Opiummörder_Rezi

London, 1854: Ein Mann betritt ein Ladengeschäft in einem der zwielichtigeren Viertel der englischen Hauptstadt, gibt sich als interessierter Kunde aus und gewinnt unter diesem Vorwand das Vertrauen des Verkäufers. Als sich der Ladenbesitzer umdreht, schließt der Fremde seelenruhig die Ladentür ab, zieht einen Zimmermannshammer hervor und erschlägt den Verkäufer, bevor er ihm mit einem Messer noch die Kehle durchschneidet. Anschließend dringt der Mörder vor in die Privaträume seines Opfers und tötet auf die gleiche grausame Weise dessen Frau, seine kleine Tochter, das Dienstmädchen und sogar das Neugeborene der Familie, das in seinem Kinderbett einen brutalen und viel zu frühen Tod findet. Zwar wird der Killer anschließend vom Bruder des Ladenbesitzers überrascht, kann diesem und der herbeigerufenen Polizei aber unerkannt durch den Hinterausgang entkommen. Bei der anschließenden Untersuchung des Tatortes und der Leichen bietet sich den Ermittlern nicht nur ein Bild des Schreckens, der Tathergang ruft zudem die Erinnerungen an eine ähnliche Bluttat hervor, die sich einige Jahre zuvor in London abgespielt hat und die erst kurz zuvor von einem skandalumwitterten Schriftsteller in einem seiner Werke thematisiert wurde – hat der Täter sich diese Abhandlung zum Vorbild genommen oder wurde der Autor gar selbst zum kaltblütigen Killer?

Zwei grausige Londoner Bluttaten des 19. Jahrhunderts als Grundlage dieses historischen Krimis

Am 7. Dezember 1811 wurde London von einem grausamen Verbrechen erschüttert: Ein Stoffhändler, seine Frau, ihr neugeborenes Kind und der Lehrling des Ladenbesitzers wurden mitten in der Nacht in ihrem Heim überfallen und ermordet – ein Massaker, das als „die Morde von Ratcliffe Highway“ in die britische Kriminalgeschichte einging. Nur wenige Tage fanden drei weitere Menschen in einer Gaststätte auf nahezu identische Weise den Tod. Für die Morde wurde kurz darauf der Seemann John Williams verhaftet, der wenig später in seiner Gefängniszelle Selbstmord beging, was von den damaligen Ermittlern und der Öffentlichkeit als klares Schuldeingeständnis betrachtet wurde. Aus heutiger Sicht gibt es jedoch starke Zweifel an der tatsächlichen Schuld des Verdächtigen – ein Umstand, dessen sich auch der kanadische Autor David Morrell annahm, welcher die „Morde von Ratcliffe Highway“ seinem historischen Kriminalroman „Der Opiummörder“ zu Grunde legte und seine Geschichte mit einem Verbrechen beginnt, welches sich zwar mehr als vier Jahrzehnte nach den beiden Bluttaten des Dezembers 1811 abspielt, dafür aber auf verblüffende und erschreckende Weise an die vermeintlichen Morde von John Williams erinnert. Und auch Morrells Hauptfigur, der aus Manchester stammende Schriftsteller Thomas De Quincey, hat im frühen 19. Jahrhundert tatsächlich gelebt – allerdings tritt dieser in der Geschichte zunächst in etwas überraschender Funktion auf: De Quincey nimmt nämlich im Fall der neuerlichen Bluttat nicht etwa die Ermittlerrolle ein, sondern findet sich selbst plötzlich als Hauptverdächtiger wieder. Diese missliche Lage verdankt der Autor seinem bekanntesten Werk, dem autobiographischen Buch „Bekenntnisse eines englischen Opiumessers“, in dem er nicht nur seine eigene Abhängigkeit von der Hauptdroge des viktorianischen Zeitalters eingesteht, sondern auch auf nahezu skandalöse Weise und unter der Überschrift „Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet“ regelrecht fasziniert die Morde des Ratcliffe-Highway-Killers analysiert – selbst dieses Schriftstück ist historisch verbürgt.

Eine Mordermittlung als lehrreiche Geschichtsstunde

Man könnte „Der Opiummörder“ also fast als kleine kriminalistische Geschichtsstunde bezeichnen und läge damit gar nicht mal so falsch, denn auch im Verlauf der Handlung ist David Morrell sehr um historische Authentizität und ein glaubwürdiges Setting bemüht. So tauchen nicht nur weitere real existierende Persönlichkeiten der damaligen Zeit in so manchen Nebenrollen auf, auch sonst versucht der Autor häufig, seinen Lesern viel Hintergrundwissen über Schauplätze, Ermittlungsmethoden oder ganz alltägliche Dinge des viktorianischen Zeitalters zu vermitteln – sei es die Herkunft der Bezeichnung „Scotland Yard“, die morbide Entstehungsgeschichte von Madame Tussauds weltberühmten Wachsfigurenkabinett oder das Gewicht an Kleidung, welches eine gesellschaftlich angesehene Frau damals Tag für Tag mit sich herumschleppen musste. Dies alles könnte den Anschein einer drögen Lehrstunde erwecken, allerdings streut Morrell diese zumeist wirklich interessanten Fakten wohldosiert im Verlauf der Geschichte ein und erzeugt dadurch insgesamt eine sehr stimmige Atmosphäre, die es einem wirklich ermöglicht, selbst ins London des Jahres 1854 einzutauchen.

Ein packender und zugleich lehrreicher Historienkrimi

Nichtsdestotrotz bedarf es aber auch einer spannenden Story, um das Publikum bei der Stange zu halten und auch hier hat David Morrell gute Arbeit geleistet. Der Fall ist trotz der beängstigenden Präzision und der Kaltblütigkeit des Killers zwar nicht außergewöhnlich spektakulär und von allerhöchstem Anspruch für den geübten Hobbyermittler, bewegt sich aber durchgängig auf einem angenehmen Spannungsniveau und ist nicht nur schlüssig konstruiert, sondern auch geschickt mit den tatsächlichen Ratcliffe-Highway-Morden verwoben. Auch was die Charaktere betrifft kann der Roman fast durchweg überzeugen: vor allem der opiumabhängige Thomas De Quincey gibt eine hochinteressante Persönlichkeit ab und wirkt mit seinen Täteranalysen wie ein Vorgänger der heutigen Profiler, doch seine ebenso wissbegierige wie patente Tochter steht ihm fast in nichts nach und gewinnt mit ihrer aufgeschlossenen und unerschrockenen Art viele Sympathiepunkte. Lediglich der vermeintliche Hauptermittler Shawn Ryan fällt auf Seiten von Scotland Yard ein wenig ab und hinterlässt keinen nachhaltigen Eindruck, dafür empfiehlt sich der aufstrebende Constable Becker für höhere Aufgaben im nächsten Band, denn im englischen Original ist mit „Inspector of the Dead“ bereits der zweite Fall für Thomas De Quincey erschienen – und das ist auch gut so, denn „Der Opiummörder“ ist ein wirklich packender und zudem ungemein informativer Roman und sollte damit für Fans historischer Krimis zum Pflichtprogramm werden. Eine ganz klare Empfehlung gibt es auch für die Hörbuchfassung des Romans, in der sich Erich Räuker wie schon bei den Sherlock-Holmes-Abenteuern beinahe als Idealbesetzung solch historischer Stoffe erweist und mit seiner erzählerischen Eleganz perfekt zur Geschichte passt – lediglich ein wenig mehr Variation wäre bei der Vielzahl an Charakteren manchmal wünschenswert.

Der Opiummörder (Thomas De Quincey #1)
  • Autor:
  • Sprecher: Erich Räuker
  • Original Titel: Murder as a Fine Art
  • Reihe: Thomas De Quincey #1
  • Länge: 14 Std. 3 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 10. Dezember 2015
  • Preis 21,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
8/10
Fazit:
David Morrell erzählt mit „Der Opiummörder“ einen spannenden und auf historischen Tatsachen beruhenden Kriminalfall und überzeugt dabei mit einer schlüssigen Story, interessanten und zugleich sympathischen Charakteren und einer sehr stimmigen Atmosphäre, die ein Resultat von Morrells detaillierten Beschreibungen und unterhaltsam vermitteltem Hintergrundwissen sind – ein packender und zugleich lehrreicher Historienkrimi!

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