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Im kleinen amerikanischen Küstenstädtchen Loyalty Island heißt es jedes Jahr im Herbst Abschied nehmen von Söhnen, Ehemännern und Vätern, denn dann bricht der männliche Teil der Bevölkerung in Richtung Beringsee auf, um während der nächsten Monate mit der Fischerei die zurückgelassenen Familien ernähren zu können. Als der Besitzer der Fangflotte unerwartet stirbt, steht der ganze Ort plötzlich vor einer ungewissen Zukunft.

Unter ihnen ist auch der 14-jährige Cal, dessen Vater ebenfalls zur Riege der Krabbenfischer gehört und daher nur die Hälfte des Jahres bei seiner Familie ist. Cal selbst ist noch zu jung, um die Männer bei ihrer Reise nach Alaska zu begleiten, doch er weiß bereits um die enorme Bedeutung der Fischereisaison. Von dem Erfolg der Fischer hängt das Schicksal Loyalty Islands ab und so hofft jeder auf eine gute Fangsaison. Cal ist sich allerdings auch der Gefahren bewusst, denen sich die Seeleute Jahr für Jahr aussetzen: Die eiskalte Beringsee ist in den Herbst- und Wintermonaten unberechenbar und so riskieren die Männer des Ortes immer wieder ihr Leben, um den Lebensunterhalt ihrer Familien bestreiten zu können.

Ein Küstendorf unter dem Einfluss der Fischerei

Normalerweise ist es üblich, dass die Söhne in die Fußstapfen ihrer Väter treten und diese auf See begleiten, sobald sie das entsprechende Alter erreicht haben. Cal ahnt jedoch, dass er selbst nicht aus dem Holz eines Fischers geschnitzt ist und dass auch sein Vater keine allzu großen Hoffnungen in ihn setzt. Der 14-Jährige ist ein eher nachdenklicher Junge und auch rein körperlich für den Knochenjob auf hoher See eher ungeeignet, zudem ist ihm nicht entgangen welche Auswirkungen die langen Phasen der Abwesenheit auf das Familienleben haben. Cals Mutter hat vor Jahren ihr Leben im sonnigen San Francisco für seinen Vater aufgegeben und wird durch die einsamen Monate im rauhen Küstenstädtchen immer tiefer in eine Depression getrieben, was zunehmend zu Spannungen zwischen Cals Eltern führt.

Atmosphärischer Debütroman des Amerikaners Nick Dybek

Dem Amerikaner Nick Dybek gelingt es in seinem Debütroman „Der Himmel über Greene Harbor“ sehr gut, dieses entbehrungsvolle Leben der Küstenbewohner einzufangen und die Bedeutung sowie die Auswirkungen der Fischerei für die Familien des Ortes herauszustellen. Gut gewählt ist auch die Perspektive, denn die Betrachtung der Ereignisse aus der Sicht eines Jugendlichen liefert eine distanzierte Sichtweise auf das Verhalten der fast ausschließlich erwachsenen Charaktere und zeichnet gleichzeitig das Bild eines aufgeweckten Heranwachsenden, der das Geschehen um sich herum kritisch betrachtet, Handlungen in Frage stellt und sich Sorgen um seine eigene Zukunft macht. Auch die regelmäßig vom Autor eingeschobenen Seemannsgeschichten, die sich die Einwohner Loyalty Islands gegenseitig immer wieder erzählen, erzeugen eine sehr intensive und stimmige Atmosphäre.

Eine Geschichte über das Erwachsenwerden, Verantwortung und Moral

Die Handlung selbst plätschert über weite Strecken aber ein wenig vor sich hin und bietet nur wenige echte Höhepunkte. Ein Aufreger bietet sich gleich zu Beginn, als nämlich John Gaunt, der Besitzer der Fangflotte und damit gleichzeitig auch Arbeitgeber fast des gesamten Ortes, unerwartet stirbt und die Zukunft der Krabbenfischerei plötzlich ungewiss ist – zumal der Erbe des Magnaten diesem Industriezweig eher kritisch gegenübersteht und Loyalty Island schon vor Jahren den Rücken gekehrt hat. Dies löst eine Reihe folgenschwerer Ereignisse aus, die auch auf die jugendliche Hauptfigur unmittelbare Konsequenzen haben. Er wird plötzlich mit moralischen Fragen konfrontiert, auf die er bisher noch nicht vorbereitet war und muss nun lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen. Sein einziger Ansprechpartner ist dabei sein Freund Jamie, der sein Schicksal teilt und sich der gleichen Situation ausgesetzt sieht.

Oft etwas ausschweifend und langatmig

Die klingt auf den ersten Blick interessant, allerdings sorgt Nick Dybek mit vielen ausschweifenden Passagen aber auch für viele Momente des Leerlaufs, in denen die Geschichte die Aufmerksamkeit des Lesers nur schwer festhalten kann. In der Hörbuchversion kommt dann auch noch die etwas gewöhnungsbedürftige Erzählweise erschwerend hinzu, denn der Autor springt in seinem Roman immer wieder wild zwischen verschiedenen Zeiten hin und her, sodass man gerade als Hörer hier leicht den Überblick verliert. Es kommt zudem vor, dass sich Dybek selbst ein wenig in den vielen Anekdoten oder den weitreichenden Gedanken seines Protagonisten verliert. Das führte dazu, dass „Der Himmel über Greene Harbor“ bei mir einen durchwachsenen Gesamteindruck hinterlassen hat, wenngleich das Romandebüt des Amerikaners von der Kritik weitestgehend euphorisch gefeiert wird. Meinen Lesegeschmack hat das Buch leider nicht ganz getroffen, daran ändert auch die gelungene und einfühlsame Lesung von Sascha Rotermund nicht viel.

Fazit:
Intensive und atmosphärische sehr dichte Geschichte über Familie, das Meer und das Erwachsenenwerden, deren Handlung über die gesamte Länge aber recht schleppend erzählt wird und oft langatmig wirkt (6/10).

Hörbuchcover
Autor: Nick Dybek; Originaltitel: When Captain Flint was still a good man; Sprecher: Sascha Rotermund; Spieldauer: 09 Std. 20 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Der Hörverlag; Veröffentlicht: 2013; Preis: 20,95 €.

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