Autorin: Aline Kiner
Umfang: 256 Seiten
Verlag: List Taschenbuch
Erscheinungsdatum: 10. August 2012

Klappentext:
Rätselhafte Symbole auf dem Friedhof von Varange, eine mysteriöse Statue und eine junge Frau, brutal ermordet und in einer Felsspalte verborgen. Ein schwerer erster Fall für Kommissar Simon Dreemer, der soeben aus Paris in die Provinz strafversetzt worden ist. Die Ermittlungen führen ihn in einen Sumpf aus Verrat, Gewalt und Eifersucht. Denn die Bewohner des lothringischen Dorfes hüten ein dunkles Geheimnis, das weit in der Vergangenheit liegt und bis heute Opfer fordert.

Meine Buchbesprechung:
Frankreich am Heiligen Abend des Jahres 1944: Der Zweite Weltkrieg neigt sich langsam dem Ende zu und die deutschen Truppen haben das französische Dorf Varange bereits vor Monaten wieder verlassen. In der voll besetzten Kirche feiern die Einwohner das erste Weihnachtsfest seit der Befreiung, darunter auch Mathilde und ihr Mann Johann. Als die Messe zu Ende ist und sich die Menschen aus der Kirche drängen, verliert Mathilde Johann plötzlich aus den Augen. Weil sie ihn am Kirchengebäude nicht finden kann, verlagert sie ihre Suche auf den Friedhof, wo sich das Grab seiner Eltern befindet. Dort findet sie ihn schließlich auch – tot und an einem Baum hängend, unter ihm ein Schild mit den Worten “Der Strick für Kollaborateure”.

Der Mord an einem jungen Mädchen in der französischen Provinz wirft Fragen auf

Mehr als 60 Jahre später wird der Pariser Kommissar Simon Dreemer aus der Hauptstadt in die französische Provinz strafversetzt, nachdem er sich bei seinem letzten Fall eine folgenschwere Verfehlung geleistet hatte. Kaum ist er in Metz angekommen, wird er von seinem neuen Vorgesetzten Kowalski auch schon zu einem frischen Tatort mitgeschleift. Im etwas weiter außerhalb gelegenen Varange wurde die Leiche eines jungen Mädchens in einer Bodenspalte aufgefunden, erstickt und an Händen und Füßen gefesselt. Gemeinsam mit seiner neuen Kollegin Jeanne Modover nimmt Dreemer die Ermittlungen auf und stößt im Umfeld der Toten auf einige Auffälligkeiten. Im Zimmer des Mädchens finden die beiden teure Kleidung und Parfum, das für eine 17-Jährige eigentlich deutlich zu kostspielig ist, außerdem scheint das Verhältnis zwischen Eltern und Tochter vor ihrem Tod äußerst angespannt gewesen zu sein. Darüber hinaus entdecken Simon und Jeanne Gemeinsamkeiten zu einem ähnlichen Todesfall, der sich vor elf Jahren an gleicher Stelle ereignet hat…

Lothringen – eine Grenzregion mit bewegter Vergangenheit und Schauplatz der Geschichte

„Galgenmann“, der neue Kriminalroman der Französin Aline Kiner, verschlägt seine Leser nach Lothringen, einer Region mit bewegter Vergangenheit. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurde das Gebiet dem Deutschen Reich angeschlossen und spielte auch in den beiden nachfolgenden Weltkriegen eine bedeutende Rolle. Nachdem Lothringen 1918 wieder in französischen Besitz überging, wurde das Gebiet im Zweiten Weltkrieg lange von der deutschen Wehrmacht besetzt. Kiners Geschichte setzt mit dem Prolog am Ende dieser Besatzung ein und beginnt mit dem Lynchmord an einem vermeintlichen Kollaborateur, der mit den Nationalsozialisten Geschäfte gemacht haben und dadurch im Krieg der Deportation in die Konzentrationslager entgangen sein soll – was bei vielen Anhängern der Widerstandsbewegung natürlich für Hass und Empörung gesorgt hat. Dieser geschichtliche Hintergrund verpasst der Story einen interessanten Gesichtspunkt, und das obwohl die eigentliche Handlung noch gar nicht angefangen hat.

Anschließend gerät die Nachkriegszeit jedoch erst einmal für eine ganze Weile in Vergessenheit und die jüngere Geschichte der Region wird in den Fokus des Buches gerückt. Lothringens Vergangenheit wurde ebenso von der Stahl- und Eisenindustrie und dem Bergbau geprägt, sodass sich dort auch heute noch viele alte Minen befinden, so auch in Varange, dem Schauplatz von „Galgenmann“. Viele der Bewohner sind unter dem Einfluss des Bergbaus aufgewachsen und haben dadurch zum Teil ein tragisches Schicksal vorzuweisen. Nicht wenige Familien haben ihre Ehemänner und Väter bei Minenunglücken verloren und nun leidet die Region an den Spätfolgen dieser Zeit. Wohngebiete sind durch Bergbauschäden vom Einsturz bedroht, zudem sorgt eine mögliche Flutung der alten Stollen bei den Menschen in Varange für Unruhe. Aline Kiner gelingt es sehr gut, diesen Hintergrund in ihre Geschichte einzupflegen und profitiert dabei sicherlich auch von ihren eigenen Erfahrungen, da sie selbst als Kind eines Minenarbeiters in Lothringen aufgewachsen ist. Der Roman erzeugt dadurch eine sehr intensive Atmosphäre, geprägt von Ressentiments, Unsicherheit und Zukunftsangst.

Gemächlich und unspektakulär erzählter Kriminalfall

Auch der Kriminalfall lässt sich zunächst gut an: Ein Kommissar aus der großen Hauptstadt Paris muss sich in eine neue Umgebung und ein neues Team eingewöhnen und wird direkt mit dem ersten Mordfall konfrontiert. Allerdings braucht Aline Kiner nach dem Leichenfund lange, bis sie ihre Geschichte in eine konkrete Richtung lenken kann. Die Story plätschert eine ganze Weile vor sich hin, bis nach und nach die ersten Hinweise verteilt werden: Ein Jahre zurückliegender Unfalltod eines Mädchens weist bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu dem neuerlichen Mord auf, zudem finden sich auf dem Dorffriedhof rätselhafte Symbole, die möglicherweise im Zusammenhang mit der Tat stehen können. Eine wichtige Rolle nimmt dabei der Dieu Piteux, eine alte Steinstatue ein, der die Vergangenheit der Region verkörpert wie kaum ein zweiter Ort und im Laufe der Ermittlungen immer wieder ins Blickfeld gerät. Allerdings bleibt die Autorin über die gesamte Länge des Buches bei der ruhigen und unspektakulären Erzählweise, was auf der einen Seite recht angenehm ist, weil „Galgenmann“ dadurch nicht so aufdringlich ist und der Leser die Geschichte in aller Ruhe auf sich wirken lassen kann. Andererseits lässt Kiner dadurch auch viel Potenzial liegen und schafft es so leider nicht, die Geschichte aus dem Mittelmaß herauszuheben.

Viele gute Ansätze werden vernachlässigt, Potenzial leichtfertig verschenkt

Das liegt vor allem daran, dass der Kriminalroman oft irgendwie unfertig wirkt. Aline Kiner hat zwar einige gute Ideen, setzt diese aber meist nur halbherzig um. Dies fängt an bei den Protagonisten der Geschichte. Simon Dreemer wurde in die Provinz versetzt, weil er im Fall eines unter zweifelhaften Umständen ums Leben gekommenen Jungen die Eltern so lange mit seinen Verdächtigungen unter Druck gesetzt hat, bis die Mutter schließlich einen Selbstmordversuch unternahm. Wer nun darauf spekuliert, dass Kiner diese Vorgeschichte im späteren Verlauf noch näher ausführt, hat sich jedoch getäuscht: Fast beiläufig wird diese Angelegenheit mit einem kurzen Nebensatz aus der Welt geschafft, was beinahe so wirkt, als wäre der Autorin mittendrin eingefallen, dass sie hier noch einen angefangenen Ansatz zu Ende bringen müsste. Gleiches gilt für die Figurenkonstellation, inbesondere für das Verhältnis zwischen Simon Dreemer und seiner neuen Partnerin. Die Chemie zwischen den beiden stimmt lange Zeit nicht wirklich und Kiner macht immer wieder Andeutungen zur Vergangenheit der Charaktere, rückt damit aber dann wieder nicht heraus sondern lässt diese offenen Fragen im Sande verlaufen. Der größte Fauxpas ist allerdings, dass alle Passagen, die Spannung versprechen und die gemächlich erzählte Geschichte ein wenig aufpeppen könnten, entweder im Ansatz erstickt oder gleich ganz übersprungen werden. So finden die Ermittler beispielsweise im Haus eines Verdächtigen belastende Indizien. Während man nun erwartet, dass Dreemer und Co. ihn anschließend damit konfrontieren würden, springt Kiner umgehend weiter und verrät direkt im nächsten Satz den Ausgang des (nicht weiter erwähnten) Verhörs. Ebenso verhält es sich bei einer der wenigen dramatischen Stellen des Buches: Eine Person wird vermisst, die Ermittler stoßen auf ein leises Lebenszeichen – und schwupps, schon befindet man sich im Krankenhaus. Die Rettungsaktion, welche zu einem echten Spannungshöhepunkt hätte werden können, wird komplett übergangen. Man fühlt sich dabei als Leser irgendwie, als würde man einen zensierten Film gucken, bei dem alle spannenden Szenen herausgeschnitten wurden.

Schlussfazit:
„Galgenmann“ von Aline Kiner ist gewiss kein schlechter Kriminalroman: Der geschilderte Fall ist an sich solide konstruiert und bietet die ein oder andere gelungene Wendung, wenngleich der Täter meiner Meinung nach alles andere als unvorhersehbar ist. Zudem punktet der Roman durch die wirklich gelungene und bedrückende Atmosphäre und dem interessanten geschichtlichen Hintergrund unter Berücksichtigung der Nachkriegszeit und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der französischen Grenzregion, der auch glaubwürdig in den Handlungsrahmen integriert wird.

Unfertig wirkender französischer Krimi, der leider viel zu oberflächlich bleibt

Allerdings hat das Buch ein großes Problem: Es ist mit nur 256 Seiten einfach viel zu kurz. Zwar sorgt der vergleichsweise geringe Umfang dafür, dass trotz der ruhigen und bedächtigen Erzählweise kein großer Leerlauf entsteht, andererseits fehlt einfach der Raum, um alle aufgeworfenen Fragen zufriedenstellend zu beantworten oder die angefangenen Ansätze näher auszuarbeiten. Irgendwie wirkt alles ein wenig oberflächlich, seien es die blassen Hauptfiguren oder die Story selbst, die zu keiner Zeit echten Tiefgang aufweist. Selbst die interessante Vorgeschichte wird nur kurz angerissen, hier wäre jedoch noch viel mehr Potenzial vorhanden gewesen. Hundert Seiten mehr, und „Galgenmann“ hätte ohne große Mühe ein guter französischer Kriminalroman werden können. So bleibt aber letzten Endes ein irgendwie unfertiges Werk mit vielen guten Ideen, die aber nicht konsequent genug umgesetzt wurden. Das ist schade, denn Aline Kiner hat hier eine große Chance vertan und so ist „Galgenmann“ nicht viel mehr als eine nette Lektüre für zwischendurch, die jedoch kaum lange im Gedächtnis bleiben wird.

Meine Wertung: 6/10

Informationen:
„Galgenmann” von Aline Kiner ist im List Taschenbuch Verlag erschienen und hat einen Umfang von 256 Seiten. Das Buch ist für 8,99 € als Taschenbuch erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage. An dieser Stelle auch noch ein Dankeschön an List Taschenbuch sowie vorablesen.de, die mir das Buch vorab zum Rezensieren zur Verfügung gestellt haben.


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