Autor: Christoph Scholder
Sprecher: Detlef Bierstedt
Länge: 16 Std. 56 Min (ungekürzt)

Zur Handlung (Beschreibung von audible.de):
Der zweite Wiesn-Sonntag. Weiß-blau erstreckt sich der Himmel über München, Tausende strömen auf das größte Volksfest der Welt. Partystimmung, so weit das Auge reicht, ausgelassen tanzen die Leute in den riesigen Zelten. Niemand ahnt, dass dieser Nachmittag um exakt vier Minuten vor sechs in einem Höllenszenario enden wird. Denn genau zu diesem Zeitpunkt gibt Oleg Blochin, der skrupellose Kommandeur einer russischen Elite-Soldateska, seinen Männern den Befehl, das Betäubungsgas im ersten Bierzelt freizusetzen. Und das ist erst der Anfang: Schlag auf Schlag geht es weiter, 70 000 Menschen werden zu Geiseln in einem hochriskanten Spiel auf Leben und Tod…

Zum Hörbuch:
Die Kurzbeschreibung zum Thriller „Oktoberfest“ hat mich wirklich neugierig gemacht. Ein Terrorismus-Szenario auf deutschem Boden, von einem deutschen Autor – klang für mich vielversprechend nach „Tom Clancy in deutsch“. Leider weit gefehlt – doch dazu später mehr…

Das knapp 17 Stunden lange Hörbuch beginnt mit einer Einführung der wichtigsten Figuren. Im Zentrum stehen dabei zunächst Karl Romberg und Werner Vogel. Es wird dabei im Detail berichtet, wie sich die beiden kennengelernt haben, wie sie zu Geschäftspartnern wurden, über die ersten Versuche, sich im Logistikbusiness zu etablieren, die Verhandlungen mit Kunden… gähn. Man hat fast zwei Stunden lang keinen Schimmer, wo das hinführen soll. Zwischendurch werden immer mal wirre Rückblenden über Operationen in Afghanistan und der Sowjetunion eingestreut, doch auch dort tappt der Hörer erst einmal im Dunkeln. Dann jedoch nimmt die Handlung langsam – und ich meine wirklich langsam – das Oktoberfest ins Visier. Zunächst wird natürlich erzählt, wie Romberg und Vogel den Auftrag an Land ziehen, die Festzelte auf der Wiesn mit Fleischwaren zu beliefern. Und dann endlich – nach ca. 3 Stunden – passiert das, was in der Beschreibung so reißerisch angekündigt wird: Russische Terroristen setzen in einem Bierzelt ein gefährliches Betäubungsgas frei und nehmen 70 000 Oktoberfest-Besucher als ihre Geiseln. Ihr Ziel ist die Erpressung von Diamanten im Wert von Milliarden.

Was zunächst packend und schockierend klingt, entpuppt sich dann jedoch als überraschend spannungsarm. Kurze Zeit nach der Geiselnahme sterben die ersten Besucher durch den Gasanschlag, und zwar gleich mal 2000 Menschen auf einen Schlag. Komischerweise scheint das jedoch keinen der Protagonisten sonderlich zu schockieren. Das muss man sich einmal vor Augen halten: 2000 Tote, ein Anschlag fast von den Ausmaßen des 11. Septembers, welcher weltweit für Entsetzen und Trauer unbekannten Ausmaßes gesorgt hat. Doch das Oktoberfestmassaker wird so dramatisch geschildert wie eine x-beliebige Geiselnahme in einer Bank in Hintertupfingen. Auf die Opfer wird so gut wie gar nicht eingegangen, ebenso gibt es kaum Reaktionen der Öffentlichkeit auf dieses schreckliche Ereignis. Nur eine Reporterin einer bekannten Tageszeitung (was so dermaßen offensichtlich die BILD-Zeitung darstellen soll) kümmert sich um die Berichterstattung. ZUFÄLLIG ist diese auch die neue Flamme von Werner Vogel, welcher ebenfalls in der Gewalt der Geiselnehmer ist.

Es kommt aber noch absurder. Normalerweise sollte man erwarten, dass unter den Geiseln Angst und Schrecken herrscht und Panik ausbricht. Doch weit gefehlt – die Terroristen verkünden fröhlich, dass man sich keine Sorgen machen solle und weiter für eine Bewirtung der „Gäste“ gesorgt werde. Anschließend verharren die Geiseln dann entspannt in den Zelten und stopfen Grillhähnchen und Bier in sich hinein. So vergeht ein Tag nach dem anderen, ohne dass sich wirklich etwas tut. Polizei und Behörden streiten sich um die Verantwortung in dieser Angelegenheit, das Militär schaltet sich mit ein und eine Flut neuer Personen wird eingeführt. Da gibt es dann den Kapitän zur See Wolfgang Härter, welcher sich im Laufe der Geschichte als ultimativer Superheld herausstellen soll. Dann ist da noch der Polizist Alois Kroneder, welcher im Kreis der wichtigen Leute mitmischen darf und der von jedem erzählt bekommt, was für ein toller Polizist er doch sei. Nicht fehlen dürfen natürlich dann noch BKA-Beamte, Spezialeinheiten usw. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass viele Protagonisten noch mehrere Decknamen haben und damit verbunden andere Identitäten.

Das größte Problem bei den Protagonisten jedoch ist, dass alle absolut profillos sind. Die Figuren sind sowas von austauschbar, und ich konnte beim besten Willen keine Identifikationsfigur finden. Die Terroristen sind ebenfalls nicht wirklich furchteinflößend, auch wenn der Autor krampfhaft versucht, diese als unglaublich böse darzustellen. Dabei stellt sich dann heraus, dass der Autor anscheinend einen merkwürdigen Augenfetisch hat. Bei nahezu jeder Gelegenheit werden die Augen der Hauptwidersacher – Kapitän zur See Wolfgang Härter und Terroristen-Anführer Oleg Blochin – hervorgehoben. Wenn man dabei wenigstens variieren würde; aber nein: Blochin ist immer „heller Fels“ und der Deutsche „blaues Feuer“. Was Scholder damit bezwecken will, ist mir bis zum Ende schleierhaft geblieben.

Zudem sind die Namen der Protagonisten wirklich dermaßen bescheuert gewählt. So heißt der Terrorist „Oleg Blochin“ – wie Europas Fußballer des Jahres von 1975 und heutige ukrainische Trainer der Fußball-Nationalmannschaft. Das mag man noch durchgehen lassen. Schlimmer ist da schon der Kapitän zur See Wolfgang Härter (falls sich jemand beim Lesen der Rezension fragen sollte, warum ich immer den Titel „Kapitän zur See“ davorsetze – das macht der Autor ebenfalls bis zum Erbrechen). Da ist der Name anscheinend Programm, denn der deutsche Superagent ist ultrahart und ein deutscher James Bond. Das bekommt man dann im letzten Satz mit dem Dampfhammer eingeprügelt, in welchem der Kapitän zur See doch tatsächlich sagt: „Ich bin Härter. Wolfgang Härter.“. Der Gipfel der Namensschöpfungen ist jedoch der Kommandant des Flugzeugträgers USS Enterprise. Dieser heißt doch tatsächlich „James Tiberius“ – wie der berühmte Star Trek-Captain James Tiberius Kirk. Das ist wirklich unglaublich affig und nimmt der Geschichte absolut jede Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit.

Dabei ist der Autor sonst so sehr um Seriosität bemüht. Bei Waffen und Fahrzeugen wirft er nur so mit Fakten um sich und lässt kein Detail aus. Das ist jedoch ziemlich langweilig, weil die Informationen völlig unerheblich für die Handlung sind. Wie man es besser macht, zeigt hier zum Beispiel das kürzlich von mir rezensierte „Defcon One. Angriff auf Amerika“. Dort bringt der Autor ebenfalls Hintergrundwissen mit ein, sucht sich dort aber wirklich interessante Fakten heraus und streut diese zudem genau in der richtigen Länge ein.

Das größte Problem ist aber weiterhin die Glaubwürdigkeit. So darf der Kapitän zur See Wolfgang Härter (na, nervt es schon?) den Bundeskanzler herumkommandieren und der ach so noble Bundespräsident lässt sich für ein paar Geiseln eintauschen. Das wird alles so bierernst verkauft, ist meiner Meinung nach aber völlig unrealistisch. Auch hier sei ein Verweis auf „Defcon One“ angebracht. Dort wird ebenfalls einiges überspitzt, allerdings bekommt der Leser das alles mit einem Augenzwinkern präsentiert. Die Autoren möchten dort einfach gut unterhalten. Scholder aber bemüht sich krampfhaft um Realismus – und wirft dann alles mit seinen bescheuerten Namen und den unglaubwürdigen Aktionen der Hauptfiguren um.

Die Auflösung wird dann ebenfalls abenteuerlich. Dort führt der Autor die anfangs aufgeworfenen Handlungsfetzen zusammen, die Verflechtungen sind bei allem Respekt aber an den Haaren herbeigezogen. Hier möchte ich aber nicht zu viel verraten, denn dann ist das letzte bisschen Spannung ebenfalls dahin.

Zum Sprecher:
Gelesen wird das Hörbuch „Oktoberfest“ von Detlef Bierstedt, der deutschen Synchronstimme von George Clooney. Allerdings hat dieser auch schon bessere Auftritte abgeliefert. Es scheint fast so, als sei er ebenfalls ein bisschen gelangweilt von der mauen Story. Neulingen mag dies vielleicht nicht auffallen, Kenner der Harlan-Coben- oder Dan-Simmons-Hörbücher aber werden feststellen, dass Bierstedt deutlich mehr kann, als er bei „Oktoberfest“ zeigt.

Ein zusätzlicher Schwachpunkt ist der bayerische Akzent, welchen Bierstedt dem Polizisten Alois Kroneder verpasst. Dieser klingt leider unfreiwillig komisch, was für die Glaubwürdigkeit der Geschichte ebenfalls nicht wirklich hilfreich ist.

Mein Fazit:
„Oktoberfest“ hätte so gut werden können – leider ist es in meinen Augen aber eine Enttäuschung. Das Szenario mit einem Terroranschlag auf dem Oktoberfest ist wirklich kreativ und vielversprechend. Aber Scholder macht daraus leider so unglaublich wenig, dass es irgendwie richtig ärgerlich ist. Fast scheint es, als sei er ein bisschen selbstverliebt und möchte auf Teufel komm raus so gut schreiben wie ein Tom Clancy oder ein Frederick Forsyth. Das geht leider in die Hose. Belanglose und blasse Hauptfiguren, hanebüchene Storywendungen und unverzeihliche Albernheiten (James Tiberius – einfach ohne Worte!) ergeben einen bestenfalls durchschnittlichen Thriller. Da kann leider auch Detlef Bierstedt nichts mehr rausreissen. Eigentlich wollte ich noch wohlwollende fünf Punkte geben, beim Schreiben dieser Rezension habe ich mich dann aber so geärgert, dass die finale Wertung noch etwas schwächer ausfällt.

Meine Wertung: 4/10

Informationen:
Das Hörbuch hat eine Länge von 16 Std. und 56 Min. und ist ungekürzt für 24,95 Euro (9,95 Euro im Flexi-Abo) bei audible.de erhältlich. Eine gekürzte Fassung (7 Std. und 34 Min.) gibt es bereits für 15,95 Euro. Weitere Infos auf der Detail-Seite bei audible.de. Der Trailer zum Hörbuch ist unten eingebettet.


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