre später fortsetzt. Da ich „Shining“ zuvor noch nicht gelesen und die Filmversion mit Jack Nicholson nur noch sehr vage im Hinterkopf hatte, wollte ich zur Vorbereitung auf den neuen King-Roman diese Lücke schließen und habe mir zu diesem Zweck die ungekürzte Hörbuchversion des Horror-Klassikers angehört.

Simples Setting, überschaubarer Kreis an Charakteren

Was bereits früh beim Hören (bzw. Lesen) auffällt, ist der im Vergleich zu späteren King-Werken bemerkenswert überschaubare Kreis an Charakteren. Bis auf wenige und meist nur kurz auftretende Nebencharaktere beschränkt sich die Handlung nämlich vor allem auf die drei Mitglieder der Torrance-Familie, wobei besonders Jack und sein Sohn Danny im Fokus der Geschichte stehen. Der erste Eindruck, den diese beiden auf das Publikum machen, könnte dabei unterschiedlicher nicht sein: Auf der einen Seite haben wir den aufbrausenden und im Extremfall sogar gewalttätigen Jack, der nicht nur in seiner Funktion als Lehrer kapital gescheitert ist, sondern auch seinem Anspruch als intellektueller Schriftsteller bisher in keinster Weise gerecht werden konnte. Ganz zu schweigen von seinem Versagen als Ehemann und Vater, welches seinen Höhepunkt darin fand, dass er seinem damals dreijährigen Sohn vor lauter Wut den Arm gebrochen hat, weil dieser seine Manuskripte auf den Boden warf. Dem gegenübergestellt wird ein fünf Jahre alter Danny Torrance, der sich wohl am besten mit Worten wie „entzückend“, „aufgeweckt“ oder „goldig“ beschreiben lässt. Dieser erobert die Herzen der Leser von Beginn an im Sturm und ruft dabei gleichermaßen Beschützerinstinkte hervor, da man ihn am liebsten an der Hand nehmen und der Reichweite seines jähzornigen und unberechenbaren Vaters entziehen möchte. Darüber hinaus verfügt Danny noch über eine besondere Gabe: das Shining, eine Art hellseherische Veranlagung, mit dem der Junge gelegentlich die Gedanken anderer Personen lesen kann. Bei allen krassen Gegensätzen haben die Hauptfiguren jedoch eines gemeinsam: Alle sind vom Autor hervorragend ausgearbeitet worden und sehr vielschichtig geraten, und so sehr man Jack Torrance die meiste Zeit aus tiefstem Herzen verachten möchte, so gibt es gelegentlich doch auch immer wieder Momente, in den der liebevolle Familienvater kurzzeitig durchbricht.

Ein Hotel, das Angst und Schrecken verbreitet

Neben den menschlichen Protagonisten gibt es aber auch noch eine weitere Hauptfigur, nämlich das „Overlook“-Hotel selbst. Ähnlich wie bei den Torrances nimmt sich Stephen King auch hier genügend Zeit, um das Ungetüm in den Bergen in die Story einzuführen und bietet eine umfassende Führung durch das Gebäude sowie weitreichende Einblicke in die bewegte Geschichte des ehemaligen Luxushotels. Dabei strahlt das Hotel von Anfang an eine unheimliche und sogar bedrohliche Atmosphäre aus und nicht nur der hellsichtige Danny ahnt früh, dass dieser abgelegene Flecken kein Ort ist, um das verlorengegangene Familienglück wiederzufinden. Überhaupt ist das „Overlook“ der eigentliche Star der Geschichte und sorgt immer wieder durch neue Teufeleien für Unruhe und Entsetzen. Zudem verursacht das räumlich sehr stark begrenzte Setting ein dauerhaftes Gefühl der Beklemmung, welches den subtilen Horror des Buches noch einmal verstärkt.

Subtiler, aber dennoch äußerst wirkungsvoller Horror

Überhaupt spielt sich bei „Shining“ ein großer Teil des Horrors in den Köpfen der Beteiligten ab, was den Roman ebenfalls von vielen früheren Werken Kings unterscheidet, in denen es teilweise sehr blutig und gewalttätig zur Sache geht. „Shining“ ist dagegen über weite Strecken sehr ruhig und fast schon bedächtig, ohne dabei aber weniger fesselnd zu sein. Die Geschichte bezieht einen Großteil der Spannung aus dem foranschreitenden Wahnsinn, dem die Charaktere ausgesetzt werden und entwickelt dadurch eine regelrechte Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Und auch wenn das Finale dadurch fast schon etwas vorhersehbar gerät (was sich aber auch kaum vermeiden lässt), so ist der Roman dennoch zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise langatmig – was man auch nicht von vielen King-Büchern behaupten kann…

Das Meisterstück des Dietmar Wunder

Inhaltlich kann „Shining“ also voll überzeugen, es gibt aber noch einen weiteren Aspekt, der hier nicht unerwähnt bleiben darf: Die Lesung von Dietmar Wunder. Als Fan der Stephen-King-Bücher ist man es ja eigentlich gewohnt, dass diese von David Nathan, dem derzeit wohl besten deutschen Sprecher, gelesen werden und so war ich zunächst einmal ein wenig enttäuscht, dass dieser nicht für die Lesung von „Shining“ verpflichtet wurde. Nichts gegen Dietmar Wunder, der mit seinen Lincoln-Rhyme- oder Alex-Cross-Hörbüchern ebenfalls zu meinen absoluten Favoriten im Sprecher-Bereich gehört, aber ein King ohne Nathan schien für mich im Vorfeld nur schwer vorstellbar. Um es kurz zu machen: Selten wurden Vorbehalte eindrucksvoller aus dem Weg geräumt. Es scheint fast so, als würden die Romanvorlagen von Stephen King das Maximum aus den Erzählern herausholen, denn während David Nathan mit „ES“ sein Meisterstück abgeliefert hat, ist „Shining“ ohne jeden Zweifel die Krönung von Dietmar Wunders Sprecherkarriere. Das Hörbuch ist von vorne bis hinten perfekt gelesen und Wunder pendelt mühelos zwischen einem sorgenvollen fünfjährigen Danny, einem aufmunternden und kumpelhaften Dick Hallorann (im Übrigen mein persönlicher Favorit unter den Charakteren) und einem zwischen Zuneigung und blankem Wahnsinn schwankenden Jack Torrance. Gerade im Schlussdrittel lässt Wunder alle Hemmungen fallen und schreit sich wie von Sinnen durch die Geschichte, sodass man sich wirklich ernsthafte Sorgen um die Herzfrequenz des Sprechers machen muss. Wer Dietmar Wunder dabei zuhört, wie er dem vom Overlook völlig um den Verstand gebrachten Jack eine Stimme verleiht, wird danach garantiert nicht so leicht einschlafen können. Ich habe inzwischen sicherlich schon um die 50 Hörbücher mit diesem Sprecher gehört, aber eine derart überragende Leistung hätte ich Dietmar Wunder ehrlich gesagt nicht zugetraut. Seine „Shining“-Performance ist einem David Nathan in Bestform absolut ebenbürtig und alleine schon deshalb Kaufgrund für dieses Hörbuch.

Fazit:
Ungemein fesselnder Horror-Roman mit faszinierenden Charakteren, unheimlicher Atmosphäre, packender Story und einem beängstigend guten Dietmar Wunder (9/10).

Shining
Autor: Stephen King; Sprecher: Dietmar Wunder; Originaltitel: The Shining; Spieldauer: 17 Std. 31 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Lübbe Audio; Veröffentlicht: 11. Mai 2012; Preis: 7,95 €.

Link zum Hörbuch

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2 Antworten zu diesem Beitrag

  • Diesmal bin ich vor lauter Neugierde schwach geworden und habe deine Rezension gelesen, bevor meine eigene fertig ist.
    Ich finde nichts, dem ich nicht zustimmen könnte. Trotz der Vorhersagbarkeit der ganzen Geschichte hat mich das Hörbuch so gefesselt wie dich, und Dietmar Wunder war daran nicht unbeteiligt. 😉
    Fragt sich jetzt nur, wo in deiner Bewertung der eine Punkt zur Höchstpunktzahl verloren gegangen ist?

    LG,
    papercuts1

Pings: