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Von den Anfängen des C64 bis zur Wikileaks-Affäre – „Nerd Attack“ liefert einen umfassenden Rückblick auf die bisherigen Meilensteine des digitalen Zeitalters.

Christian Stöcker ist Journalist und seit 2011 Ressortleiter Netzwelt bei SPIEGEL Online. Als Kind der 70er- und 80er-Jahre ist er selbst mit den ersten Schritten der Videospielgeschichte aufgewachsen und zählte zu den glücklichen Besitzern eines Commodore 64, des wohl populärsten Heimcoputers überhaupt. Das sind beste Voraussetzungen für das Verfassen eines Sachbuches über die Geschichte der Nerdkultur, denn Stöcker hat die wichtigsten Ereignisse, Bewegungen und Entwicklungen selbst miterlebt und ist seit Jahren in der digitalen Welt zuhause.

Aus dem Leben und der Arbeit eines Technik-Freaks

Somit ist sein Werk „Nerd Attack: Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook“ auch ein Stück Lebensgeschichte eines Technik-Freaks, was man vor allen in den ersten Kapiteln des Buches merkt. Hier berichtet der Autor über seine Kindheit und seine ersten Kontakte mit Computern und Videospielen, was zahlreiche amüsante Anekdoten mit sich bringt – zum Beispiel von dem Raubkopieren neuester C64-Spiele in Elektronikgeschäften direkt vor den Augen der unwissenden Verkäufer und stundenlangen Highscore-Jagden auf den Vorführmodellen der Läden.

Über Hacker, Tauschbörsen und Urheberrecht

Im weiteren Verlauf werden die Ausführungen dann etwas allgemeiner und widmen sich einer Vielzahl von Themen, die mit dem technischen Fortschritt der vergangenen 20-30 Jahre in Verbindung stehen, z.B. die Hacker-Bewegung in den 1980ern unter besonderer Berücksichtigung des deutschen Hackers und Verschwörungstheoretikers Karl Koch (den man vielleicht aus dem Film „23 – Nichts ist so wie es scheint“ kennt), der Entstehung von Tauschbörsen und den Auswirkungen der neuen Möglichkeiten auf die Gesellschaft. Hier spannt Stöcker gekonnt den Bogen zu aktuellen Themen wie der ständigen Diskussion um das Urheberrecht oder den Umgang mit Privatsphäre in sozialen Netzwerken. Auch die Revolutionsbewegungen der arabischen Welt werden ebenso angesprochen wie die Wikileaks-Affäre um Julian Assange.

Von Nerd zu Nerd

„Nerd Attack“ ist angenehm strukturiert und lebendig geschrieben, wodurch die Lektüre des Buches sehr unterhaltsam ausfällt. Auch schwierigere Sachverhalte werden anschaulich erklärt, sodass auch nicht ganz so Technik-affine Personen keine Verständnisprobleme haben dürften. Allerdings richtet sich Stöckers Sachbuch wohl doch in erster Linie an die vermeintlichen Nerds, die ebenfalls mit den Errungenschaften der digitalen Welt aufgewachsen sind und für die der Umgang mit Computern, Smartphones und dem Internet an sich praktisch unverzichtbar geworden ist. Für diese Zielgruppe wird ein Großteil des Buches eher wenig Überraschungen bieten, da man das meiste entweder aus dem eigenen Leben oder vergleichbaren Werken kennt. So sind Anekdoten wie das kostenlose Telefonieren in den 1970ern mithilfe einer Spielzeugflöte aus Cornflakes-Packungen vermutlich keine wirklichen Enthüllung mehr, aber dennoch immer noch für ein Schmunzeln gut.

Somit eignet sich „Nerd Attack“ eher nur bedingt, um technikfremde Menschen in die digitale Welt einzuführen und setzt vielmehr auf den Nostalgie-Faktor und „Nerds“ und „Geeks“, die gerne nochmal in Erinnerungen schwelgen möchten. Das merkt man auch an der Haltung des Autors, denn obwohl Stöcker sich um eine neutrale Betrachtung brisanter Themen wie Internetzensur und Co. bemüht, so scheint doch immer wieder seine Sympathie für Hacker oder Technikbegeisterte durch. Das macht aber nichts, denn dadurch spürt man Stöckers eigene Leidenschaft für diese Themen, was ein vermeintlich trockenes Sachbuch zu einer fast schon packenden Lektüre macht.

Kleine Mängel und etwas veraltete Statistiken

Was ich allerdings ein wenig vermisst habe ist eine ausführlichere Betrachtung der sozialen Netzwerke. So werden Twitter und Facebook zwar ausdrücklich auf dem Buchcover erwähnt, spielen meist aber eher am Rande eine Rolle, z.B. wenn es um die Verbreitung von Informationen wie bei den Terroranschlägen in Mumbai geht, bei denen die Welt mithilfe von Augenzeugen-Tweets und Facebookeinträgen zeitnaher informiert wurde als durch die Beiträge der großen Fernsehsender. Hier hätte ich mir doch einen größeren Fokus auf die Netzwerke an sich gewünscht, z.B. in Form eigener Kapitel. Außerdem merkt man dem Buch sein Erscheinungsdatum im Jahr 2011 stellenweise schon an. Zwei Jahre klingen zwar erst einmal nicht viel, im Internetzeitalter kann in dieser Zeitspanne aber eine Menge passieren, sodass manche Zahlen und Statistiken nicht mehr ganz aktuell sind. So wird u.a. auch die Band „Tokio Hotel“ als derzeit erfolgreichste deutsche Band dargestellt, obwohl von dieser in den letzten Jahren überhaupt nichts zu hören war.

Gutes Sachbuch, toll gelesen

Das ist aber der Schnelllebigkeit der digitalen Welt geschuldet und kann kaum dem Autor zur Last gelegt werden. Wer gerne nochmal seine eigenen Erinnerungen auffrischen oder einfach nur ein unterhaltsames, zusammenfassendes Werk über die Computer- und Technikgeschichte sucht, der kann mit Christian Stöckers „Nerd Attack“ nicht viel falsch machen. Die Hörbuchversion punktet zudem mit einer lebhaften Lesung von Uve Teschner, der hier beweist, dass er nicht nur Thriller, sondern auch Sachbücher packend vortragen kann.

Fazit:
Kurzweilige und amüsante Reise durch das digitale Zeitalter, die aufgrund guter Recherche und spürbarer Leidenschaft des Autors sowohl umfassend informiert als auch bestens unterhält (7/10).

Hörbuchcover
Autor: Christian Stöcker; Sprecher: Uve Teschner; Spieldauer: 10 Std. 42 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Audible GmbH; Veröffentlicht: 2012; Preis: 20,95 €.

Link zum Hörbuch

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