Als Hauptfigur in einem knallharten Thriller hat man es in der Regel nicht leicht, doch was der US-amerikanische Autor Cody McFadyen seiner Protagonistin Smoky Barrett im Reihenauftakt „Die Blutlinie“ zumutet, dürfte selbst hartgesottenen Lesern an die Nieren gehen, denn die Geschichte hat noch nicht einmal begonnen, da ist die FBI-Agentin schon längst am absoluten Tiefpunkt ihres Lebens angekommen: Vor sechs Monaten drang ein Fremder in das Haus ihrer Familie ein, misshandelte und vergewaltigte Smoky und tötete vor deren Augen ihren Ehemann und ihre kleine Tochter. Seitdem ist die zuvor so resolute und erfolgreiche Agentin vom Dienst befreit und vegetiert überwiegend hilflos und seelisch völlig zerstört vor sich hin, was darin gipfelt, dass Smoky im ersten Kapitel des Buches kurz davor ist, sich das Leben zu nehmen und ihre Seelenqual endlich zu beenden. Ein letzter verzweifelter Schritt soll letztlich über Leben und Tod entscheiden: Die Agentin stattet nicht nur ihrem Therapeuten, sondern auch ihren Kollegen von der auf Kindesentführungen und Serienmorde spezialisierten CASMIRC-Einheit einen Besuch ab, um herauszufinden, ob sie auch nur annähernd wieder zu einem diensttauglichen Zustand zurückfinden kann.

Zwischen Selbstzerstörung und Serienmorden

Die Geschichte wäre natürlich schnell zu Ende erzählt, wenn Smoky scheitern und sich anschließend die Kugel geben würde, daher überrascht es nur bedingt, dass die offenbar nicht so leicht totzukriegende Frau sich wieder in die Jagd auf den Abschaum der Menschheit stürzt – überraschend dürfte wohl lediglich sein, wie schnell die auf den ersten Seiten des Buches noch fast völlig lebensmüde Ermittlerin wenige Kapitel später schon wieder im Sattel sitzt. Diese rasante Erholung mag ebenso wenig realistisch sein wie die Entscheidung ihres Vorgesetzten, eine derart labile Polizistin wieder an einem Mordfall mitarbeiten zu lassen, doch die Geschichte wäre schließlich nicht einmal halb so spannend, wenn Agent Barrett statt von der Jagd auf einen wahnsinnigen Killer eher von ihren anstrengenden Therapiesitzungen oder den vielen Stunden und Tagen in verzweifelter Einsamkeit und Trauer erzählen würde.

Schmerz, der süchtig macht

Glück also für Cody McFadyens Leser, wobei „Glück“ sicherlich relativ ist, schließlich jagt der Amerikaner sein Publikum auf den 476 Seiten von einem Albtraum in den nächsten und bietet dabei so gut wie keine Momente zum Durchatmen. Dabei ist es nicht einmal die (zugegeben nicht zu verharmlosende, aber dennoch nicht außergewöhnlich hohe) Brutalität des Thrillers, welche die Leser zielsicher in ein psychisches Wrack verwandelt, sondern wohl vor allem die seelische Grausamkeit, mit welcher der Autor seine Charaktere ohne Gnade und Unterlass terrorisiert. Wenn man nur ein einziges Wort finden sollte, das „Die Blutlinie“ bestmöglich widerspiegelt, dann dürfte die Wahl wohl ohne lange Überlegung auf „Schmerz“ fallen, denn davon bietet der Auftakt der Smoky-Barrett-Reihe jede Menge – und fast mehr, als man ertragen kann. Immer wenn man denkt, Smoky und ihr Team müssten das Schlimmste hinter sich haben, wartet McFadyen mit einer neuen Gemeinheit auf und verpasst Charakteren und Lesern einen neuerlichen Faustschlag in die Magengrube. Das besonders fiese dabei: man wird beim Lesen förmlich süchtig nach diesem Schmerz und kann sich kaum vom Buch abwenden – vielleicht sorgt aber auch einfach die andauernde Ohnmacht angesichts der unerbittlichen Seelenqualen dafür, dass man nicht genug Kraft hat, sich der Geschichte zu entziehen.

Ein verschworener Haufen gegen das Verbrechen

Der Schmerz würde einem beim Lesen vielleicht gar nicht mal so nahe gehen, wenn man es mit leblosen, unsympathischen oder uninteressanten Charakteren zu tun hätte, doch wenn man von Teammitglied James, dem unbestrittenen (aber leider nun einmal sehr fähigen) Kotzbrocken in Smokys CASMIRC-Einheit absieht, wachsen einem die Figuren meist schon beim ersten Aufeinandertreffen unmittelbar ans Herz. Dabei sind Smoky, ihre Kollegen und Freunde nicht nur ungemein sympathisch, sondern haben alle auch ihren eigenen „Rucksack“ zu tragen, der sie in ihrem Leben immer wieder vor Herausforderungen stellt. Smokys tragische Geschichte wurde eingangs bereits erwähnt, doch auch die nach außen scheinbar perfekte Callie oder der wahnsinnig gutmütige Alan – beide Arbeitskollegen von Smoky – müssen nicht nur im Rahmen ihrer Arbeit Tag für Tag in finstere Abgründe blicken, sondern auch privat ihre ganz eigenen Kämpfe austragen – und selbst der unnahbare James ist nicht ohne Grund zum abweisenden, anscheinend gefühlskalten Arschloch geworden. Eine derartige Häufung bedauernswerter Einzelschicksale mag vielleicht etwas dick aufgetragen sein, verfehlt aber nicht seinen Zweck: man leidet und fiebert mit den Charakteren mit, was nicht nur zusätzlich an die Story fesselt, sondern natürlich auch den empfundenen Schmerz noch weiter verstärkt – es geht einem beim Lesen einfach nahe, wenn Smoky und Co. Kapitel für Kapitel einen Tiefschlag nach dem nächsten einstecken müssen und dennoch nicht aufgeben, so schwer der Kampf gegen das Verbrechen und für die Gerechtigkeit der Opfer manchmal auch fallen mag.

Ein moderner Klassiker des Thriller-Genres

Cody McFadyen macht mit „Die Blutlinie“ also sehr vieles richtig und leistet sich eigentlich keine einzige signifikante Schwäche: der Fall ist spannend, dramatisch, erschütternd, verstörend und überraschend, die Charaktere sind für einen Thriller wirklich differenziert ausgearbeitet und überzeugen bis in die Nebenrollen und auch der Schreibstil weiß zu gefallen – man darf dabei durchaus lobend erwähnen, dass Cody McFadyen als Mann sehr glaubwürdig aus der Ich-Perspektive einer weiblichen Ermittlerin schreibt. Wenn man unbedingt ein Haar in der Suppe sucht, könnte man vielleicht darüber diskutieren, ob der Autor es mit dem persönlichen Drama nicht manchmal ein wenig übertreibt oder die Story vielleicht ein klein wenig überkonstruiert ist – das dürfte aber kaum auffallen, wenn man der Ohnmacht nahe und von seelischen Schmerzen geplagt an den Seiten klebt und sich einerseits wünscht, dass die Tortur endlich enden möge und andererseits derart süchtig nach dem Buch ist, dass man traurig die immer weniger werdenden Seiten bis zum Ende des Romans durch die Finger rinnen spürt. „Die Blutlinie“ hat zwar inzwischen gerade einmal zehn Jahre auf dem Buckel, dürfte aber jetzt schon als moderner Klassiker des Thrillergenres gelten, den man als Fan nervenzerfetzender Spannungsliteratur einfach gelesen haben muss.

Die Blutlinie (Smoky Barrett #1)
  • Autor:
  • Original Titel: Shadow Man
  • Reihe: Smoky Barrett #1
  • Umfang: 476 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • Erscheinungsdatum: 15. April 2008
  • Preis Taschenbuch 9,99 €/eBook 8,49 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Cody McFadyen erweist sich mit dem Reihenauftakt „Die Blutlinie“ nicht nur als Meister der Spannung, sondern auch als gnadenloser Folterknecht, der seine Charaktere und Leser von einem Albtraum in den nächsten jagt und dabei so sehr mit seelischen Qualen malträtiert, dass man mit fortschreitender Geschichte eine regelrechte Abhängigkeit vom Schmerz entwickelt und sich der Handlung schlicht nicht mehr entziehen kann – was neben der schockierenden Story auch an den komplexen und lebendigen Charakteren liegt, mit denen man sich so leicht und widerstandslos solidarisiert, dass sich deren Leid fast 1:1 auf den Leser überträgt. Ein teuflisch guter Thriller!

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