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Die französische Revolution liegt bereits einige Jahre zurück, doch noch immer ist das Leben in Frankreich für einen Großteil der Menschen hart und trostlos – wie auch der Sträfling Jean Valjean nach seiner Entlassung feststellen muss…

Digne, 1815: In dem kleinen französischen Ort in der Provence wird ein Mann namens Jean Valjean endlich aus dem Bagno entlassen, wo er 19 Jahre lang zur Zwangsarbeit als Galeerensträfling gezwungen war. Als junger Mann hatte er damals einen Laib Brot gestohlen, um damit seine bitterarme Familie vor dem Hungertod zu bewahren – und wurde erwischt. Für den Diebstahl wurde er zur fünf Jahren Haft verurteilt, die durch mehrere Fluchtversuche auf insgesamt fast zwei Jahrzehnte verlängert wurde. Zurück in der Freiheit hat Jean Valjean nichts bis auf ein paar wenige Geldmünzen, die er mit der jahrelangen Strafarbeit verdient hat. Doch auch diese helfen ihm nicht weiter, denn durch seinen Sträflingsausweis ist er für immer gebrandmarkt und findet nirgendwo Obdach.

Die Wandlung des Galeerensträflings Jean Valjean

Als Valjean die Nacht schon halberfroren und völlig erschöpft auf der Straße verbringen will, wird er vom Bischof von Digne aufgenommen und bekommt von ihm eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht – was der Ex-Sträfling dem Mann Gottes damit dankt, dass er aus dessen Kirche einige wertvolle Gegenstände stiehlt und mit ihnen die Flucht ergreift. Valjean wird jedoch von der Polizei aufgegriffen und sieht sich schon mit einem Bein für den Rest seines Lebens im Bagno, als der Bischof den Gesetzeshütern überraschend weismacht, dass er die geklauten Schätze seinem nächtlichen Gast als Geschenk vermacht hat – und Valjean damit das Leben rettet. Von diesem Akt der Güte geprägt, beschließt Jean Valjean, sich selbst radikal zu ändern und zu einem aufrechten Mann zu werden…

Victor Hugos 1500-Seiten-Klassiker als 58-Stunden-Hörbuch

Ich gebe es offen zu: Bevor Anfang des Jahres die Verfilmung mit Hugh Jackman, Russel Crowe und Anne Hathaway in die Kinos kam, hatte ich keinen blassen Schimmer, worum es in Victor Hugos Klassiker „Les Misérables“ (dt. „Die Elenden“) überhaupt im Detail geht. Mit meiner Vermutung, der Roman spiele zur Zeit der französischen Revolution, lag ich zum Beispiel schon mal daneben, denn diese liegt zu Beginn der Handlung bereits einige Jahre zurück. Da ich vom Film-Musical aber sehr begeistert war, habe ich es anschließend mal in Betracht gezogen, auch das zugrunde liegende Buch zu lesen. Das war allerdings bevor ich herausfand, dass die vollständige deutsche Übersetzung über 1500 Seiten hat – für mich als jemanden, der mit historischen Romanen bis auf ganz wenige Ausnahmen ohnehin schon fast überhaupt nichts anfangen kann, machte dieser gewaltige Umfang das Buch nicht unbedingt attraktiver. Pünktlich zu meinem Urlaub hat der Audio Verlag den Wälzer jedoch als ungekürztes Hörbuch veröffentlicht, was mich mit Aussicht auf einige stundenlange Zugfahrten quer durch Schweden zu einem spontanen Kauf veranlasst hat – und ich habe die 58 Stunden des Hörbuches dann auch tatsächlich in Angriff genommen.

Gelungener Einstieg und faszinierende Hauptfigur

Zu meiner Beruhigung war ich jedoch schon nach wenigen Minuten in die Geschichte aufgetaucht, denn die aus dem Film bereits vertraute Figur des Galeerensträflings Jean Valjean lässt nicht lange auf sich warten und bot so bereits früh einen Charakter zum Mitfiebern. Ich habe gebannt die ersten Versuche Valjeans verfolgt, in der Freiheit wieder Fuß zu fassen und zu einem geregelten Leben zurückzukehren, was angesichts seiner langjährigen Haft und der damit verbundenen Brandmarkung als Krimineller nahezu unmöglich ist. Doch gerade die erlittenen Rückschläge sind es, die den Leser der Figur näher bringen und trotz manchen Rückfalls Valjeans (wie beispielsweise dem Diebstahl in der Kirche) Sympathie und Mitgefühl wecken.

Sehr sorgfältig ausgearbeitete Charaktere und Schauplätze

Ich war zudem überrascht, wie groß die Übereinstimmung zwischen Film und Romanvorlage war, denn vor allem die ersten zehn Stunden des Hörbuches boten eine Vielzahl an Szenen, die mir bereits vertraut waren, aber durch die weit ausführlicheren Beschreibungen und Hintergründe nochmals intensiver wirkten. Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe das erste Fünftel des Hörbuches fast schon geliebt und war fasziniert von der Fähigkeit Victor Hugos, die Charaktere in die Geschichte einzuführen und die Grundsteine für die späteren Entwicklungen und Schnittpunkte in deren Leben zu setzen. Hugo war bei der Ausarbeitung der diversen Handlungsstränge unglaublich sorgfältig und macht es dem Leser durch viele ungemein bildliche und lebhafte Beschreibungen sehr einfach, tief in die Geschichte einzutauchen und sich ins Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts zurückversetzen zu lassen.

Beeindruckend komplexe Handlung mit überlangen Unterbrechungen

Nach ungefähr 13 bis 14 Stunden kam es dann allerdings zu einem ersten Bruch, denn nun machte die Handlung einen kleinen Zeit- und Ortssprung und verlagerte sich aus der französischen Provinz in die Hauptstadt Paris. Dem stellt Victor Hugo jedoch eine sehr umfassende Ausführung über die Schlacht von Waterloo von 1815 voran – und mit umfassend meine ich, dass hierfür tatsächlich fast zwei Stunden „draufgehen“. Diese Geschichtsstunde bildet nur den Auftakt für immer wieder die Handlung unterbrechende Vorträge über die politische und gesellschaftliche Situation Frankfreichs zum Zeitpunkt der Romanhandlung. Das ist natürlich einerseits notwendig, um die Motive der handelnden Charaktere zu verstehen, allerdings ist es zuweilen sehr ermüdend, diesen stundenlangen Ausführungen zu folgen. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass diese Einschübe völlig den Leser immer völlig aus der Handlung herausreißen, weil keine der Figuren der eigentlichen Handlung in diesen Vorträgen Platz findet und man stattdessen immer wieder mit historischen Persönlichkeiten konfrontiert wird, die einem als Nicht-Historiker vermutlich gar nicht bekannt sind. Dies kann man Hugo aber nur bedingt vorwerfen, denn dieser hat seinen Roman sicherlich kaum in dem Bewusstsein geschrieben, dass sein Werk auch fast 200 Jahre später noch zur Weltliteratur zählen würde, sondern in erster Linie für die Menschen seiner Zeit. Für diese Zielgruppe sind die Geschichtsstunden wahrscheinlich sehr viel verständlicher gewesen, weil die geschilderten Ereignisse zum Tagesgeschehen gehörten – als Außenstehender im 21. Jahrhundert sind viele Zusammenhänge aber kaum durchschaubar und sorgen dadurch häufig für gewaltige Längen im Roman. Vielleicht ist mein Problem mit diesen Passagen aber auch einfach nur darauf zurückzuführen, dass ich schon in der Schule den Geschichtsunterricht gehasst habe. Denn eigentlich schreibt Hugo auch hier toll und durchaus lebhaft – es hat mich aber schlicht und einfach in diesem Umfang nicht interessiert.

Grandios, bewegend, detailverliebt und wunderbar gelesen…

Somit fällt es mir sehr schwer, „Les Misérables“ eine gerechte und angemessene Bewertung zu geben. Einerseits ist die Handlung wirklich großartig, mitreißend und bewegend, bietet zudem grandios ausgearbeitete Charaktere und perfekt beschriebene Schauplätze, sodass man sich wirklich in diesem Roman verlieren kann. Zudem hat das Hörbuch mit Gert Westphal, der optimal zu dieser Geschichte passt und den Roman nicht nur sehr gut, sondern überragend liest, einen mehr als würdigen Sprecher gefunden. Sein Repertoire ist unglaublich vielseitig und so klingt jeder Charakter, ob Jean Valjean, Fantine, Cosette, Inspektor Javert oder Thenardier einzigartig und ist dadurch leicht wiedererkennbar. Zudem legt er sich bei der Lesung sehr ins Zeug und erzählt die Geschichte voller Inbrunst, ohne dabei aber das Gespür für die ruhigen Momente vermissen zu lassen.

… aber zwischendurch auch unglaublich langatmig

Auf der anderen Seite jedoch ist das Buch (aus meiner Sicht) teilweise sterbenslangweilig und man kann beim Hörbuch problemlos mal zwei bis drei Stunden verschlafen, ohne irgendetwas Story-Relevantes dabei zu verpassen. Dies betrifft allerdings nur die erklärenden/ermüdenden Einschübe über den geschichtlichen Hintergrund und ein paar übertrieben ausschweifende Schauplatz-Beschreibungen (zwei Stunden allein für die bildliche Ausschmückung der Pariser Kanalisation ist z.B. definitv zu viel). Für die reine Geschichte würde ich ohne zu Zögern die Höchstwertung geben, allerdings muss ich deutlich sagen, dass ich mich bestimmt während 25 der insgesamt 58 Hörbuchstunden zu Tode gelangweilt habe, was sich natürlich auch massiv auf die Gesamtwertung des Titels auswirken muss, sodass es für Victor Hugos „Les Misérables/Die Elenden“ lediglich zu einer guten und nicht sehr guten Wertung reicht. Wer sich aber für Geschichte im Allgemeinen und die Epoche der Romantik in Frankreich im Speziellen begeistern kann, der wird dieses Meisterwerk (denn das ist es meiner Meinung nach trotz der vielen Längen) sicherlich voll zu würdigen wissen. Will man lediglich das Buch lesen, weil man das Musical bzw. den Film mochte, ist man mit einer gekürzten Fassung vermutlich besser bedient.

Fazit:
Ein in vielerlei Hinsicht großes Werk mit einer grandiosen Geschichte, faszinierenden Charakteren und unheimlich dichter Atmosphäre, das jedoch deutlich zu lang ausgefallen ist (7/10).

Hörbuchcover
Autor: Victor Hugo; Sprecher: Gert Westphal; Originaltitel: Les Misérables; Spieldauer: 57 Std. 46 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Der Audio Verlag; Veröffentlicht: 01. August 2013; Preis: 32,54 € (9,99 € im Flexi-Abo).

Link zum Hörbuch


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