Autor: Kurt Palm
Umfang: 280 Seiten
Verlag: Residenz Verlag
Erscheinungsdatum: 24. Januar 2012

Klappentext:
Sie sind überall. Und niemand weiß, woher sie kommen …

Der Journalist Martin Koller liegt im Krankenhaus und kann nicht schlafen. Er wird von merkwürdigen Ohrgeräuschen gepeinigt, die ihn in eine tiefe Depression stürzen. Dass seine Frau um jeden Preis ein Kind von ihm will und ihm ein junger ehrgeiziger Kollege in seine Recherchen im rechtsextremen Milieu hineinpfuscht, macht es nicht besser. Da erfährt er, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er rafft sich auf und macht sich auf den Weg zurück in den Ort seiner Kindheit. Ein paar Tage ist er mit seiner Mutter allein. Dann kommen sie, die Besucher, und nehmen das ganze Haus in Beschlag. Sie sind überall: im Keller, in den Zimmern, auf dem Dachboden. Niemand weiß, woher sie kommen, niemand weiß, was sie wollen. Eine Ärztin, die Martin noch aus Jugendtagen kennt, ruft ihn an sie hat eine rätselhafte Entdeckung gemacht. Ein Alptraum beginnt.

Meine Buchbesprechung:
Schlaflos liegt der Journalist Martin Koller in seinem Krankenhausbett und quält sich mit einem Hörsturz herum. In seinem Innenohr vernimmt Martin ein ständiges lautes Rauschen, welches ihn fast um den Verstand bringt und dafür sorgt, dass er seit Tagen kein Auge mehr zugemacht hat. Laut den Ärzten ist die Erkrankung auf Stress zurückzuführen und zudem mit einem schweren Burn-Out verbunden. Martin braucht Ruhe und Erholung, doch die Geräusche in seinem Ohr machen jede Art von Entspannung unmöglich. Selbst schwere Medikamente wie Antidepressiva und Schlafmittel verschaffen ihm keine Linderung, doch trotzdem wird er schließlich aus dem Krankenhaus entlassen.

Geplagt von Krankheit und den Problemen des Alltages

Wieder zuhause wird Martins Situation aber nur noch schlimmer. Das Verhältnis zu seiner Ehefrau Paula ist stark angespannt – seit langer Zeit fühlt er sich von ihrem enormen Kinderwunsch in die Ecke gedrängt – und auch beruflich läuft es für den Journalist momentan alles andere als glatt. Während seines Krankenhausaufenthaltes hat ein aufstrebender Volontär Martins Aufgabenbereich an sich gerissen und dank dessen enger Verbindung zum Redaktionschef droht ihm nun die Kündigung. Zu allem Überfluss wird Martin in seinem angeschlagenen Zustand auch noch mit der Pflege seiner todkranken Mutter betraut, da seine Schwester für eine Woche zur Kur fährt…

Wenig Mystery trotz düsterer und kühler Atmosphäre

Von den Mystery-Elementen, die im Klappentext zu Kurt Palms neuem Roman „Die Besucher“ angedeutet werden, ist zu Beginn der Geschichte erst einmal überhaupt nichts zu spüren. Zwar geht es der Hauptfigur Martin Koller sehr schlecht und er hört merkwürdige Geräusche, diese lassen sich aber völlig plausibel mit der Diagnose Hörstürz begründen. Auch die folgenden Kapitel lassen eher auf einen gewöhnlichen Roman schließen, in welchem vorrangig die Alltagsprobleme eines erwachsenen Mannes thematisiert werden. Beziehungsstress, Ärger am Arbeitsplatz, Familienstreitigkeiten und Krankheit – recht schnell wird deutlich, dass Palms Werk nicht gerade für Wohlfühl-Atmosphäre sorgt. Ganz im Gegenteil: Alles wirkt unterkühlt und distanziert und Martins persönlichere Misere überträgt sich sehr schnell auch auf den Leser. Der Protagonist befindet sich scheinbar unaufhaltsam in einer Abwärtsspirale, in der sein ganzes Leben aus dem Ruder zu laufen droht.

Eigenwilliger Schreibstil spiegelt die innere Zerrissenheit der Hauptfigur wieder

Diese Leidensgeschichte, welche sich immer mehr zu einem Albtraum entwickelt, wird von Kurt Palm äußerst eindringlich geschildert. Viele Erzählstränge werden angefangen und dann wieder fallengelassen, alles wirkt ein wenig bruchstückhaft und zwischendurch schiebt der Autor immer wieder kurze aber knackige Traumsequenzen ein, welche ebenfalls zunehmend düsterer werden. Dieses leichte Durcheinander spiegelt aber sehr treffend den Zustand der Hauptfigur wieder, die sich aufgrund ihrer Depressionen auf gar nichts richtig konzentrieren kann. Trotzdem prasselt es von allen Seiten auf ihn ein.

Die Hauptfigur: Zwischen Ablehnung und Mitleid

Ein Sympathieträger ist die Figur des Martin Koller dabei auf gar keinen Fall, doch dazu ist sie vom Autor auch nicht vorgesehen. Martin wirkt sehr unzufrieden, ich-bezogen und frustriert, was zuweilen auch zu sehr unwirschen Reaktionen gegenüber seinen Mitmenschen führt. Zudem betrügt er ohne Gewissensbisse seine Ehefrau mit einer belanglosen Affäre und schert sich ohnehin nicht allzu sehr um die Gefühle der ihn umgebenden Personen. Als Leser ist man immer hin- und hergerissen zwischen Abneigung wegen seines Verhaltens und Mitleid aufgrund seiner ernsthaften Erkrankung.

Grenzen zwischen Realität und Paranoia verschwimmen

Wirklich spannend ist Martins Leidensgeschichte eigentlich nicht, doch trotzdem schafft es „Die Besucher“, den Leser auf eigenartige Art und Weise in seinen Bann zu ziehen. Der Roman ist schlicht und schnörkellos geschrieben und lässt sich trotz ernster Themen wie Burn-Out-Erkrankung, Depression, Krankheit und Tod recht flüssig lesen. Dabei wird die Geschichte so gut wie nie sentimental, denn durch Martins ablehnende Haltung verfolgt man das Geschehen fast ebenso distanziert wie die Hauptfigur. Nach mehr als drei Vierteln der Handlung vernimmt der Leser dann langsam auch die ersten mysteriösen Vorkommnisse. Diese kommen wie aus dem Nichts und sorgen für eine weitere Intensivierung des Albtraums. Man weiß nie genau, ob diese Geschehnisse tatsächlich passieren oder ob Martins Beobachtungen möglicherweise auch auf seine Depression und den Medikamentenkonsum zurückzuführen sind. In seinen besten Momenten wirkt „Die Besucher“ fast wie aus einem David-Lynch-Film entnommen: Alles erscheint befremdlich und die Grenzen zwischen Realität und Paranoia verschwimmen zusehends. Dieser Stil zieht sich bis zum Ende durch und lässt den Leser am Schluss ein wenig ratlos, irritiert und unbefriedigt zurück. Viele Fragen bleiben offen und hätten eigentlich einer näheren Erklärung bedurft, doch andererseits wirkt die Geschichte so auch noch ein wenig nach und hält den Leser noch einen Moment gefangen, was nun auch nicht schlecht sein muss.

Schlussfazit:
Kurt Palms „Die Besucher“ hat einen etwas eigenwilligen Stil, ist aber nicht ganz so abgehoben wie ich es erwartet und ehrlich gesagt auch ein wenig befürchtet habe. Die kalte und dunkle Stimmung des Romans nimmt den Leser recht schnell gefangen und zieht ihn mit in den persönlichen Albtraum der Hauptfigur. Zu der unwirtlichen und trostlosen Atmosphäre tragen auch die behandelten Themen wie Depression und Angst einiges bei, ohne dass die Geschichte jedoch rührselig oder gar berührend wirkt.

Ungewöhnlicher Roman abseits des Mainstreams mit unbefriedigender Auflösung

„Die Besucher“ ist trotz des etwas irreführenden (und meiner Meinung nach deutlich zu viel vorwegnehmenden) Klappentextes kein Mystery-Thriller, sondern ein düsterer Roman über den Horror des Alltages, der sich erst sehr spät in eine etwas abgehobene und verwirrende Richtung entwickelt. Leider lässt das sehr lose Ende der Geschichte in meinen Augen zu viele Fragen offen, etwas mehr Hilfestellung hätte ich mir vom Autor schon erhofft. Wer mit ungewöhnlichen und tristen Stoffen etwas anfangen kann, dem könnte Kurt Palms Roman möglicherweise gefallen. Für die breite Masse ist „Die Besucher“ aber vermutlich ein wenig zu experimentell. Den happigen Verkaufspreis von knapp 22 Euro finde ich für den recht geringen Umfang aber deutlich überzogen.

Meine Wertung: 7/10

Informationen:
Der Titel „Die Besucher“ von Kurt Palm ist im Residenz Verlag erschienen und hat einen Umfang von 280 Seiten. Das Buch kann für 21,90 € hier bestellt werden. An dieser Stelle auch vielen Dank an den den Residenz Verlag und Bloggdeinbuch.de, die mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben!


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