Der Name John Grisham steht wie kaum ein zweiter für das Genre der Justizthriller, welches ohne den amerikanischen Rechtsanwalt und Bestsellerautor vielleicht heutzutage nur eine Randnotiz im Bereich der Spannungsliteratur wäre. Gerade die frühen Grisham-Werke wie „Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“ oder „Die Kammer“ gelten längst als Klassiker, wozu sicherlich auch einige sehr erfolgreiche Buchverfilmungen mit Hollywoodstars wie Tom Cruise, Sandra Bullock, Matthew McConaughey, Denzel Washington oder Julia Roberts beigetragen haben. An den Weltruhm der 1990er Jahre konnten die jüngeren Werke zwar (bisher) nicht mehr ganz anknüpfen, trotzdem ist dem Autor nach wie vor praktisch im Jahresrhythmus ein Platz weit vorne auf den Bestsellerlisten sicher.

Ein untypischer Grisham-Roman

Dass Grisham auch abseits des Gerichtssaals spannende Geschichten zu erzählen weiß, hat er zwar u.a. schon mit der sentimentalen Football-Story „Der Coach“ (eng. „Bleachers“) unter Beweis gestellt, trotzdem sind solche Ausreißer in der Vita des Autors eher selten. Zu dieser Kategorie gehört jedoch nun auch „Das Original“, sodass man diesen Roman als eingefleischter Grisham-Fan ein wenig mit Vorsicht genießen muss, denn so viel sei bereits verraten: mit den sonstigen Werken des Autors hat diese Hommage an die Literaturbranche eher wenig zu tun.

Ein Raub erschüttert die Literaturwelt

Dabei beginnt „Das Original“ zunächst einmal spektakulär, denn aus der Bibliothek der renommierten Princeton-Universität in New Jersey werden fünf handgeschriebene Manuskripte von F. Scott Fitzgerald gestohlen – ein unschätzbarer Verlust für die Universität und die internationale Literaturwelt. Eine Unachtsamkeit eines der Räuber bei diesem ansonsten so minutiös geplanten und präzise ausgeführten Diebstahls bringt das FBI jedoch schnell auf die Spur der Kriminellen und zu ersten Fahndungserfolgen, der Aufenthaltsort der Manuskripte bleibt jedoch im Dunkeln.

Von der Schreibblockade zur Retterin?

Dieser Einstieg klingt doch schon einmal ziemlich dramatisch und spannend, doch zum einen wird dieser Millionen-Coup von John Grisham relativ nüchtern, ohne große Emotionen und im Schnelldurchlauf geschildert, zum anderen liegt damit schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Handlungshöhepunkt hinter den Lesern – zumindest was den kriminalistischen Aspekt der Geschichte betrifft. Denn ab hier schaltet der Autor mehrere Gänge zurück und es wird fast schon gemütlich: von den skrupellosen Literaturräubern springt Grisham zur überaus durchschnittlichen Schriftstellerin Mercer Mann, die mit ihrem Debütroman zwar einigermaßen erfolgreich war, seitdem aber nichts Lesenswertes mehr zu Papier gebracht hat und sich mit ihren noch jungen 31 Jahren mitten in einer Schaffens- und Sinnkrise befindet. Ausgerechnet sie soll nun zur Heldin von Grishams Geschichte werden, denn das FBI sieht in Mercer Mann plötzlich die große Chance, die gestohlenen Manuskripte ausfindig und die Diebe dingfest zu machen.

Undercover in der Buchhandlung

Zugegebenermaßen klingt das schon ein wenig an den Haaren herbeigezogen, für passionierte Leseratten nimmt das folgende Szenario aber beinahe paradiesische Ausmaße an: Eine Autorin soll auf einer idyllischen Insel in Florida eine Art Doppelagentin spielen und sich mit ihren Insiderkenntnissen über die Literaturszene in die Gunst eines reichen und attraktiven Buchhändlers bringen, um so eines der spektakulärsten Verbrechen der jüngeren Geschichte aufzuklären. Im Vergleich zu den sonst so seriösen Justizthrillern wirkt „Das Orignal“ hier fast schon wie ein klischeebehafteter Schundroman und ehrlich gesagt ist dieser Roman in Grisham-Maßstäben schon eher im Bereich „seichte Unterhaltung“ anzusiedeln.

Einblicke in einen verlockenden Mikrokosmos

Wer sich nach der Lektüre zahlreicher Grisham-Thriller also selbst schon fühlt, als hätte er erfolgreich das Jurastudium absolviert und sei ein alter Hase in den Gerichtssälen dieser Welt, der dürfte eine gewisse Enttäuschung über dieses Buch wohl kaum unterdrücken können. Für den krimi-affinen Buchnerd hingegen entwickelt „Das Original“ jedoch eine überraschende Sogwirkung, weil Grisham einfach die richtigen Knöpfe drückt: das paradiesische Camino Island als Schauplatz ist genauso perfekt gewählt wie die beeindruckende Buchhandlung des vermeintlichen Bösewichts dieser Geschichte, man lässt sich von den Charakteren relativ leicht um den Finger wickeln und es gibt immer noch genug Krimianteile, um zumindest ein gewisses Spannungslevel aufrechtzuerhalten. Vermutlich ist es einfach der Einblick in diese ganz eigene Literaturwelt, die eine solche Anziehung ausübt – denn welcher begeisterte Leser fühlt sich nicht zumindest ein bisschen angezogen von dem Lebensgefühl, welches John Grisham hier vermittelt: ein Haus am Strand, scheinbar unendlich viel Zeit, der Traum von einem eigenen Roman, eine Buchhandlung voller Schätze, Dinnerpartys mit Autoren und Buchhändlern und das alles weit weg von den finanziellen Sorgen der „normalen“ Welt?

Cosy crime à la John Grisham

So wird „Das Original“ sicher kein weiterer Klassiker in der Bibliographie des Bestsellerautors, diese ganz spezielle Mischung aus „cosy crime“, Urlaubsatmosphäre und Literaturwelt ist jedoch auf eine gewisse Weise irgendwie „süffig“ – ohne großen Anspruch, aber eine sehr gute Strandlektüre oder auch bestens geeignet, um sich im kalten Winter dick eingepackt auf der Couch ein wenig wegzuträumen. Kein typischer, aber dennoch ein guter Grisham.

Das Original – John Grisham
  • Autor:
  • Original Titel: Camino Island
  • Umfang: 368 Seiten
  • Verlag: Heyne
  • Erscheinungsdatum: 21. August 2017
  • Preis Geb. Ausgabe 19,95 €/eBook 9,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
8/10
Fazit:
John Grisham tauscht Gerichtssaal gegen Buchhandlung und liefert mit "Das Original" einen fast schon gemütlichen Literaturkrimi, der vor allem mit paradiesischem Florida-Feeling und dem bibliophilen Setting punktet.

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