Autor: Ferdinand von Schirach
Umfang: 208 Seiten
Verlag: Piper
Erscheinungsdatum: September 2011

Klappentext:
34 Jahre hat der Italiener Fabrizio Collini als Werkzeugmacher bei Mercedes-Benz gearbeitet. Unauffällig und unbescholten. Und dann ermordet er in einem Berliner Luxushotel einen alten Mann. Grundlos, wie es scheint. Der junge Anwalt Caspar Leinen bekommt die Pflichtverteidigung in diesem Fall zugewiesen. Was für ihn zunächst wie eine vielversprechende Karrierechance aussieht, wird zu einem Albtraum, als er erfährt, wer das Mordopfer ist: Der Tote, ein angesehener deutscher Industrieller, ist der Großvater seines besten Freundes; in Leinens Erinnerung ein freundlicher, warmherziger Mensch. Wieder und wieder versucht er die Tat zu verstehen. Vergeblich, denn Collini gesteht zwar den Mord, aber zu seinem Motiv schweigt er. Und so muss Leinen einen Mann verteidigen, der nicht verteidigt werden will. Ein zunächst aussichtsloses Unterfangen, aber schließlich stößt er auf eine Spur, die weit hinausgeht über den Fall Collini und Leinen mitten hineinführt in ein erschreckendes Kapitel deutscher Justizgeschichte …

Zum Roman:
Ein älterer Mann klopft an die Zimmertür eines 85-jährigen Großindustriellen im Berliner Hotel Adlon und gibt sich als Journalist aus, der mit dem Bewohner der luxuriösen Suite ein Interview für den „Corriere della Sera“ führen möchte. Hans Meyer ist über den Termin informiert und bittet seinen Gast herein. Zwanzig Minuten später ist Meyer tot, getötet durch vier Schüsse in den Hinterkopf. Sein Mörder tritt anschließend solange auf das Gesicht des Toten ein, bis der Absatz seines Schuhs abbricht. Anschließend stellt sich der Täter, der Italiener Fabrizio Collini, widerstandslos der Polizei und gesteht das grausame Verbrechen.

Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen übernimmt die Verteidigung Collinis und macht sich mit dem Fall vertraut. Als er seinen Klienten jedoch nach dem Motiv für den Mord fragt, schweigt dieser vehement. So scheint Leinens Auftrag ein aussichtsloses Unterfangen, denn an der Schuld des Italieners gibt es nicht den geringsten Zweifel. Doch was treibt einen Rentner, der in seinem Leben über 30 Jahre lang als Werkzeugmacher bei Daimler gearbeitet, zu solch einer kaltblütigen Tat?

Für Leinen ist der Fall Collini der erste große Fall nach seinem Abschluss und dieser bekommt für ihn zudem eine ganz persönliche Note. Hans Meyer stellt sich nämlich schnell als Großvater von Caspars Jugendfreund heraus, der vor vielen Jahren tragisch ums Leben gekommen ist. Leinen hat den Mann als sehr gutmütigen und sympathischen Menschen in Erinnerung, der in seinen Kindertagen viel Zeit mit ihm verbracht hat und für ihn fast eine Art Vaterersatz war. So fällt es dem Greenhorn zunächst schwer dessen Mörder zu verteidigen, er entschließt sich aber aus professioneller Überzeugung trotzdem dazu, das Mandat zu behalten. Nun beginnt für Caspar eine mühsame Spurensuche nach der alles entscheidenden Frage, nämlich der nach dem Motiv für Collinis Wahnsinnstat…

„Der Fall Collini“ ist der erste Roman des bekannten deutschen Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, der zuvor schon die beiden Kurzgeschichten-Sammlungen „Verbrechen“ und „Schuld“ veröffentlicht hatte. Somit schreibt hier ein Mann vom Fach, was man dem Buch über die gesamte Länge auch anmerkt. Schirachs Schreibstil ist sehr sachlich und präzise, beinahe schon emotionslos. Jeder Satz sitzt punktgenau und der Autor benutzt kein Wort zuviel. Er verzichtet auf unnötige Gefühlsduselei und legt den Fokus viel mehr auf Fakten. Folglich legt der Roman auch ein recht hohes Tempo vor, was aufgrund des verhältnismäßig geringen Umfangs mit nur knapp 200 Seiten durchaus begrüßenswert ist.

Auch über seine Protagonisten verliert Schirach nur wenige Sätze, der Hintergrund der handelnden Figuren und damit alles Wissenswerte wird zu Beginn kurz abgehandelt. Zudem bleibt der Personenkreis der Handlung auch recht übersichtlich. Neben der Hauptfigur des jungen Anwalts spielen eigentlich nur sein „Gegenspieler“ Dr. Richard Mattinger, der Vertreter der Nebenkläger – die Firma des Opfers – und der Täter, Fabrizio Collini eine bedeutende Rolle. Mattinger wird dabei als Staranwalt dargestellt, der noch nie einen Mordprozess verloren hat. Trotz der beruflichen Rivalität fungiert dieser jedoch als eine Art Mentor für den Berufsanfänger Caspar Leinen und steht diesem oft mit Ratschlägen zur Seite. Über den Mörder Collini weiß man bis kurz vor Schluss nicht viel, lediglich seine berufliche Laufbahn ist dem Leser bekannt. In einer Nebenrolle taucht zudem noch Johanna Meyer auf, die Enkelin des Ermordeten und Jugendliebe Leinens.

Über die Hintergründe der Tat lässt Schirach seine Leser lange im Ungewissen, schlägt dann aber umso eindringlicher zu. Diese sind nämlich dermaßen schockierend und unfassbar, dass es einem schlicht den Atem raubt. Ich möchte an dieser Stelle nicht zuviel verraten, da die Frage nach dem Motiv der zentrale Punkt dieses Romans ist. Daher sei nur gesagt, dass Schirach ein sehr dunkles Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte und einen aus heutiger Sicht unglaublichen Justiz-Skandal aufgreift. So wird man als Leser am Ende sprachlos und ungläubig zurückgelassen und hängt dem Buch vermutlich noch eine Weile gedanklich nach.

Mein Fazit:
Aufgrund der vielen guten Kritiken hatte ich sehr hohe Erwartungen an Ferdinand von Schirachs Romandebüt und wurde nicht enttäuscht. Bereits nach den ersten Seiten ist man in die Geschichte eingetaucht und wird so schnell auch nicht wieder losgelassen. Ich habe das Buch innerhalb von drei Stunden durchgelesen und konnte den Roman zum Ende hin einfach nicht mehr aus der Hand legen. „Der Fall Collini“ ist gut recherchiert, glaubwürdig, faszinierend, fesselnd, dramatisch und schockierend und überzeugt von Anfang bis zum sehr konsequenten Ende. Einziger Kritikpunkt ist der aus meiner Sicht nicht ganz nachvollziehbare Moment, der die Geschichte plötzlich wendet und den jungen Anwalt auf die Spur der Hintergründe der grausamen Tat führt. Hier hätte man für Unwissende etwas mehr Hilfestellung geben können, da es wirklich nur ein winziges Detail ist, das zur Aufdeckung des Tatmotivs verhilft. Ansonsten ist „Der Fall Collini“ aber uneingeschränkt empfehlenswert. Man sollte sich hier auch vom recht hohen Preis (fast 17 Euro für nur 208 Seiten) nicht abschrecken lassen, denn Ferdinand von Schirachs Buch ist zwar kurz, aber dafür umso intensiver.

Meine Wertung: 9/10

Informationen:
„Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach ist im Piper Verlag erschienen und hat einen Umfang von 208 Seiten. Das Buch ist für 16,99 € als gebundene Ausgabe erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage.


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