Es ist – unabhängig vom Genre eines Buches – immer von Vorteil, wenn Autoren genau wissen, worüber sie schreiben und es gibt viele Schriftsteller, die ihre persönlichen Erfahrungen oder Kenntnisse in ihren Romanen verarbeitetet haben – man denke zum Beispiel an schreibende Rechtsmediziner, die etwa von ihren schlimmsten Fällen in blutigen Thrillern erzählen. Auch der Autorin Karen Dionne kommen bei ihrem Buch „Die Moortochter“ ihre eigenen Erfahrungen zugute und diese sind wirklich außergewöhnlich: Dionne hat als junge Frau viele Jahre mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter ein alternatives Leben in einer abgeschiedenen Hütte auf der Upper Peninsula, der Oberen Halbinsel des US-Bundesstaates von Michigan, geführt. Dieses gewaltige Gebiet an der Grenze zu Kanada nimmt fast ein Drittel der Landfläche Michigans ein, stellt aber nur drei Prozent der Gesamtbevölkerung des Staates – dementsprechend einsam ist das Leben im hohen Norden der USA und somit der perfekte Lebensraum für Aussteiger wie eben die junge Karen Dionne.

Aufgewachsen in der Wildnis – als Tochter eines Psychopathen

Mittlerweile hat die Autorin das Leben im Wald hinter sich und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Detroit, man muss aber nur den Klappentext von „Die Moortochter“ lesen um deutliche Parallelen zum Leben der Verfasserin zu erkennen – zumindest was das Setting betrifft. Hauptfigur des Buches ist Helena Pelletier, die mit ihrem Mann und zwei kleinen Töchtern ebenfalls auf der Upper Peninsula lebt und sich neben ihrer Rolle als Mutter ein kleines, aber durchaus florierendes Geschäft mit Marmeladen und Gelees aus heimischen Früchten und Pflanzen aufgebaut hat. Helena kennt die Wildnis vor ihrer Haustür wie die eigene Westentasche, was sie vor allem ihrer außergewöhnlichen Kindheit zu verdanken hat, als sie mit ihrem Eltern in einer einfachen Blockhütte mitten im Moor aufwuchs und jeden Tag in den Wäldern verbrachte, wo ihr Vater ihr das Jagen, das Fährtenlesen und das Überleben in der freien Natur beibrachte. Was Helena damals aber nicht wusste: ihr Vater war die ganze Zeit über ein gefährlicher Psychopath, der ihre Mutter als junges Mädchen entführt und vergewaltigt und sie zu einem Leben in der Wildnis gezwungen hatte – davon erfuhr Helena aber erst, als sie selbst bereits im Teenageralter war. Fünfzehn Jahre nach ihrer Befreiung hat Helena ihre Vergangenheit scheinbar hinter sich gelassen, doch als sie in den Nachrichten erfährt, dass ihr Vater aus dem Hochsicherheitsgefängnis, in dem er seit Jahren für seine Verbrechen eingesessen hatte, entkommen ist, weiß sie sofort, dass ihre Kindheit sie nun mit voller Wucht wieder eingeholt hat – denn auch wenn die Polizei davon überzeugt ist, dass Jacob Holbrook sich schnellstmöglich ins Ausland absetzten will, so ist Helena davon überzeugt, dass ihr Vater zunächst ein ganz anderes Ziel hat: seine Tochter.

Eine beeindruckende Naturkulisse im Norden Michigans

„Die Moortochter“ kommt mit dem Aufdruck „Psychothriller“ daher und auch die Beschreibung lässt einen packenden Survival-Thriller vermuten, doch dieser Eindruck täuscht ein wenig. Karen Dionnes Roman besteht gefühlt zu mindestens 80% aus Rückblenden und erzählt hauptsächlich von Helena Pelletiers Kindheit im Moor, dagegen nimmt die Gegenwarts-Handlung nach dem Gefängnisausbruch ihres Vaters nur einen Bruchteil des Buches ein. Trotzdem ist „Die Moortochter“ ab der ersten Seite an packend, was vor allem an zwei Faktoren liegt. Der erste große Trumpf des Romans ist das Setting, welches Karen Dionne ihren Lesern mit einer unglaublichen Intensität nahebringt. Die Autorin schildert detailliert die Flora und Fauna der Upper Peninsula und vermittelt viele interessante Fakten über diese außergewöhnliche Naturkulisse, sodass man sich die Landschaft in jedem Augenblick bildlich vorstellen kann und sich fast selbst so fühlt, als würde man an der Seite der Protagonistin durch die Wälder streifen, Fährten lesen, Bären jagen oder durch eiskalten Schnee stapfen. Es mag vielleicht nicht jeder Leser unbedingt wissen wollen, aus welchen Früchten man am besten Gelee herstellen kann oder wie man am saubersten ein Reh ausweidet, wer aber nur ein wenig Begeisterung für die Natur im Allgemeinen und die nordamerikanische Wildnis im Speziellen aufbringen kann, der dürfte sich in vielen Momenten bei der Lektüre vorkommen wie im Abenteuerurlaub.

Fürsorglicher Vater oder grausamer Psychopath?

Die zweite große Stärke des Buches ist die ungewöhnliche und ungemein faszinierende Vater-und-Tochter-Beziehung zwischen Helena Pelletier und Jacob Holbrook, denn wer den Klappentext des Buches liest, stellt sich Helenas Vater wohl ganz automatisch als brutales Monster vor, der ein wehrloses Mädchen in den Wald verschleppt und sich jahrelang als Sex-Sklavin gehalten hat. Natürlich trifft das zu einhundert Prozent auch zu und Jacob ist in der Tat ein kaltblütiger Vergewaltiger und Mörder, doch Helena ist im Moor eben auch in völliger Isolation aufgewachsen (mit einem Jahrzehnte alten „National Geographic“-Heft als einziger Verbindung zur Außenwelt) und kannte schlichtweg keine anderen Menschen außer ihren Eltern. Für das kleine Mädchen war ihr Vater ein absoluter Held, der ihr die Faszination der Natur gezeigt und für sie jeden Tag in der Wildnis zum Abenteuer gemacht hat – vor allem wenn sie mit ihrem Vater jagen durfte oder sie im Wald verstecken gespielt haben. Und wenn Helena rückblickend über ihre Kindheit berichtet, dann kann man diese Bewunderung und vielleicht sogar Liebe überraschenderweise auch absolut nachvollziehen – auch wenn für den Leser zwischendurch immer wieder die dunkle Seite des Vaters durchscheint, etwa wenn dieser seine Frau verachtet und schlägt und die kleine Helena mit grausamen Strafen diszipliniert. Gerade dieses Wechselspiel zwischen fürsorglichem Vater und eiskaltem Psychopathen macht die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren des Buches so wahnsinnig interessant, selbst wenn handlungstechnisch gesehen über weite Strecken des Romans eigentlich kaum etwas passiert.

Ein packendes Vater-Tochter-Drama mit einem Hauch Survival-Thriller

„Die Moortochter“ ist sicherlich kein typischer Thriller und wer Nervenkitzel auf jeder Seite und unvorhergesehene Wendungen erwartet, der wird von dieser insgesamt doch recht geradlinigen (und damit in weiten Teilen auch vorhersehbaren) Geschichte vermutlich etwas enttäuscht werden. Lässt man sich aber auf dieses ungewöhnliche Abenteuer ein und saugt die außerordentliche Atmosphäre dieses Buches auf, dann entwickelt Karen Dionnes Roman von Beginn an eine sehr starke Sogwirkung, der man sich nur schwer wieder entziehen kann. Der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart funktioniert hervorragend, die Charakterzeichnung ist sehr gelungen und wenn man zwischendurch die kurzen Auszüge aus Hans Christian Andersens Märchen „Moorkönigs Tochter“ liest, dann fragt man sich, ob „Die Moortochter“ vielleicht sogar ein wenig als modernes Retelling durchgehen darf. Wer sich von der Bezeichnung „Psychothriller“ nicht in die Irre führen lässt, der bekommt hier einen sehr packenden Abenteuerroman mit einem Hauch Survival-Thriller geboten, der ungemein spannend ist, ohne dabei im klassischen Sinne spannend zu sein.

Vielen Dank an den Goldmann Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! Link zum Buch

Die Moortochter
  • Autor:
  • Original Titel: The Marsh King's Daughter
  • Umfang: 384 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • Erscheinungsdatum: 24. Juli 2017
  • Preis Broschiert 12,99 €/eBook 9,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
8/10
Fazit:
Karen Dionne erzählt mit "Die Moortochter" eine außergewöhnliche und sehr packende Geschichte, die vor allem von der beeindruckenden Naturkulisse und der hochgradig faszinierenden Vater-Tochter-Beziehung der beiden Hauptfiguren lebt – ein mitreißender Psychothriller, der im Kern eigentlich eher ein düsteres Familiendrama ist.

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